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Anschlag auf Raffinerien in Saudi-Arabien : Die Angst vor der nächsten Ölkrise

Nach dem Drohnenangriff in Saudi-Arabien ist Rohöl so teuer wie seit vier Monaten nicht mehr. Doch Experten sind sich sicher, dass Öl noch nicht knapp wird.

Christian Schaudwet
Das Khurais-Ölfeld, rund 160 Kilometer von Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad entfernt. Die Preise zogen stark an.
Das Khurais-Ölfeld, rund 160 Kilometer von Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad entfernt. Die Preise zogen stark an.Foto: picture alliance/dpa

Im Jahr 1973 schnellte der Ölpreis von zwei auf 15 US-Dollar pro Barrel. Es folgte die erste sogenannte Ölkrise. Anfang der 1980er Jahre ging es nochmal rapide bergauf von 15 auf 30 Dollar. Die zweite Ölkrise war die Folge. Und selbst vor der eigentlich von Rohöl weit entfernten Finanzkrise 2009 kletterte der Preis auf den Rekordstand von 150 Dollar. Nicht umsonst gilt ein schnell ansteigender Ölpreis daher als Krisenindikator. Am Montagmorgen stieg der Ölpreis nun um 20 Prozent auf rund 66 US-Dollar für ein Barrel, es war der größte Kurssprung seit 28 Jahren.

Der Grund für den Anstieg war ein Drohnenangriff auf zwei saudi-arabische Raffinerien, die daraufhin ihre Produktion drosseln mussten. Der Ausfall betrifft rund fünf Prozent des weltweiten Ölangebots

In Zeiten, in denen der Brexit und der Handelsstreit zwischen den USA und China wie Damoklesschwerter über der Konjunktur hängen und das Wachstum weltweit merklich nachlässt, ist eine teure Energieversorgung das letzte, das die Weltwirtschaft gebrauchen könnte. Reißt der Ölpreis nun also die ohnehin fragile Weltwirtschaft in die Rezession?

Experten bewerteten diese Gefahr am Montag als gering. „Falls der Ölpreis sich infolge einer insgesamt weniger sicheren Versorgungslage dauerhaft stark erhöhen sollte, dann hätte das sicher negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft“, sagte Aleksandar Zaklan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf Tagesspiegel-Nachfrage. Wie belastend das für die Konjunktur ist, hinge vom Preisniveau ab. „Sollte das Preisniveau in etwa wie aktuell bleiben, würden sich die konjunkturellen Folgen für Deutschland in Grenzen halten.“

Das sei allerdings von der politischen Lage in der Region abhängig: „Sofern es bei diesem einen Angriff bleibt, ist keine nachhaltige Preissteigerung zu erwarten.“ Auch Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, sagte, „dauerhaft steigende Ölpreise und folglich Belastungen für die Konjunktur sind nur zu erwarten, wenn das Ölangebot dauerhaft verknappt wird“.

Das Öl wird nicht knapp

Danach sieht es derzeit allerdings aus mehreren Gründen nicht aus. Zum einen besitzt Saudi-Arabien Vorräte, um die aktuellen Ausfälle infolge des Anschlags für mehr als einen Monat auszugleichen. Auch Deutschland hat eine strategische Ölreserve, um Engpässe zu überbrücken. Ebenso die USA. Um die Märkte zu beruhigen und die Wirtschaft zu stützen hat US-Präsident Donald Trump sogar schon angekündigt, Import-Ausfälle damit auszugleichen.

Zum anderen haben sich die Erdöl-fördernden Länder im Rahmen der Opec erst im Juli dazu entschlossen, weniger Öl zu fördern als technisch möglich ist, um den Preis hoch zu halten. Im Falle einer Knappheit könnte diese Regelung wieder aufgehoben werden. Erst in der vergangenen Woche hatte die Internationale Energie-Agentur IEA mitgeteilt, sie rechne im kommenden Jahr mit einem gewaltigen Angebotsüberschuss, da die Produktion außerhalb der Opec-Staaten stark angestiegen sei.

