Wurde die Demokratie gerettet?

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Zwei Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei : Nachtgedanken: Alles begann mit Stillstand
Veronika Völlinger
Tagelang feiern Erdogans Anhänger die Niederschlagung.
Tagelang feiern Erdogans Anhänger die Niederschlagung.Foto: Murad Sezer/Reuters

Am nächsten Morgen flimmert die Luft schon früh vor Hitze. Vom Balkon des Asia Princess schaue ich auf eine Kreuzung, die verlassen daliegt. Die Autos sind fort. Auf einer Infotafel am Straßenrand, die sonst Verkehrsmeldungen zeigt, steht: Die Demokratie hat gewonnen. Ein Spruch, den Tausende in den nächsten Tagen auf Plakaten lesen werden. Abends, bei den Demonstrationen auf dem Taksim-Platz, werden ihn die Menschen rufen – für die Republik, gegen den Putsch. Am Rand der zweiten Bosporusbrücke parkt ein verlassener Panzer.

Eigentlich wollte ich für diesen Text mit allen Türken sprechen, mit denen ich damals im Bus saß. Darüber, wie sie heute jene Nacht des 15. Juli sehen, und was seit dem in der Türkei passiert ist.

Nur Selin wollte reden. Zeynep antwortete: Sie fühle sich nicht wohl, darüber zu reden. Esra sagte: Sie habe gerade viel zu tun auf der Arbeit. Andere wollten nicht mal, dass ich erwähne, warum sie absagen. Haben sie Angst?

Oder ist es gar keine Angst, und sie sind nur enttäuscht, wie Deutschland seit jener Nacht auf die Türkei blickt?

Schon kurz nach dem gescheiterten Putschversuch gab es hierzulande Schlagzeilen wie: „War der Putsch inszeniert?“ In der Türkei wurde das häufig als Enttäuschung darüber verstanden, dass Erdogan nicht abgesetzt wurde. Das machte nicht nur AKP-Anhänger wütend, auch Oppositionelle, erklären mir Menschen, mit denen ich spreche. Gleiches lese ich immer wieder in der Zeitung, wenn Türken und Deutschtürken befragt werden. Die Menschen seien doch auf die Straße gegangen und haben die Demokratie gegen die Militärdiktatur verteidigt – das ist die offizielle Erzählung der Regierung. Für viele entspricht sie der Wahrheit.

Selin glaubt, sie kann etwas verändern

Doch es tut weh, von der Verteidigung der Demokratie zu sprechen, wenn sich diese seit jener Nacht immer schneller in Richtung Autokratie wandelt. Wo Menschen ohne Prozess im Gefängnis landen und die Meinungsfreiheit beschnitten wird.

Wurde die Demokratie gerettet, oder ist sie nun erst recht bedroht?

Deutschland kritisiert, dass es in der Türkei keine Rechtssicherheit mehr gibt. Erdogan wirft Deutschland vor, Putschisten und Terroristen Unterschlupf zu gewähren.

„So lange die Wahlen noch fair und frei sind, und die Menschen eine gute Ausbildung bekommen können, geht es weiter“, sagt Selin. Kurz nach dem gescheiterten Putschversuch ist sie für ein Studium nach Skandinavien gezogen, es war lang geplant. Doch jetzt wird sie zurückgehen. Sie glaubt, dass die Türkei gut ausgebildete Menschen wie sie braucht. Dass sie noch etwas verändern kann.

Vergangenes Jahr stimmten 51 Prozent der Türken dafür, ihre Verfassung so zu ändern, dass Erdogan mehr Machtbefugnisse erhält. Mit seinem Wahlsieg am 24. Juni dieses Jahres wird er zukünftig an der Spitze eines Präsidialsystems regieren.

52 Prozent stimmten für ihn.

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