Wirtschaft : Alles muss raus

BenQ Mobile kommt unter den Hammer. Ex-Mitarbeiter verkaufen Handys für Schnäppchenjäger „ab Werk“

Nils-Viktor Sorge

Kamp-Lintfort - An den Fenstern gleich links neben dem Hauptportal des BenQ-Werks in Kamp-Lintfort hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Mütter mit Söhnen im Teenageralter, Frauen mit Kopftuch und Männer in Mantel und Anzug drängeln sich in Position. Sie blicken auf die weißen DIN-A-4-Zettel, die mit Tesafilm auf das Glas geklebt sind.

„Das EF 81 ist noch da“, ruft Thomas Greven, einer der Neugierigen, in sein Handy. „Ist aber ohne Garantie. Und es kann passieren, dass irgendwann keine Ersatzteile mehr da sind.“ Der Kaufpreis des Mobiltelefons entschädigt für solche Risiken: 82 Euro statt 379 Euro Listenpreis. „Da kann man nicht meckern“, sagt Greven. Er muss es wissen: Bis Dezember entwickelte er im Werk Software zur Qualitätssicherung. Jetzt hat er sich anstecken lassen von der Jagd auf die Überbleibsel seines früheren Arbeitgebers. Seinem Bruder will er ein Gerät mitbringen – „tolles Design, fast letzter Stand der Technik“.

Es ist Freitagnachmittag, eine gute Gelegenheit für einen Zwischenstopp auf dem eher verwaisten Großparkplatz vor dem Fabrikkomplex aus Glas und alufarbenem Metall. Vielleicht ist noch etwas dabei aus dem Nachlass der Handyfabrik, in der bis zum vergangenen Jahr etwa 1600 Menschen beschäftigt waren. „Eleganz muss nicht teuer sein“ oder „Schlank & brillant“ steht auf den weißen Zetteln – sage niemand, dass sich die ehemaligen BenQ-Mitarbeiter hier keine Mühe geben, ihre letzten Telefone unter die Leute zu bringen und den Gläubigern des insolventen Unternehmens etwas Geld in die Kasse.

Weit mehr als 200 000 Mobiltelefone waren im Lager des Werks, als der taiwanesische Mutterkonzern der deutschen Handy-Tochter und ehemaligen Siemens-

Sparte im Spätsommer 2006 den Geldhahn zudrehte. Sie sind der erste Teil der Insolvenzmasse, die jetzt zugunsten der Banken und Lieferanten des Unternehmens zu Geld gemacht wird. Seit Ende vergangener Woche ist klar, dass kein Investor den Betrieb übernehmen wird.

Seither bereiten die verbliebenen 80 Mitarbeiter das Werk auf seine Ausschlachtung vor. Auf den Fluren stehen Kopierer mit säuberlich aufgewickelten Stromkabeln. Leere Aktenordner, zum Teil noch mit „Siemens“-Etikett, stapeln sich in Pappcontainern. Die Büroausstattung steht schon bei Ebay zum Verkauf, bis auf die Pflanzen. „Blumen zum Mitnehmen“, heißt es auf Zetteln, hin und wieder rollt jemand ein paar Töpfe auf einem Schiebewagen hinaus. Die großen Maschinen sind derweil in den Fertigungshallen säuberlich zusammengerückt und warten auf ihre Versteigerung. Fast 30 000 Geräte hat das beauftragte Auktionshaus erfasst, ein großer Teil davon kommt ab Juni unter den Hammer.

Die Telefone finden bereits jetzt problemlos Käufer. Einer nach dem anderen trägt sein lila Päckchen aus dem Geschäft. „Na, hat es sich doch gelohnt herzukommen“, sagt eine blonde Frau lachend zu ihrem Sohn. Ein Mann mit Gelfrisur und schwarzer Lederjacke hastet zu seinem Auto. In einer Viertelstunde schließt der Verkauf – und er hat nicht genügend Bargeld dabei. „Hier kannst du echt noch günstige Geräte schießen“, berichtet ein Jüngerer in tief sitzenden Jeans aufgeregt in sein Telefon.

Die Schlange im Laden reicht jetzt bis an die Eingangstür. Ein Verkäufer schnauft. Auch die bulligen Männer vom Wachschutz packen mit aus, immer 350 Handypakete sind in einer riesigen Pappkiste. „Besser als zu Hause rumzusitzen ist das allemal“, sagt Uwe Berndt. Eben hat der ehemalige BenQ-Produktbetreuer den Schnäppchenjägern am Fenster noch die Modelle erklärt, jetzt wird er drinnen im Laden an der Kasse gebraucht. Für Melancholie ist bei all der Geschäftigkeit kein Platz, an eine Pause nicht zu denken. Berndts Supermarkt-Mandelhörnchen und die orangefarbenen Sportgetränke „Power Generation“ liegen unbeachtet auf einem Tisch.

Den fünf Verkäufern sichert der Ausverkauf ihren Arbeitsplatz vielleicht bis Ende März. Doch bei so viel Arbeit ist Uwe Berndt noch gar nicht so recht dazu gekommen, sich nach einem dauerhaften neuen Job umzusehen. Dabei weiß er: Je besser das Geschäft hier läuft, desto schneller gibt es nichts mehr zu tun. „Die ersten Modelle laufen schon aus.“ Gerade hat ein Händler 1000 Stück reserviert.

Wenn das letzte Handy über den Ladentisch gegangen ist, steht auch für die Verkäufer die Transfergesellschaft Peag als Auffangbecken bereit. Dort sind seit Anfang des Jahres fast 1800 BenQ-Mitarbeiter aus den nordrhein-westfälischen Standorten Kamp-Lintfort und Bocholt untergekommen. Etwa 330 von ihnen haben nach zwei Monaten wieder einen Job oder einen so gut wie sicher, sagen die Peag-Leute nicht ohne Stolz.

Um halb fünf schließen Uwe Berndt und seine Kollegen die Ladentür ab. Die letzten Kunden steigen in die Autos und brausen davon. Ab Montag ist wieder geöffnet, noch ist das Lager gut gefüllt.

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