Der Unfall: wie eine Anekdote, die ihm nicht selbst widerfahren ist

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Rollstuhlskating : Von der Rolle
Mut zum Risiko. Wenn David Lebuser im Rollstuhl über Rampen brettert oder sich die Halfpipe runterstürzt, gibt er alles. Er ist wahrscheinlich Deutschlands einziger Chairskater und nimmt auch an internationalen Wettbewerben teil.
Mut zum Risiko. Wenn David Lebuser im Rollstuhl über Rampen brettert oder sich die Halfpipe runterstürzt, gibt er alles. Er ist...Foto: Björn Kietzmann

Es ist die Vergangenheit, die Lebuser und seinen Mitbewohner verbindet, und die Sprache, beide brandenburgern ordentlich. Lebuser kommt aus Frankfurt an der Oder, Conrad aus einem Kaff bei Eberswalde. Seit dem 15. September 2008 kennen sie sich, an dem Tag wurden beide in die Helios-Klinik Hohenstücken eingeliefert. Zehn Monate Reha.

Warum ausgerechnet ich, ob er sich diese Frage nie gestellt habe? Nö, sagt Lebuser, er wisse ja, warum, „weil ich besoffen war und da runtergeknallt bin“. Er schlägt die Beine übereinander, das geht noch, die Nerven im Rückenmark sind gequetscht, nicht gerissen. Dann erzählt er seine Geschichte, er erzählt sie wie eine Anekdote, die ihm nicht selber widerfahren ist. Als wäre er jetzt ein anderer.

28. August 2008, Lebuser und ein paar Kumpels sitzen im Bandraum, sie hören Punk, sie trinken, einer hat Geburtstag. Lebuser muss dann los. „Es war 23 Uhr 45, das weiß ich ganz genau, und dann weiß ich nichts mehr. Die letzte Erinnerung ist, wie ich aus der Tür raus bin.“ Wie immer rutscht er das Treppengeländer im zweiten Stock herunter. Er strauchelt. Er taumelt. Er fällt. Fällt acht Meter tief, durch den Treppenschacht bis in den Keller. Seine Kumpels finden ihn, wimmernd. Ohnmacht. Alles schwarz. Notoperation. Künstliches Koma.

Als Lebuser aufwacht, liegt er auf der Intensivstation. Am Bett stehen seine Mutter und seine Oma und viele weiße Kittel. Ein Kittel sagt: „Herr Lebuser, Sie sind querschnittsgelähmt.“ 13 Tage vor seinem 22. Geburtstag. Lebuser kann sich nicht von rechts nach links drehen, kann nicht alleine aufs Klo, kann gar nichts mehr. „Das hat mich dermaßen angekotzt.“ Keine Chance, sagen die Ärzte.

Aber dann war da dieses Zucken im linken Oberschenkel. Ein kleines Versprechen. Lebuser wacht morgens auf, spannt den Muskel an, lässt locker, spannt an, immer wieder, den ganzen Tag. Irgendwann zeigt ein Kumpel ihm ein Video von einem durchgedrehten Typen, der einen Rückwärtssalto im Rollstuhl macht. Geht ja mal gar nicht klar, der Kunde, denkt Lebuser und fängt an zu trainieren. Der Kunde heißt Aaron Fotheringham.

Er rollt durch die Krankenhausflure, er fährt Bordsteinkanten hoch und runter, er baut den Kippelschutz an seinem Rollstuhl ab und versteckt ihn, damit die Krankenschwestern ihn nicht finden. Und wenn er rausfällt, klettert er alleine in den Rollstuhl zurück. Drei Monate später fährt Lebuser zum ersten Mal in einen Skatepark, alleine, ohne Helm, ohne Schützer. Er fährt, knallt hin. Ein paar Skateboarder kommen angelaufen: „Hey, alles klar mit dir?“ Ja, alles cool!

Es hört sich komisch an, vielleicht kitschig, aber Lebuser sagt, er habe noch nie so ein selbstbestimmtes Leben geführt. Vor seinem Unfall sei er planlos gewesen, habe Maler und Lackierer gelernt, aber keinen Bock gehabt, dann Strafkolonie Callcenter. Jetzt reist er nach Kalifornien, im Sommer will er wieder hin, er hat zwei Monate in Helsinki gelebt, will auf seinem Handbike einen Halbmarathon fahren. Vali, eine Freundin aus Tel Aviv mit Multipler Sklerose, hat ihm einmal geschrieben: „Für mich sind das keine vier Räder, für mich sind das Flügel.“

Seit Januar wohnt David Lebuser in Dortmund, er hat einen neuen Job. Er verkauft Rollstühle.

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