20 Jahre Xetra-Handel : Jedermann ein Börsenmakler

Vor 20 Jahren revolutionierte Xetra den Handel mit Aktien. Computer haben das Geschäft auf dem Börsenparkett verändert.

Total modern. Der Frankfurter Börsenchef Werner Seifert (rechts) und der Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium Matthias Kurth bei der „Generalprobe“ mit ihren Computern am 27. 11. 1997 in der Frankfurter Börse.
Total modern. Der Frankfurter Börsenchef Werner Seifert (rechts) und der Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium...Foto: picture-alliance / obs

Am 28. November 1997 feiert die Deutsche Börse ihren „X-Day“. Am Tag zuvor ist das überalterte Handelssystem IBIS abgestellt worden. Jetzt warten 222 Handelsteilnehmer aus dem In- und Ausland darauf, erstmals 109 deutsche Aktien vollelektronisch handeln zu können. Um 8.30 Uhr drücken die Börsen-Oberen symbolisch auf den Knopf: Das elektronische Handelssystem stellt den ersten Preis fest. „Schon am ersten Tag ist bei Xetra alles rund gelaufen“, erinnert sich heute Hans-Jürgen Schäfer, der damals in Diensten der Dresdner Bank Xetra auch gegen etliche Widerstände mit entwickelt hat. Dass Computer das Geschehen an der Börse maßgeblich übernehmen, kommt damals tatsächlich einer Revolution gleich.

Drei Jahre lang hatten sich Experten über das Wie eines Systems den Kopf zerbrochen, sagt Frank Gerstenschläger, der für die Deutsche Börse das Projekt leitete. 45 Tage lang wurde simuliert. „Bis kurz vor dem Start haben wir diskutiert.“ Auch Susanne Klöß-Braekler, heute im Vorstand der Postbank, erinnert sich an stressige Tage. „Wir waren damals ein FinTech“.

90 Prozent des Handels über Xetra

Die Mühe hat sich freilich gelohnt. Für den Aktienmarkt und die Deutsche Börse: Xetra ist zu einem Erfolgsmodell geworden. Heute laufen 90 Prozent des Handels aller deutschen Börsen über Xetra. Täglich werden mit rund 2500 Wertpapieren wie deutschen und internationalen Aktien und börsengehandelten Fonds etwa fünf Milliarden Euro umgesetzt. Und längst wird die Technologie von Xetra auch an internationalen Börsen genutzt – wie etwa in Wien, Dublin, Prag, Budapest oder Zagreb.

Was macht Xetra aus? Der Wertpapierhandel ist transparenter geworden und fairer, ist Martin Reck von der Deutschen Börse überzeugt. „Und damit auch ein Stück demokratischer.“ Es kann schnell und vor allem auch kostengünstig gehandelt werden. Und auch Börsenaufseher haben gewonnen, sagt Karsten Hiestermann vom Hessischen Wirtschaftsministerium, das für die Aufsicht der Frankfurter Börse zuständig ist. Über Xetra könne man die Geschäfte genau nachverfolgen und sehen, wer wann was gemacht habe. Auch das trage zur Fairness bei. Das erschwert Insidern das Leben. Kommt es zu starken Kursschwankungen, unterbricht Xetra automatisch den Handel.

Das System wurde mehrfach modernisiert

Natürlich gab es zum Start Bedenken, ob Xetra stabil und zuverlässig ist. Die Zweifel wurden bis heute widerlegt, zumal das System mehrfach modernisiert wurde und längst auch für den Hochfrequenzhandel ausgelegt ist. Es habe zwar wenige Pannen und Ausfälle gegeben, aber die Zuverlässigkeit liege mehr bei 100 als bei 90 Prozent, und das auch an handelsstarken Tagen, an denen in der Spitze Wertpapiere im Volumen von mehr als zwei Billionen Euro den Besitzer wechseln, sagen Experten. Heute gibt es zwar noch den Parketthandel, aber er spielt nur noch eine Rolle für Papiere kleinerer Unternehmen und dient als Kulisse für die Börsenreporter des Fernsehens.

Freilich kam mit Xetra auch das Ende der Kursmakler. Sie verloren nach und nach ihre Existenzgrundlage. Auch den Regionalbörsen machte Xetra das Leben schwer, weil sie erhebliche Marktanteile verloren. Nur wenige Börsen wie in Stuttgart oder München konnten sich durch Spezialisierung neue Nischen erarbeiten.

Konnten anfangs über Xetra nur mindestens 50 Aktien gehandelt werden, geht das seit 1998 schon mit nur einem Papier – im Übrigen heute auch direkt für Privatanleger über ihren Online-Broker oder ihre Direktbank, wie Schäfer betont. Und trotzdem habe auch Xetra der Aktienkultur in Deutschland nicht auf die Sprünge helfen können, bedauert der ehemalige Manager der Dresdner Bank. Immer noch besitzen hierzulande nur neun Millionen Bundesbürger über 14 Jahren Aktien oder Aktienfonds. Obwohl der Handel so transparent und einfach sei wie nie zuvor, klagt Schäfer. Das Telekom-Drama wirke immer noch nach.

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