"Die elektronische Gesundheitskarte ist ein Trauerspiel"

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AOK-Chef Martin Litsch im Interview : „Die Zusatzbeiträge werden weiter steigen“

Eigentlich sollten alle Versicherten längst eine elektronische Gesundheitskarte haben, die persönliche Daten, Befunde und verordnete Medikamente speichert. Das Projekt kommt aber nicht in die Gänge, nun drohen den Kassen Strafzahlungen. Haben Sie schon Geld zurückgelegt?

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte war ein einziges Desaster. Wir sind seit zehn Jahren an dem Thema dran, kämpfen um die sicherste Technologie, aber bisher gibt es nur eine Karte ohne Zusatznutzen. Das Gesundheitswesen ist auf einen sicheren und schnellen digitalen Datentransfer angewiesen. Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt. Dies wirft ein schlechtes Licht auf alle Beteiligten, auch auf die politische Steuerung.

Und Sie müssen büßen?

Ja, vor allem die Beitragszahler. Wir mussten 2011 die Gesundheitskarte mit Chip und Bild einführen, aber der Chip, der für neue Anwendungen gedacht war, muss 2017 aus Sicherheitsgründen wieder ersetzt werden. Wir haben diesen Chip bezahlt, aber nichts Neues damit gemacht. Das ist ein Trauerspiel.

In vielen Kommunen, auch in Berlin, bekommen jetzt auch Flüchtlinge Gesundheitskarten. Treibt das nicht die Gesundheitsausgaben in die Höhe?

Nein. Wir haben zwar noch keine Erkenntnisse über die Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen. Aber wir haben Zahlen von der AOK Bremen für Bremen und Hamburg, die schon seit Jahren Gesundheitskarten an Flüchtlinge ausgeben.

Und?

Flüchtlinge kosten im Durchschnitt weniger als normale Versicherte. Man kann den Menschen also ganz risikolos Gesundheitskarten geben. Das hat nur Vorteile – für die Betroffenen selbst, die direkt zum Arzt können. Aber auch für die Mitarbeiter der Behörden, die nicht mehr über medizinische Behandlungsnotwendigkeiten entscheiden müssen, und die Ärzte, die nicht mehr ihrem Geld hinterherlaufen müssen. In Hamburg hat es im Jahr 1,6 Millionen Euro gespart, dass die Flüchtlinge die Gesundheitskarte bekommen haben.

Wer entscheidet, ob Behandlungen bezahlt werden?

Der Arzt entscheidet, ob ein Patient behandlungsbedürftig ist – und zwar sowohl bei akuten Erkrankungen als auch bei chronischen, wenn etwa ein Diabetiker Medikamente benötigt. Psychotherapien oder Zahnersatz – Beispiele, mit denen gern Stimmung gemacht wird – werden für Flüchtlinge nur dann bezahlt, wenn die Kommune die Behandlung genehmigt hat, egal ob jemand eine Gesundheitskarte hat oder nicht.

Viele Flüchtlinge gehen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser, um sich behandeln zu lassen …

Wenn überhaupt, sind das Ausnahmefälle. Es gibt da keine Überforderungen. Experten gehen von maximal rund 200 000 zusätzlichen Behandlungsfällen im Krankenhaus aus. Bei rund 19 Millionen stationären Behandlungsfällen pro Jahr ergibt das eine Steigerung der Bettenauslastung um 0,055 Prozent.

Er hatte es bereits einige Monate lang kommissarisch getan, aber seit dem 1. Januar leitet Martin Litsch (58) ganz offiziell den AOK-Bundesverband. Der Soziologe und Ökonom arbeitet bereits seit 1989 für die AOK-Familie, 2008 wurde er Chef der AOK Westfalen Lippe. Nach der Fusion seiner Kasse mit der AOK Schleswig-Holstein führte Litsch als Vorstandschef die neu gebildete AOK Nordwest. Mehr als 24,4 Millionen Menschen, fast ein Drittel der Bevölkerung, sind bei einer der elf Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOKs) versichert. Der AOK-Bundesverband in Berlin ist das politische Sprachrohr der Allgemeinen Ortskrankenkassen und die Vertretung des AOK-Systems gegenüber dem GKV-Spitzenverband.

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