"Wir müssen uns mit der Ideologie auseinandersetzen"

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Update
Urteil über Massenmörder Breivik : Schuldig und nicht geisteskrank

"Wir müssen uns mit der Ideologie auseinandersetzen, die hinter Breiviks Taten steht", sagt Afsar. Es ist ein Satz, den er seit Monaten immer wieder sagt, er diktiert ihn in Journalistenblöcke, gelegentlich spricht er ihn in Kameras. Er sagt ihn jedes Mal aufs Neue aus tiefster Überzeugung.

Methab Afsar ist in Pakistan geboren, er lebt in Norwegen seit seiner Kindheit. „Norwegen ist meine Heimat, es ist ein großartiges Land, um darin zu leben“, sagt er. Aber darf man deswegen nicht sagen, wenn etwas falsch läuft? Man muss sogar, glaubt Afsar. Das Land, sagt er, ist wie ein menschlicher Körper. Der humpelt, wenn ein Fuß schmerzt. Dann muss man sich kümmern.

„Wir sprechen nicht über seine Ideologie, wir sprechen nur darüber, ob Breivik verrückt ist oder nicht“, sagt Afsar. Noch in der Nacht vor der Urteilsverkündung hat er eine Fernsehdebatte verfolgt. Und auch die drehte sich wieder nur um die Frage: zurechnungsfähig oder nicht. Vielleicht ändert sich das jetzt.

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Rechtsextremer Attentäter Anders Behring Breivik vor Gericht
24. August 2012, das Urteil: Anders Breivik bekommt die Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung ausgesprochen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 33Foto: dapd
24.08.2012 22:1224. August 2012, das Urteil: Anders Breivik bekommt die Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung...

Anders Breivik tötete am 22. Juli 2011 auch deswegen 77 Menschen, weil er eine vermeintliche Islamisierung Norwegens, sogar ganz Europas fürchtete. Schon vor Jahren hätten Regierung und Medien „vor dem Islam kapituliert“, hat Breivik in seinem „Manifest“ geschrieben. Er, der Kreuzritter für ein besseres Norwegen, wollte Einhalt gebieten. Zu Beginn des Prozesses sagte er, er habe „aus Güte, nicht aus Bösartigkeit“ gehandelt und, ja, er würde es wieder tun.

Langsam verliest das Gericht die Liste der 77 Toten, wie schon zum Prozessauftakt. Name, Geburtsdatum, Todesursache. Anders Breivik spielt mit seinem Stift, er sieht die Richter an.

Es geht auch um jene, die Verletzungen erlitten, physische und psychische. Die junge Frau etwa, die nur knapp die Explosion überlebte, im Koma lag und ihr Gedächtnis verlor. Eine andere Frau, die noch immer Splitter im Körper hat, es geht um Menschen mit Tinnitus und Amputationen.

Unmittelbar nach dem Bombenanschlag waren die ersten Verdächtigen: Muslime. Nicht nur in Norwegen, sondern überall auf der Welt tauchte diese Vermutung in den Nachrichtensendungen auf. Nur eine Vermutung, natürlich. Aber was für eine. Dann war es doch ein Norweger. Die Aggression war nicht von außen, sondern aus dem eigenen Land über die Menschen gekommen.

Methab Afsar glaubt, dass die Menschen in Norwegen sich auf einmal unfassbar schämten, weil viele selbst nicht besonders positiv über Muslime dachten. „Nach dem 22. Juli sprach plötzlich jeder darüber“, sagt Afsar. Und dann tat es irgendwann niemand mehr, alles rutschte wieder an seinen Platz. Breiviks Gedanken blieben hängen.

Am 24. Juli 2011 gingen drei Jugendliche durch den Vorort Lilleström, die Familie des einen kam aus Somalia, die des zweiten aus einem arabischen Land, der dritte stammte aus Sri Lanka. Zwei junge Männer begannen, die drei mit Steinen zu bewerfen. Sie brüllten: „Breivik sollte alle von euch getötet haben.“

Es ist einer der Vorfälle, die das Anti-Rassismus-Zentrum in Olso versucht hat zu dokumentieren; manchmal vermeintliche Kleinigkeiten, Zusammenstöße, die von der Polizei nicht einmal bemerkt wurden im Chaos nach dem Anschlag und auch wenige Tage danach, dumme Sprüche im Bus, Steinwürfe im Vorort. Viele hatten Angst, über Anfeindungen zu sprechen, sie wollten nicht für noch mehr Unruhe sorgen. Der Bericht ist nicht repräsentativ, und im Allgemeinen heißt es auch, die Norweger begegneten Einwanderern und Muslimen nun noch offener. Aber die Aufzeichnungen sind eine mahnende Erinnerung.

Richter Arne Lyng verliest nun viele Zahlen. 564 Menschen befanden sich auf der Insel Utøya, als Breivik am späten Nachmittag des 22. Juli dort eintraf. Der jüngste Teilnehmer des Sommerlagers war 13 Jahre alt. Mehr als 250 Schüsse feuerte Breivik aus seinen Waffen ab. Neben all jenen, die er tötete, verletzte er 33. Vor Gericht sagte Breivik, er habe gehofft, alle umbringen zu können.

Die Geschichten der Überlebenden und Verletzten verlieren ihren Schrecken nicht. Vom Jungen, der angeschossen unter einem Baum lag, vom Mädchen, das ebenfalls angeschossen durch den kalten Fjord schwamm, sich übergeben musste und trotzdem weiterschwamm. Von jenen, die sich ganz still zwischen die Leichen legten. Von absoluter Todesangst. Unbewegt schaut Breivik den Richter an.

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