Lesesäle funktionieren als Partnerbörsen

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Zum Start der Buchmesse in Leipzig : Die Nationalbibliothek ist das Gedächtnis der Nation
Judka Strittmatter
Konzentriert. Der älteste Lesesaal hat sich seit 1916 kaum verändert. In den Magazinen stehen 17,5 Millionen Medienwerke.
Konzentriert. Der älteste Lesesaal hat sich seit 1916 kaum verändert. In den Magazinen stehen 17,5 Millionen Medienwerke.Foto: Isabela Pacini

Schön ist der Bau auch von innen. Im alten Teil geht’s über Marmorböden, vorbei an Mosaiken und Ornamenten. Inzwischen vorbei an Kameras, seit sich jemand am Ölgemälde, das die Gründungsväter zeigt, zu schaffen machte. Acht Säle stehen den Besuchern offen, von cool bis gediegen, darunter einer mit Namen „Shoah“ für Holocaust- und Exilliteratur. Im „Lesesaal Geisteswissenschaften“ hätte das Harry-Potter-Filmteam ein probates Set gefunden mit seiner Wandvertäfelung, den grünen Bankerlampen. Unter denen verfällt der eine oder andere Richtung Nachmittag gern in ein Nickerchen.

Man kann sich wohlfühlen in der DNB, so sehr, dass Jörg Räuber manchem Benutzer unterstellt, er würde hier im Hause wohnen. Früh um neun zur Pfortenöffnung, pünktlich da, zur Schließung um 22 Uhr erst wieder raus. Und funktionieren Lesesäle aller Bibliotheken weltweit nicht auch als Partnerbörsen? In der DNB bahnten sich Ehen an, bei einer „Museumsnacht“ erzählten Pärchen ihre Kennenlern-Story.

Von der alten Pracht führt ein Gang zur neuen, ins Deutsche Buch- und Schriftmuseum. Der Anbau ist so gläsern, weiß und licht, dass er wenig museal wirkt. Hinter fünfschichtigem Spezialglas werden auf gut 1000 Quadratmetern bei buch- und menschenfreundlichen Temperaturen 5000 Jahre Mediengeschichte abgebildet.

Tricks und Kniffe, die Zensur zu umgehen

Es ist das Reich von Stephanie Jacobs, Museumsleiterin, vor zehn Jahren in Leipzig angekommen. Eine versierte Kuratorin, die hier den Spagat versucht. Mit ihrer Ausstellung „Von der Keilschrift zum Binärcode“ will sie den Literaturprofessor ebenso begeistern wie das Teeniemädchen. Man darf annehmen, dass das so ziemlich jeden Tag gelingt.

In bumerangförmigen Vitrinen warten Exponate wie die Gedächtniskette aus dem 19. Jahrhundert, die – gespickt mit Holzfiguren – dem Märchenerzähler als Gedächtnisstütze diente. Oder das Kerbholz, das mit seinen Schnitzern eine Art Vertragsvorläufer darstellt. Ein Bauer schuldet dem anderen zehn Schafe, macht zehn Kerben. Zeichen als Vorfahren der Schrift, das wird hier abgebildet.

Zuständig. Die Museumsleiterin Stephanie Jacobs kümmert sich um 5000 Jahre Mediengeschichte auf 1000 Quadratmetern.
Zuständig. Die Museumsleiterin Stephanie Jacobs kümmert sich um 5000 Jahre Mediengeschichte auf 1000 Quadratmetern.Foto: Isabela Pacini

Einkaufszettel, Leuchtschrift, Tarnschrift oder Liebesbrief, der Mensch notiert schon ziemlich lange. Aber er zensiert auch gern und viel. Und schon kommt der Teil des Museums, der das meiste Staunen provoziert: Tricks und Kniffe, die Zensur erfolgreich zu umgehen. Regimekritische Schriften in Teebeuteln, in Fahrplänen und Pflanzensamen-Tütchen.

Am Anfang fürchtete sich Stephanie Jacobs noch, durchs Gästebuch zu blättern, die Leipziger können echte Meckerfritzen sein. Doch inhaltlich war alles „scheen“. Beklagt wurde hauptsächlich das Fehlen von Klappstühlen für Rentner, die Spiegelung an den Vitrinen, und dass kein Café im Anschluss an den Rundgang wartet. Es gab allerdings auch Meinungen wie diese, anonym hinterlassen: „Und alle meinen, ich sei verrückt, wenn ich später mal in der DNB arbeiten will. Die haben ja keine Ahnung!“

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