Werbinich : Unter die Haut

Leila ist hübsch, 22 Jahre alt, sie wohnt in Berlin. Wenn es ihr dreckig geht, verletzt sie sich selbst

River Tucker

Sie will nicht mehr leben. Sie hört auf zu essen, ja, sie muss sogar zwangsernährt werden. Und als die Kinderklinik völlig überfordert ist, wird sie nach drei Monaten in die Jugendpsychiatrie geschickt.

Wir nennen sie Leila.

Sie ist 13 Jahre alt, als sie Mädchen in der Psychiatrie sieht, die sich langsam eine Rasierklinge in den Arm schieben und die weiche Haut aufschlitzen als wäre sie ein Stück Obst.

Leila findet daran Gefallen.

Wir treffen sie irgendwo in Kreuzberg, Leila will nicht erkannt werden. Nur so viel: Sie ist heute 22 und sagt, dass sie ihr Leben in den Griff bekommen hat. Fast zumindest.

Dass sie sich damals, als sie 13 war, verletzt hat, war normal, erzählt sie. Sie brauchte eine Möglichkeit, ihre Aggression gegen den eigenen Körper los zu werden. Schon vorher hatte sie oft mit der Faust gegen ihren Kopf geschlagen oder gegen die Brust, immer und immer wieder, wie in Trance. Sie hat ihren Kopf so lange gegen die Wand gerammt, bis sie furchtbare Kopfschmerzen hatte. In der Klinik dann, sagt sie heute, „kamen Scherben und Rasierklingen hinzu“.

Leila sitzt auf dem Balkon, sie trägt einen Kapuzenpullover. Wenn die Leute fragen, wie es ihr geht, dann sagt sie: „gut“.

Doch noch heute gibt es so Phasen, in denen sie sich wieder heftige Schmerzen zufügen möchte. In denen sie sich selbst hasst. „Mein Lebenskonzept ist: Ich bin schuldig, ich bin scheiße“, sagt sie. Das zu überwinden, will sie in der Therapie lernen, in der sie gerade steckt.

Selbstverletzung hat viele Gesichter. Das sagt der Leiter der Jugendpsychiatrie des Vivantes Krankenhauses, Oliver Bilke. Neben dem Ritzen der Haut gehören dazu auch Essstörungen, Drogen „und wahllose Sexualkontakte“. Heute sei es ein weitverbreitetes Zeichen, wenn Jugendliche mit ihren Problemen überfordert sind. Nicht jeder, der ritzt, ist sofort psychisch krank oder muss in Therapie, und trotzdem: Besonders Mädchen schneiden und verbrennen sich selbst an der Hautoberfläche. Studien zufolge fallen vier bis acht Mal mehr Mädchen als Jungen dadurch auf. Bis zu einem Prozent der 13- bis 16-Jährigen verletzen sich selbst. Das sind die Fakten.

„Einfach scheiße“ findet sich Leila, weil sie ihrem Idealbild nicht entspricht. Leila erzählt, sie wäre gerne „eine kleine, dünne Persönlichkeit, die ganz viel weiß, gut im Sport ist, aber total unscheinbar“, sagt sie, nur: „Wahrscheinlich fände ich so jemanden total langweilig.“

Leila spricht gerne über das große Ganze, über Politik und „das System“. Sie spricht von ihren Eltern, dem Vater, mit dem sie lange keinen Kontakt hatte und sich ihm gerade wieder nähert. Sie hatte immer das Gefühl, die Erwartungen des Vaters nicht erfüllen zu können. „Ich war immer ein schwaches, ängstliches Mädchen und nicht tough genug für ihn.“

Meistens verletzt sie sich am Bauch, an den Beinen und an der Brust, damit es andere nicht sofort sehen. In Leilas Leben spielte das Schlagen immer eine große Rolle. „Das mache ich, wenn ich den Druck sofort los werden will. Schneiden ist auch impulsiv, aber es hat mehr mit Verzweiflung zu tun. Es ist schon fast rituell, teilweise lustvoll.“ Schneiden wurde erst vor zwei Jahren ein gravierendes Problem in Leilas Leben. Damals hatte sie ihren letzten großen Zusammenbruch und war wieder in der Psychiatrie. Damals ist sie aus der Klinik abgehauen und zu ihrer Schwester nach Berlin geflohen. Sie wollte nicht mehr nach Hause zurück.

Psychiatrien waren ihr ziemlich fremd. Die Mutter gab ihre Erlaubnis und verhinderte, dass die Tochter mit Gewalt zurückgeholt wurde. Von da an wohnte Leila mit ihrer neun Jahre älteren Schwester in Studenten-WGs. Seit fast zehn Jahren lebt die 22-Jährige ein selbstständiges Leben. „Ich war mit 14 schon zu erwachsen. Heute vermisse ich es, mal behütet zu werden. Jemand, der sich für meine Hausaufgaben interessiert und kocht, wäre manchmal nicht schlecht.“ Aber Leila ist überzeugt, dass es der richtige Weg war, nicht in eine betreute Wohngemeinschaft zu ziehen.

„Es war gut für mich, mit Erwachsenen zusammenzusein.“ Leila glaubt, ein Zusammenleben mit anderen „Problem-Jugendlichen“ hätte sie nur noch mehr runtergezogen. In den Studenten-WGs lernt sie stabile Erwachsene kennen und sieht, was Lebensfreude bedeuten kann. Schon früh interessiert sich Leila für Politik und Geschichte. Schon vor dem ersten Klinikaufenthalt war sie in der Antifa aktiv.

Doch auch das brachte Probleme mit sich, denn bei ihrem Kampf gegen Rechtsradikale zeigt sich ihr selbstschädigendes Verhalten. „Wenn ich mich auf Demos von den Bullen hab’ verprügeln lassen, gehörte das sicherlich auch dazu.“ Oliver Bilke, der Experte aus dem Krankenhaus, kennt diese Art von Selbstverletzung vor allem von Jungen. Auch wenn weniger durch Ritzen auffallen, gibt es trotzdem selbstschädigendes männliches Verhalten. „Jungen machen eher andere verantwortlich, sie zeigen risikoreiches Verhalten und lassen sich verletzen. Die höchste Stufe an männlicher Selbstverletzung ist es, von der Polizei erschossen zu werden. So wie in den amerikanischen Filmen.“

Durch jahrelange Therapie hat Leila gelernt, auf Selbstverletzungen zu verzichten. Manchmal wird sie rückfällig, aber es wird immer weniger. „Das gehörte für mich zu meinem üblichen Handlungsrepertoire, so wie Zähneputzen.“

Leila will ihren Alltag normal leben, der schon Herausforderung genug ist. „Arbeiten, Beziehungen, Sex und Politik – das ist schon eine Leistung und anstrengend genug.“ Zwei Mal in der Woche geht sie zur Therapie, und noch immer ist sie mehr mit ihren Symptomen beschäftigt als mit möglichen Ursachen. „Ich will das im Moment auch gar nicht so genau wissen. Ich will erst mal akzeptieren, wie ich bin.“

Und warum das alles, die Schläge und Verletzungen? Leila weiß, dass die immer Hilfeschreie waren, ganz sicher. Ja, und sie kann mittlerweile sagen, dass sie missbraucht wurde. Doch tiefer will sie sich mit ihrer Vergangenheit nicht beschäftigen. Sie hat Angst, etwas herauszufinden, was sie gar nicht wissen will.

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