124.000 offene Stellen : So kämpfen Unternehmen um die besten IT-Experten

Niedersachsen macht Informatik jetzt zum Pflichtfach. Der Grund: Unternehmen fehlen so viele IT-Fachkräfte wie noch nie.

Ohne die IT-Experten geht in vielen Unternehmen nichts mehr.
Ohne die IT-Experten geht in vielen Unternehmen nichts mehr.Foto: Getty Images

Programmieren ist nur etwas für Nerds? Schaut man in die Computerklassen der Schulen, scheint sich dieses Klischee zu bestätigen. Für das Schulfach Informatik entscheiden sich meist nur diejenigen, die ohnehin Interesse für Technik und Mathematik mitbringen. Schließlich haben Jugendliche an den meisten Schulen die Wahl: Informatik oder doch lieber ein Fach wie Schauspiel?

In Niedersachsen ändert sich das bald. Das Land führt vom Schuljahr 2023/24 an Informatik als Pflichtfach an Schulen ein – zunächst für Zehntklässler, ein Jahr später auch für die neunte Stufe. Niedersachsen will damit ein rasant wachsendes Problem angehen: Den Unternehmen fehlen Zehntausende IT-Experten.

Fachkräfte aus dem IT-Bereich und der Datentechnik sowie Spezialisten mit Programmierkenntnissen sind gefragt wie nie“, sagte der niedersächsische Wirtschaftsminister, Bernd Althusmann (CDU), dem Tagesspiegel auf Anfrage. Den Schritt zum verpflichtenden Schulfach bewertet der Minister daher grundsätzlich positiv. Auf der anderen Seite müssen wir ehrlich sagen, dass wir spät dran sind“, sagte Althusmann.

Zahl der offenen Stellen auf Rekordhoch

Bundesweit erreichte die Zahl der offenen Stellen im vergangenen Jahr eine neue Rekordmarke. So gab es 124.000 unbesetzte Jobs für Computerspezialisten, wie die jüngste Erhebung des Branchenverbands Bitkom zeigt. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Anstieg von mehr als 50 Prozent. Darunter leiden nicht nur Softwareschmieden und Computerfirmen. Betroffen sei die gesamte Wirtschaft, aber auch Verwaltung, Behörden und Wissenschaft, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Besonders gefragt: Softwareentwickler. Jedes dritte Unternehmen mit mindestens einer offenen IT-Stelle sucht Programmierer. „Software wird immer mehr zum Teil des Kerngeschäfts“, sagt Berg. Doch auch Datenwissenschaftler, IT-Berater und Servicemanager werden gesucht.

Unternehmen beklagen hohe Gehaltsvorstellungen

Den Vorstoß aus Niedersachsen sieht die Branche als wichtigen Schritt. „Alle Schüler sollten verstehen, was ein Algorithmus ist und wie man programmiert“, sagt Berg. Im digitalen Zeitalter sei IT-Kompetenz so wichtig wie Lesen und Schreiben. Denn fast jedem zweiten Unternehmen fehlt es laut Bitkom-Umfrage an der ausreichenden Qualifikation der Bewerber. Vor allem mit den Testergebnissen in Auswahlverfahren sind die Arbeitgeber unzufrieden, oder aber sie vermissen Kenntnisse neuer Technologien wie KI oder Blockchain.

Doch eines stört die Unternehmen laut Studie noch mehr: Die Bewerber verlangen zu viel Geld. Drei Viertel der Firmen beklagen die allgemein hohen Gehaltsvorstellungen. Schließlich treiben die IT-Raritäten die Preise auf dem Arbeitsmarkt in die Höhe. „IT-Experten können sich bei entsprechender Qualifikation ihren Job fast schon frei aussuchen“, sagte Berg. Laut Jobportal Xing liegt das durchschnittliche Jahresgehalt eines IT-Beraters bei 61.000 Euro, das Einstiegsgehalt bei 45.000 Euro.

Schulen konkurrieren mit der Wirtschaft

Das macht auch den Ländern zu schaffen. Schließlich wollen die Schulen die begehrten IT-Kräfte als Lehrer einstellen. Wen es aus dem Informatikstudium in die Klassenräume zieht, muss jedoch mit deutlich weniger Gehalt rechnen. Ihren Jahreslohn beziffert Xing nämlich auf nur rund 50.000 Euro.

