Werbinich : Boomende Branche

Neue Studie: Privatschulen werden vom Staat benachteiligt

Anja Kühne

Private Schulen sind die Aschenbrödel des deutschen Bildungswesens. Das meint jedenfalls Michael Hüther, Direktor des unternehmernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Der Staat benachteiligt die privaten Schulen“, sagte Hüther am Montag bei der Vorstellung einer Analyse in Berlin. Aus Angst davor, sein Monopol im Schulwesen zu verlieren, blockiere der Staat den Wettbewerb um gute Qualität in der Schule.

So habe der Staat nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2002 pro Schüler an Privatschulen im Schnitt 3800 Euro ausgegeben. Für den Schüler an allgemeinbildenden staatlichen Schulen waren es dagegen 4900 Euro. Allerdings ist die Kluft nicht in allen Bundesländern gleich groß. Brandenburg gibt etwa für einen Grundschüler an einer staatlichen Grundschule 3600 Euro aus, für einen Grundschüler an einer privaten Grundschule 3198 Euro. Weit größer ist die Differenz zum Beispiel in Bremen (4400 Euro gegenüber 2608 Euro) oder in Sachsen (4700 Euro gegenüber 2261 Euro). Wie hoch die Ausgaben in Berlin pro Schüler einer privaten Schule sind, konnte das IW nicht ermitteln.

Im Schnitt werde die öffentliche Hand durch die privaten Schulen insgesamt um 870 Millionen Euro entlastet, stellte Hüther fest. Die Summe vergrößert sich sogar noch, legt man die betriebswirtschaftliche Schulkostenberechnung des Steinbeis-Transferzentrums Heidenheim für das Jahr 2002 zugrunde. Danach spare die öffentliche Hand sogar rund 1,7 Milliarden Euro an den allgemeinbildenden Privaten. Bis heute sei der Staatszuschuss pro Privatschüler aber nur um hundert Euro gestiegen. Neben der finanziellen Benachteiligung würden die privaten Schulen durch „zahllose gesetzliche Bedingungen, Zulassungsschranken und Anpassungszwänge“ behindert, sagte Hüther.

Trotzdem sieht der IW-Direktor in den privaten Schulen eine „boomende Branche“. Im Jahr 1992 wurden noch 450 000 Schüler an allgemeinbildenden Privatschulen unterrichtet, was einem Anteil von 4,8 Prozent entspricht. 14 Jahre später waren es 640 000, das entspricht einem Anteil von 6,7 Prozent. Dieser Zuwachs geht besonders auf den Nachholbedarf der neuen Bundesländer zurück. Während sich die Zahl der Privatschüler im Westen um ein Drittel erhöhte (von 5,8 Prozent auf 7,1 Prozent), verdreifachte sie sich im Osten (von 1,1 Prozent auf 4,6 Prozent). Die meisten Schüler an Privatschulen hat Bayern (zehn Prozent), gefolgt von Hamburg (9,5 Prozent) und Bremen (8,2 Prozent). Berlin liegt mit 5,5 Prozent im Mittelfeld, Brandenburg befindet sich mit 3,9 Prozent vor dem Schlusslicht Schleswig-Holstein (3,6 Prozent).

Hüther wünscht sich, dass hiesige Privatschulen bald zum OECD-Schnitt aufschließen, der bei einem Schüleranteil von 15,1 Prozent liegt. In den Niederlanden lernen nach Angaben der OECD sogar 76,4 Prozent der Schüler an Privatschulen, in Belgien 56,5 und im Vereinten Königreich 40,6 Prozent. Meist hätten die Privaten ein besseres Schulklima und bessere Pisa-Ergebnisse, so die Überzeugung Hüthers: „Damit setzen Privatschulen Standards.“

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