Arbeitszeit-Verkürzung : Erste Hilfe gegen Burn-out

Der Stadtrat von Göteborg glaubt, dass Arbeitnehmer, die kürzer arbeiten, bessere Ergebnisse liefern und gesünder sind. Jetzt gibt es ein Experiment.

Susanne Grautmann
Leisten immer mehr in der gleichen Zeit: Altenpfleger
Leisten immer mehr in der gleichen Zeit: Altenpflegerdpa

Sie leisten harte Arbeit. An diesem Montag sollen sie dafür besonders gewürdigt werden. „Zum Tag der Pflegenden möchte ich mich bei all denen bedanken, die in der Pflege jeden Tag eine wichtige und wertvolle Arbeit leisten“, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja im Vorfeld des Festtages. Im südschwedischen Göteborg belässt man es nicht beim Dank, sondern sucht nach Wegen, Pflegerinnen und Pfleger besser zu schützen.

Der rot-grüne Stadtrat hat daher ein Experiment beschlossen: Die Stadt will ausprobieren, wie sich eine verkürzte Arbeitszeit von sechs Stunden am Tag auf die Gesundheit von Arbeitnehmern und die Qualität ihrer Arbeit auswirkt. In der Testphase sollen 25 Altenpfleger ein Jahr lang nur sechs Stunden täglich arbeiten, während ihre Kollegen weiterhin jeden Tag acht Stunden tätig sind. Um die Verkürzung der Arbeitszeit aufzufangen, will Göteborg zusätzliche Pfleger einstellen.

Forscher der Uni Göteborg begleiten das Projekt und sammeln Daten über die Arbeitsleistung und den Gesundheitszustand der Mitglieder beider Gruppen. Mats Pilheim, Kommunalrat von Göteborg, glaubt: „Wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver.“ Deswegen könne man so langfristig vermutlich sogar Kosten sparen.

Auch in Deutschland gäbe es viele Gründe, über die Arbeitsbedingungen im Pflegesektor nachzudenken. Denn die Beschäftigten dort schätzen ihre Arbeitsbedingungen deutlich negativer ein als der Durchschnitt der Arbeitnehmer. Das hat der letzte vom DGB veröffentlichte „Index Gute Arbeit“ gezeigt. Darin sind die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage unter Beschäftigten zur Qualität ihrer Arbeitsbedingungen zusammengefasst.

Vor allem die Arbeitsintensität, das verglichen damit geringe Einkommen und die steigenden Anforderungen machen den Pflegern zu schaffen. 87 Prozent sagen, dass sie seit Jahren immer mehr leisten müssen. Um das Pensum überhaupt noch zu schaffen, muss fast jeder zweite Pfleger Abstriche bei der Qualität seiner Arbeit machen. In der Folge fühlen sich 59 Prozent nach der Arbeit „sehr häufig“ oder „oft“ ausgebrannt. Nur 74 Prozent glauben, unter den derzeitigen Bedingungen bis zur Rente arbeiten zu können.

Nicht nur angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege sind diese Zahlen besorgniserregend. Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hat 2012 ergeben, dass ausgehend vom Jahr 2010 bis zum Jahr 2030 rund 240 000 zusätzliche Vollzeitkräfte in der Altenpflege benötigt werden.

Die Pfleger selbst wünschen sich mehr Personal, mehr Zeit für einzelne Arbeitsvorgänge und mehr Einfluss auf Arbeitsmenge und Arbeitsorganisation. Wäre die Einführung von Sechs-Stunden-Tagen wie in Göteborg vielleicht eine Lösung? Für Herbert Weisbrod-Frey, Bereichsleiter Gesundheitspolitik bei Verdi, ist die entscheidende Frage, ob eine verkürzte Arbeitszeit den Druck auf die Beschäftigten tatsächlich verringern oder womöglich noch erhöhen würde.

Schon jetzt arbeiten nach Angaben von Verdi rund 70 Prozent der Beschäftigten im Pflegesektor in Teilzeit. Wegen ihres geringen Einkommens müssen viele aber noch in anderen Jobs etwas dazuverdienen. Anders als in Göteborg: Dort beziehen die Testpfleger weiterhin ihr volles Gehalt.



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