Niedersachsen führt das Fach deshalb zunächst schrittweise als Pflichtfach ein. Es seien schlicht nicht genügend Lehrkräfte vorhanden, um auf einen Schlag umzustellen, erklärte der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Derzeit unterrichten insgesamt rund 500 ausgebildete Informatiklehrer an allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen.

VW lockt Studienabbrecher

Auch Unternehmen suchen nach besonderen Lösungen. Volkswagen hat im April ein eigenes Ausbildungsformat für angehende Softwareentwickler gestartet. Das Programm „Fakultät 73“ richtet sich vor allem an Studienabbrecher, einen Hochschulabschluss brauchen Bewerber nämlich nicht. Aber auch VW-Mitarbeiter können die Ausbildung durchlaufen – bei Gehaltsfortzahlung.

Der Andrang war groß: Auf 100 Plätze kamen rund 1500 Bewerber. Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein dürfte das kaum sein. Bei VW sei der Eigenanteil bei der Softwareentwicklung mit zwei bis acht Prozent zu gering, sagte zuletzt auch VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh dem Tagesspiegel Background Mobilität & Transport. „Wir sind zu spät auf dem richtigen Weg.“

Neue Ausbildung zum Onlinehändler

VW ist mit der Idee neuer Ausbildungsformate nicht allein. Neue Berufe sollen allgemein mehr Digitalkompetenz in die Unternehmen bringen. Seit August 2018 können sich Schulabgänger etwa zu Kaufleuten für E-Commerce ausbilden lassen. Statt die breite Palette des Einzelhandels zu lernen, spezialisieren sich Azubis dabei von Beginn an auf den Internetverkauf.

Im vergangenen Ausbildungsjahr haben rund 1600 angehende Onlinehändler begonnen, wie der Handelsverband Deutschland (HDE) erklärt. „Der Kaufmann im E-Commerce wird schon in wenigen Jahren zu den Top-20-Ausbildungsberufen zählen“, ist HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth überzeugt. Und auch zum diesjährigen Ausbildungsstart soll sich der Lehrplan ändern. Informatiker können sich fortan in weiteren Fachrichtungen ausbilden lassen – etwa mit Fokus auf Datenanalyse oder digitale Vernetzung.

Bahn kommt zu den Bewerbern

Andere Unternehmen setzen auf groß angelegte Marketingoffensiven. Die Deutsche Bahn wirbt vor allem in den sozialen Netzwerken um die klügsten IT-Köpfe. Mit dem firmeneigenen Podcast „IT@DB“ will der Konzern den IT-Führungskräften einen Job bei der Bahn schmackhaft machen. In einer Folge erklärt der Konzern, wie Roboter Fahrgästen auch spätnachts an Bahnhöfen weiterhelfen können. Eine andere Folge dreht sich um die Frage, ob bald eine eigene Kryptowährung der Bahn kommt.

Doch auch analog sucht der Konzern ungewöhnliche Wege. So tourten Personaler der Bahn im Sommer mit zwei Wohnwagen durch ganz Deutschland. Das Motto: Wenn die Bewerber schon nicht zur Bahn kommen, dann kommt die Bahn eben zu den Bewerbern. In Fußgängerzonen und auf Marktplätzen führten sie insgesamt 8000 Bewerbungsgespräche – knapp 700 der Wohnwagenbewerber arbeiten nun für den Konzern.

Niedersachsen setzt vorerst auf Weiterbildung

Niedersachsen will sich jetzt erst einmal um die IT-Weiterbildung von fachfremden Lehrern kümmern. Die Hoffnung: Diese könnten den Informatikunterricht vorerst übernehmen. Der erste Kurs mit 25 Teilnehmern ist schon im September in der Region Hannover gestartet, in Osnabrück beginnt im März der zweite. Was da auf sie zukommt, bekommen Absolventen schon von Beginn an zu spüren. Passend zum Fach findet die Fortbildung in einigen Webinaren, also Onlinekursen, statt.

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