So hört sich das an, wenn Panzer rollen

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Zwei Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei : Nachtgedanken: Alles begann mit Stillstand
Veronika Völlinger
Noch während des Aufstandes beschwört Erdogan die Türken, gegen die Putschisten zu demonstrieren.
Noch während des Aufstandes beschwört Erdogan die Türken, gegen die Putschisten zu demonstrieren.Foto: Bulent Kilic/AFP

Es ist fast Mitternacht. Wir steigen aus, Luft schnappen. Der Busfahrer kramt Wasserflaschen und ein paar Kekse hervor. Wir teilen. Vor uns steht ein Kleinlaster, auf der Ladefläche türmen sich Melonen. „Die wären für das Militär gewesen, aber ich schätze, die brauchen sie jetzt gerade nicht“, sagt der Lieferwagenfahrer. Galgenhumor. Wir müssen lachen. Hier im Stau haben wir keine Angst, noch nicht, spüren nur diese nervöse Neugier, mit der man einer absurden Situation begegnet. Was, wenn die Flughäfen eine Woche lang oder länger lahmgelegt sind?, denke ich. „Hoffentlich komme ich hier wieder weg“, tippe ich in mein Handy.

Plötzlich vibriert der Boden. Ein Erdbeben? In der Ferne grollt metallenes Scheppern. Es kommt näher. Auf den vier Spuren der Gegenfahrbahn, aus der Stadt heraus, ist schon seit Stunden kein Auto mehr gefahren. Das Dröhnen wird lauter, und plötzlich rattern vier, fünf Panzer als Geisterfahrer vorbei. Verstärkung. So hört sich das also an, denke ich, wenn Panzer rollen.

Das Internet wird nicht zensiert, wir lesen auf Twitter mit, was nur wenige Kilometer entfernt passiert. CNN überträgt ein Interview, das Präsident Recep Tayyip Erdogan via Facetime gibt. „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln“, sagt er. Eine Fernsehkamera filmt ein verpixeltes Handyvideo des Präsidenten, der nicht selten soziale Netzwerke zensiert. Die Türken im Bus, die das schon selbst erlebt haben, wundern sich.

Plötzlich donnern Kampfjets heran

Irgendwann fließt der Verkehr wieder. Langsam. Warum, wissen wir nicht. Gegen drei Uhr fahren wir von der Autobahn ab. Jetzt nur noch in das nächstgelegene freie Hotel, bloß nicht mehr draußen unterwegs sein. Jederzeit könnte etwas passieren. Vor den Fenstern unseres Kleinbusses ziehen die Menschen durch die Straßen, wie sie Erdogan dazu aufgerufen hat. Junge Männer und Frauen schwenken Fahnen, hupende Autos kommen uns entgegen.

Wir können das Hotel schon sehen, als plötzlich Kampfjets herandonnern. Etwas knallt, ich ducke mich auf meinem Sitz, wie alle anderen. Ein paar Stunden vorher hatten wir gelesen, dass in Ankara aus Helikoptern in Menschenmengen geschossen wurde. Ausgeliefert, so fühlen wir uns. Mein Herz hämmert, ich habe Angst um mein Leben. Sekunden später blicken wir hoch und aus dem Fenster. Nichts ist passiert. Die Flugzeuge hatten nur die Schallmauer durchbrochen.

Später lese ich, dass Menschen sich auch auf dem Taksim panisch auf den Boden warfen oder hinter Autos duckten, als Kampfjets im Tiefflug über den Platz jagten. Eine instinktive, hilflose Reaktion. Wer weiß schon, was man in so einer Situation tun soll? Ich weiß es nicht.

Im Hotel Asia Princess treiben die Angestellten mitten in der Nacht Toastbrot und Weißkäse auf. Außer uns ist niemand in der Lobby. Wir starren auf den Fernseher. Vor laufender Kamera marschieren junge Soldaten mit Maschinengewehren ins türkische CNN-Studio. Sie zwingen die Journalisten, die Redaktion zu verlassen. Es ist fast fünf Uhr, erste Gerüchte kursieren, dass die Putschisten scheitern. Wir beschließen, zu schlafen, wir wissen ja nicht, wofür wir morgen gerüstet sein müssen. Als ich im Hotelbett liege, höre ich einen Muezzin rufen, während die Fensterscheiben wegen der Druckwellen der Militärjets zittern.

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