Verlassene Orte in Spanien : Zu zweit allein im Dorf – seit 40 Jahren

Nur Sinforosa und Martin leben in La Estrella, einer von vielen verlassenen Gemeinden in Spanien.

Juan Martin Colomer, 84 und seine Frau Sinforosa Sancho, 84.
Juan Martin Colomer, 84 und seine Frau Sinforosa Sancho, 84.Foto: Susana Vera/Reuters

Keine Asphaltstraße, sondern eine kilometerlange Schotterpiste führt durch Täler und Wälder zu dem Dorf La Estrella. In diesem Nest gibt es 45 Häuser, ein Rathaus, eine Kirche – aber nur noch zwei Einwohner: die 85-jährige Sinforosa Sancho und ihren 84-jährigen Ehemann Martin Colomer.

Seit gut 40 Jahren leben die beiden Alten alleine im Ort. Ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, Telefonleitung und Fernsehapparat. In der Gesellschaft von ein paar Hühnern, Kaninchen, Hunden und Katzen. Mit einem Obst- und Gemüsegarten hinterm Haus. Ein früheres Gasthaus, auf dessen Dach immerhin ein Zeichen der Moderne glänzt: Solarzellen, um ein bisschen Strom zu produzieren.

„Wir sind genügsam, wir brauchen nicht viel“, sagen die beiden Alten aus La Estrella, das in Spaniens bevölkerungsärmster Provinz Teruel liegt. Seit sie in dem Kurzfilm „The Last Two – Die letzten Zwei“ verewigt wurden, sind sie vermutlich Teruels berühmteste Dorfbewohner.

Die anderen Bewohner flohen vor der Einsamkeit

Vor vier Jahrzehnten wohnten in La Estrella, das zur nordostspanischen Region Aragonien gehört und über 20 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist, noch 200 Menschen. Es gab eine Schule, einen Pfarrer, einen Bürgermeister, einen Polizisten und sogar einen Torero. Doch sie alle flohen vor der Einsamkeit in größere Ortschaften, wo es mehr Arbeit gab. Und mehr Leben.

Aber jeder hat eben andere Vorstellungen von dem, was Leben ist. Sinforosa Sancho und Martin Colomer sind in ihrer Abgeschiedenheit glücklich. Sie sind in diesem Dorf aufgewachsen. Und die beiden wollen in La Estrella, so lange es geht, aushalten. Denn dort, wo sie sich vor mehr als 60 Jahren beim Schafhüten kennenlernten, ist ihre Heimat, die sie lieben. Und in der sie jeden Stein kennen.

„Wir haben keine Angst vor der Einsamkeit“, sagt Ehemann Colomer. „Ich hätte wahrscheinlich viel mehr Angst in einer großen Stadt wie Madrid oder Barcelona.“ Auch seine Frau ist wunschlos glücklich: „Es gibt drei wichtige Dinge im Leben“, sagt sie, „und zwar Gesundheit, Liebe und Geld.“ Und alles sei ausreichend vorhanden.

Zweimal im Jahr bekommen sie Besuch

Ohne Geld, eine Rente von rund 1200 Euro monatlich, geht es auch nicht. Das brauchen die beiden allein schon, um gelegentlich mit dem alten Land Rover zum Supermarkt im Nachbarort Vilafranca fahren zu können. Dort kaufen sie all das ein, was sie in ihrem kleinen Dorf nicht selbst produzieren können.

In Vilafranca, wo immerhin 2300 Menschen leben, wohnt auch ihr Sohn Vicente. Er war übrigens der Letzte, der schon vor Jahrzehnten in La Estrella die Koffer packte. Vicente hatte seine Eltern vergeblich gebeten, mit ihm in die Zivilisation zu kommen. Doch immerhin bekommen die beiden Einsiedler zweimal im Jahr, im Mai und im November, großen Besuch: Dann wandern die Bewohner vom 24 Kilometer entfernten Mosqueruela singend und betend zur jahrhundertealten Dorfkirche in La Estrella, um dort der Heiligen Jungfrau ihre Ehre zu erweisen.

Die Jungfrau hat die beiden Alten bisher vor größerem Unheil beschützt. Sinforosa Sancho und Martin Colomer halten zum Dank die Dorfkirche in Schuss. Nur neue Dorfbewohner, die das Erbe von La Estrella bewahren könnten, hat auch die heilige Schutzpatronin bisher nicht in die Einsamkeit geschickt. An etlichen Häusern in La Estrella steht „Se Vende“ (Zu verkaufen).

7000 Orte in Spanien sind verlassen

Die Landflucht macht vielen Dörfern in der Provinz Teruel wie in ganz Spanien zu schaffen. Rund 7000 Weiler und Ortschaften im spanischen Königreich sind offiziellen Schätzungen zufolge in den vergangenen Jahrzehnten verlassen worden – oder, wie La Estrella, vom Aussterben bedroht.

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Wenn also nicht doch noch ein Wunder geschieht, dann wird wohl auch La Estrella in den nächsten Jahren zu einem Geisterdorf werden. „Wenn wir vergehen“, befürchtet Martin Colomer, „dann wird wohl auch unser Dorf sterben.“

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