Auf Deutschland hätten geringere Ölimporte aus Saudi-Arabien ohnehin nur schwache Auswirkungen. Im Jahr 2018 bezog Deutschland gerade einmal 1,7 Prozent seiner Ölimporte aus Saudi-Arabien, im ersten Quartal 2019 waren es nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes nur 0,8 Prozent.

Insgesamt bezieht Deutschland Öl aus rund 30 Ländern, von denen Russland und Norwegen die größten Exporteure sind. „Die Ölversorgung Deutschlands ist im vollen Umfang gesichert“, stellte ein Sprecher der Verbandes dann auch klar. „Engpässe auch bei den Mineralölprodukten, voran Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin, sind nicht zu befürchten.“

Dennoch könnten Preissteigerungen auf die Verbraucher zukommen. An den Tankstellen waren die Auswirkungen der Marktausschläge am Montag noch nicht eindeutig erkennbar. Zwar stiegen die bundesweiten Durchschnittspreise für Diesel und Superbenzin E10 um ein bis zwei Cent im Vergleich zum Vortag. Eine belastbare Tendenz ließ sich daran aber noch nicht ablesen.

Der Preis für Heizöl sprang am Montag regional unterschiedlich um drei bis fünf Cent je Liter nach oben, teilte der Messgeräte-Hersteller Tecson mit. Der bundesweite Durchschnittspreis für 100 Liter Heizöl erhöhte sich demnach um rund vier Euro von 66,60 auf 70,50 Euro. Das bedeutete jedoch kein neues Jahreshoch.

Noch keine Panik an der Börse

Die Märkte gerieten am Montag weltweit unter Druck, notierten aber meist nur leicht im Minus. Der Dax verharrte den Tag über bei rund 0,5 Prozent im Minus, nachdem er zuvor acht Tage in Folge gestiegen war. Der EuroStoxx 50 als Leitindex der Eurozone verlor noch leicht mehr.

Die Sorge, Kerosin könnte bald teurer werden, drückte vor allem die Aktien der Lufthansa. Sie sanken um über drei Prozent. Die Werte von Energiekonzernen wie ExxonMobile oder Chevron in den USA lagen hingegen vorbörslich im Plus, auch an den asiatischen Märkten stiegen die Werte von Unternehmen wie PetroChina oder China Petroleum um bis zu vier Prozent.

Dass die Sorge vor einem Einbruch der Werte insgesamt noch gering ist, zeigte auch die Tatsache, dass Gold am Nachmittag nach einem leichten Plus zum Börsenstart wieder schwächer notierte. Das Edelmetall gilt in Krisenzeiten als bevorzugtes Anlageobjekt, doch soweit scheint es für die Mehrheit der Börsianer noch nicht zu sein.

Was Beobachtern allerdings Sorgen macht, ist die Tatsache, wie leicht die Erdölförderung in Saudi-Arabien anzugreifen ist. Denn auch wenn die Bedeutung für Deutschland anteilig gering ist, gehört das Königreich insgesamt doch zu den drei größten Erdölförderern der Welt. Mit knapp zehn Millionen Fässern pro Tag liegt Saudi-Arabien laut der Nachrichtenagentur Bloomberg hinter den USA und Russland auf Platz drei. Anders als dort ist ein Großteil der Förderanlagen in Saudi-Arabien allerdings räumlich konzentriert. Anschläge haben hier also eine sehr viel größere Wirkung.

Aus Sicht des Energieforschers Andreas Goldthau vom Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam könnte der Wiederaufbau der Raffinerien daher auch durchaus Zeit benötigen, weil Saudi-Arabien einen dezentralen Ausbau erwägen könnte. Ein mittel- oder längerfristig höheres Preisniveau würde nach Goldthaus Einschätzung zudem weniger die Industrieländer treffen als die Entwicklungsländer. Dort beruhe die Stromversorgung vielerorts auf Dieselaggregaten, deren Betrieb teurer werde. Aus Goldthaus Sicht hätte diese Entwicklung zwei mögliche Folgen: verschärfte Armut oder eine beschleunigte Umstellung auf dezentrale Solaranlagen.

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