Wirtschaft : Agathe Sieben

(Geb. 1910)||Sie wusste, wie man an einer Rose riecht – oder durch die Ohren atmet.

Kirsten Wenzel

Sie wusste, wie man an einer Rose riecht – oder durch die Ohren atmet. Berlin, am 14. Mai 1945. Ein Paar schiebt einen Kinderwagen über die Trümmer in der zerbombten Fasanenstraße. Ein Kind sitzt im Wagen, das zweite läuft fröhlich daneben und ruft: „Heute heiraten wir“. Sie steuern das Standesamt am Sophie-Charlotte-Platz an, das erste, das nach der Kapitulation wieder geöffnet hatte. Die Braut, hochschwanger, lächelt den erstaunten Standesbeamten einfach an.

Kennengelernt hatte Agathe ihren zukünftigen Mann Richard Sieben bereits 1937, doch heiraten durften sie nicht. Agathes Mutter war Jüdin. Ihre ganze Familie emigrierte in den 30er Jahren nach Argentinien und Frankreich. Nur sie hatte sich fürs Bleiben entschieden, war Tänzerin, mit Leib und Seele, hatte ihre Ausbildung bei der berühmten Gret Palucca in Dresden absolviert, sammelte gerade erste Erfolge auf Berliner Bühnen, gab sich den Künstlernamen Otto-Manot und wohnte im Künstlerhaus in der Fasanenstraße 13 mit Bildhauern und anderen Tänzern zusammen. Das alles wollte sie nicht aufgeben und in ein Land gehen, dessen Sprache sie nicht verstand.

Eine schwere Entscheidung, vielleicht nicht die richtige, denn sie hing sehr an ihrer Familie – und tanzen durfte sie auch in Deutschland bald nicht mehr. Doch was half es, später darüber zu klagen? Nach dem Auftrittsverbot für „Mischlinge“ musste sie sich mit dem heimlichen Unterrichten über Wasser halten. Als der Ministeriumsmitarbeiter Richard Sieben sie kennenlernte, aß sie seit Monaten nur trocken Brot. Sie sagte nur: „Man muss mit allem im Leben fertig werden.“ Es sollte der Wahlspruch ihres Lebens werden.

Ihre Kindheit war ausgelassen gewesen, frei von Sorgen – und voller Anregungen. Agathes Eltern, überzeugte Sozialreformer, trafen sich in der „Neuen Gemeinschaft“, einer Friedrichshagener Künstlergruppe. Die kleine Agathe wuchs in der von ihrem Vater, Adolf Otto, mitbegründeten und von seinem Freund Bruno Taut gebauten Gartenstadt Falkenberg auf: mit wenig Konventionen, viel Grün – und einem immer offenen Haus, gemütlich trotz neuer Sachlichkeit. Oft kamen Engländer zu Besuch, oder Künstler wie Erich Mühsam und Bruno Wille. Die Mutter trug weite Kleider ohne Korsett, und Agathe durfte tagelang durch die Siedlung und die angrenzenden Gärten und Wiesen stromern. Sie kannte jeden und marschierte begeistert mit der Triangel in der Hand voraus, wenn zu den Gartenstadtfesten ein bunter Karneval durch die „Tuschkastensiedlung“ zog und sich abends am Lagerfeuer versammelte.

An ihren ersten Handkuss erinnerte sie sich genau: Er kam von Otto Dix, während eines Festes in Dresden. Solche Lieblingserinnerungen trugen sie auch über die schweren Tage, so wie der „Familienschatz“, die Möbel und Bilder aus dem Elternhaus, die sie ihr Leben lang hütete. Die Geburten ihrer Kinder hatten ihr gesundheitlich zugesetzt. Mehr als einmal war sie in den Kriegskrankenhäusern dem Tode nah gewesen, die Folgen ließen keine Hoffnung zu, dass sie noch einmal vor Publikum tanzen könnte. So begann sie nach dem Krieg als Bewegungslehrerin in einer Klinik zu arbeiten und brachte den Patienten harmonische Bewegungen und entspanntes Atmen bei, unterrichtete sie darin, sich vorzustellen, wie sie „an einer Rose riechen“ oder „durch die Ohren atmen“ könnten, um besser Luft zu bekommen.

Ihr eigenes Haus war, wie das ihrer Eltern, ein offenes. Abgesehen von der heiligen Mittagsschlafzeit konnte immer jemand reinschneien. Der Exfreund der Tochter, die Nachbarin, irgendjemand, der gerade Rat brauchte. Agathe Sieben holte Eierlikör oder Rumtopf aus dem Vorratskeller, dann setzte man sich in den Sessel oder in den Garten. Die Tessenow-Möbel aus der Gartenstadt mischten sich nun mit Biedermeier-Möbeln des Ehemanns und alten afghanischen Teppichen.

Wer im Nachkriegs-Berlin das Glück hatte, Agathe Sieben in einem Geschäft oder an einer Bushaltestelle zu begegnen, erlebte garantiert eine interessante Unterhaltung. Sie ließ sich die Lebensgeschichte von jedem ihrer neuen Bekannten erzählen, waren es nun die Taxifahrer, die sie vom Einkaufen nach Hause fuhren, oder die Apothekerin, die nach Ladenschluss die Medikamente brachte und noch auf ein Bier und ein Zigarettchen blieb.

Mit ihrer offenen Art fragte sie den Leuten Löcher in den Bauch. Aber sie konnte auch anfangen zu erzählen – von ihrer Familie, dem Onkel und Anarchisten Gustav Landauer, der Tante und Dichterin Hedwig Lachmann, und der wunderbaren Kindheit in der Gartenstadt. Kein Wunder, dass man sie als Zeitzeugin entdeckte und oft und gern interviewte.

Man muss sich treu bleiben – noch so ein Grundsatz. Ihrer Tochter finanzierte sie heimlich und mit diebischer Freude die Tanzausbildung – auch wenn der Gatte vehement gegen diesen „Hungerberuf“ anredete. Die geliebte Zigarette gab sie nie auf. Und ein Tischchen aus dem Elternhaus in Falkenberg stand noch im Pflegeheim neben dem geliebten blauen Sessel, in dem sie so viele Gäste empfangen hatte. Sie wog am Ende nur 30 Kilo – und schlüpfte jeden Tag in einen knallroten oder blaugrünen Hosenanzug. Alt wollte sie auch mit 96 Jahren noch nicht sein. Stell dir vor an einer Rose zu riechen, sagte ihre Tochter zu ihr, wenn das Atmen manchmal schwer fiel. Dann lächelte Agathe Sieben.

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