Ein terroristischer Anschlag, nicht die Tat eines Kranken

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Update
Urteil über Massenmörder Breivik : Schuldig und nicht geisteskrank

Lyng fährt fort, liest, wie Breivik Jugendlichen auf der Insel gegenübertrat, vortäuschte, ihnen helfen zu wollen. Als sie ihn baten, sich auszuweisen, begann er zu schießen.

Wäre all das leichter zu verstehen gewesen, wenn er ein Verrückter wäre? Vielleicht.

Doch das Gericht glaubt nicht an die Taten eines Kranken, sondern an einen gut geplanten und brutal durchgeführten Anschlag, einen terroristischen Akt. Es kann möglich sein, heißt es, dass Anders Breivik zum Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfähig war. Bewiesen aber ist es für das Gericht nicht.

Vier forensische Psychiater hatten im Auftrag des Gerichts zwei Gutachten über den Gesundheitszustand des Angeklagten angefertigt. Die sollten die Urteilsfindung erleichtern – und machten stattdessen alles noch komplizierter. Denn die Experten waren sich uneins.

Die Ersten, die mit Breivik sprachen, waren Synne Sörheimund Torgeir Husby. Etliche Male besuchten sie den Täter im Gefängnis. Er habe gern mit ihnen gesprochen, erklärten sie vor Gericht, und Breivik beobachtete die beiden spöttisch lächelnd. Das nämlich, was auf die vermeintlich harmonischen Gespräche folgte, war in seinen Augen eine herbe Kränkung: das erste Gutachten. Die beiden Psychiater glauben, er leide an Schizophrenie und sei deswegen schuldunfähig. Breivik war entrüstet, Norwegen war entrüstet, freilich aus unterschiedlichen Gründen. Strafe, das wünschten die Menschen im Land dem Massenmörder. Der wiederum fühlte sich als politischer Terrorist nicht ernst genommen.

Zwei weitere Psychiater setzten sich mit Breivik zusammen – und kamen zu einem ganz anderen Ergebnis. Agnar Aspass und Terje Törrisen meinen, dass Breivik einige Probleme hat, er sei narzisstisch und größenwahnsinnig, aber weder psychotisch noch schizophren. Schuldfähig in jedem Fall.

18 weitere Psychiater und Psychologen sprechen Mitte Juni vor Gericht, ungezählte Experten äußern sich in den Medien. Der Prozess, der helfen sollte, das Verbrechen aufzuarbeiten, droht zu zerfasern in einen Streit der Wissenschaftler, einen Wettkampf der Psychiater, an dessen Ende kein Zuschauer klüger ist als zuvor.

Breivik sei einzigartig, sagt damals einer der Experten im Gericht. Der ganze Mensch ein Tatort, diagnostisch schwer zu fassen.

Es wird wohl niemand je sicher wissen können, was der inzwischen 33-jährige Anders Breivik genau dachte an diesem Julinachmittag. Aber woran er glaubte, daran glauben andere auch. Sie greifen seine Ideen auf und spinnen sie weiter im weltweiten Netz.

Als ein Norweger Ende Juli das von ihm unerlaubterweise aufgezeichnete Schlussplädoyer Breiviks bei Youtube einstellte, vervielfachte sich das Dokument in Windeseile. Einer übersetzte die norwegische Rede ins Englische und bastelte Untertitel. Online haben sich die Anhänger Breiviks zusammengerottet. Zwar ist die Gegenseite stark – die Facebook-Gruppe „Wir hassen dich, Anders Breivik“ beispielsweise hat mittlerweile rund 65 000 Mitglieder. Aber die anderen, die ihn nicht hassen, die gibt es eben auch.

Die beiden Staatsanwälte, Inga Bejer Engh und Svein Holden, haben der Urteilsverkündung all die Stunden lang ruhig zugehört.Sie hatten dafür plädiert, Anders Breivik für unzurechnungsfähig zu erklären. Die Richter überzeugten sie nicht. Sie glauben, dass Breiviks Verhalten, seine Vorstellungen und wahnhaften Ideen sich aus den Vorbereitungen auf den Anschlag erklären.

Ganz am Ende gestattet das Gericht Breivik noch ein Schlusswort. „Ich erkenne das Gericht nicht an“, sagt er, „deshalb kann ich das Urteil weder annehmen noch Berufung einlegen. Ich möchte mich entschuldigen bei allen militanten Nationalisten in Europa, dass ich nicht noch mehr Menschen getötet habe.“ Dann entziehen ihm die Richter das Wort.

In der Zukunft, das hat Breivik kürzlich angekündigt, wolle er Bücher schreiben. Aus der „Bürozelle“, die ihm bislang im Gefängnis zurVerfügung gestanden hatte, korrespondiert er mit seinen Anhängern. Auch aus derGefangenschaft will er an der Revolution beteiligt sein, die er für notwendig hält. Und solange ihm jemand zuhört, wird er auch weiter sprechen.


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