Wirtschaft : Angriff auf Google

Der US-Medienkonzern Viacom fordert eine Milliarde Dollar, weil Youtube in seinen Programmen wildert

Michael Weißenborn

El Paso - Der Kampf der alten gegen die neue Wirtschaft geht in eine neue Runde. Im Zentrum der Auseinandersetzung: Google. Branchenkenner haben es vorhergesagt, als die Internet-Suchmaschine vor fünf Monaten die Video-Website Youtube für 1,65 Milliarden Dollar kaufte. In der vergangenen Woche schlug nun der US-Medienkonzern Viacom zu. Als erster Repräsentant der alten Medien verklagte er Google vor einem New Yorker Bundesgericht wegen „massiver absichtlicher Verstöße gegen das Urheberrecht“.

Viacom will gezählt haben, dass Ausschnitte aus den Programmen seiner Sender MTV, Comedy Central oder Nickelodeon 1,5 Milliarden Mal auf Youtube angeschaut wurden. Der Konzern fordert eine Entschädigung in Höhe von einer Milliarde Dollar und strebt eine gerichtliche Verfügung an, die weitere Urheberrechtsverletzungen unterbindet.

Google reagierte gewohnt gelassen: Man sei zuversichtlich, dass Youtube die Rechte der Copyright-Besitzer respektiert habe, und denke, auch das Gericht werde dem folgen. „Youtube ist für Nutzer großartig und bietet auch den Copyright-Besitzern echte Chancen“, sagte ein Sprecher. Man werde sich durch die Klage nicht von weiterem Wachstum abhalten lassen.

Mit dem Rechtsverfahren treten seit Monaten schwelende Spannungen zwischen Google und einer Reihe großer traditioneller Medienunternehmen offen zutage. Wegen der wachsenden Popularität von Youtube insbesondere unter jüngeren Leuten – im Februar wurden 34 Millionen US-Besucher gezählt – befürchten diese Medien, dass bei der erst 2005 gegründeten Videoplattform gratis gezeigte Ausschnitte aus ihren Programmen langfristig Zuschauer und Werbegelder abwerben könnten.

Noch ist Youtube ein kommerzieller Zwerg. Das Videoportal erzielte 2006 gerade einmal 15 Millionen Dollar Werbeumsatz. Das ist etwa so viel, wie Fernsehsender an einem einzigen Abend einsammeln. Doch Google versucht mit seiner Neuerwerbung zum zentralen Verteiler für Online-Videos zu werden, ähnlich wie Apple mit iTunes den Markt für digitale Musik beherrscht. Seit Monaten verhandelt Google mit den Medienfirmen, um Inhalte gegen Bezahlung legal ausstrahlen zu können. „Auf vielen Informationen in der Welt besteht ein Urheberrecht. Sie können nur erfolgreich sein, wenn diese Frage gelöst ist“, meint Josh Bernoff von Forrester Research. Es gelang zwar, mit CBS, der BBC und anderen Verträge zu vereinbaren. Doch zu Lizenzvereinbarungen mit den übrigen großen US-Fernsehsendern und den Hollywood-Studios ist es bisher nicht gekommen. Auch zwischen Viacom und Google hat es Gespräche gegeben. Der Mediengigant zählt bisher aber zu Googles schärfsten Kritikern.

Die rechtliche Lage ist nach Meinung von Fachleuten kompliziert. Sie weisen auf Parallelen zum Kampf der Musikindustrie mit der digitalen Tauschbörse Napster hin, die am Ende unterlag. Allerdings ist ein bedeutender Teil des Inhalts von Youtube rechtlich kaum zu beanstanden: „Wenn man zu Youtube geht, bekommt man den Eindruck, dass Youtube ein Platz für dich ist, um deine eigenen Videos zu veröffentlichen“, meint Gregory Rutchik, Anwalt in San Francisco.

Im Kern geht es um die Auslegung des Gesetzes zum digitalen Urheberrecht (Digital Millennium Copyright Act) von 1998. Das Gesetz schützt Internetdienstleister vor der Verantwortung für Material, das ihre Nutzer online stellen. Um in den Genuss dieses Schutzes zu gelangen, muss der Internetdienst nicht genehmigtes Material entfernen, wenn er vom Copyright-Inhaber darauf aufmerksam gemacht wird. Genau das tat Youtube im Februar, als Viacom verlangte, 100 000 Clips von der Website zu nehmen.

Diese sogenannte „Sicherer-Hafen“Klausel greift aber nur, solange das Internetportal von den Verstößen finanziell nicht profitiert. „Man kann nicht einmal die Internetseite von Youtube aufrufen, ohne dass man ein halbes Dutzend Urheberrechtsverstöße findet“, meint Greg Gabriel, ein Anwalt in Santa Monica.

Viele Beobachter weisen darauf hin, dass hinter Youtube die Ressourcen des milliardenschweren Unternehmens Google stehen, das vielleicht mehr Geld für einen Rechtsstreit aufbieten könnte als der Großkonzern Viacom. Selbst wenn Viacom eine Milliarde Dollar Schadenersatz bekommen sollte – viele Juristen halten das für unwahrscheinlich –, wäre Google nicht am Ende. Deshalb wird darüber spekuliert, dass Viacom den Rechtsstreit nur als Verhandlungstaktik einsetzt, um Google für die Bezahlung seiner Inhalte gefügiger zu machen. „Niemand bezahlt Geld oder tut sonst irgendetwas, wenn er nicht in einen Gewehrlauf starrt“, meint Rutchik. Der Anwalt ist sich sicher, dass die Gegner am Ende einen Kompromiss erzielen werden.

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