Wirtschaft : Aus Feinden werden Freunde

Hans Wall schließt ein strategisches Bündnis mit seinem langjährigen Gegner Jean-Francois Decaux

Alfons Frese

Berlin - Die Wall AG ändert überraschend ihre Strategie. Gemeinsam mit dem französischen Wettbewerber JCDecaux will Wall künftig in Deutschland Werbeflächen vermarkten. Decaux war bislang ein rotes Tuch für Unternehmensgründer Hans Wall, obwohl die Franzosen 35 Prozent an seinem Unternehmen halten. Doch Wall hatte Decaux immer als feindlich gesonnenen Eindringling gesehen. Die Abneigung erreichte einen Höhepunkt, als Wall im vergangenen Sommer das Bieterverfahren um die Werbetochter der Berliner BVG an JCDecaux verlor. Fassungslos warf Wall damals der Berliner Politik vor, einem „Großkonzern“ den Zuschlag gegeben zu haben, der „uns kaputt machen will“. Wall drohte mit der Verlagerung von Firmensitz und Produktion nach Hamburg und musste unter anderem vom Regierenden Bürgermeister beruhigt werden.

Nun rücken die Kontrahenten zusammen. „Wall und JCDecaux auf neuem Kurs – Gemeinsame Vermarktungsgesellschaft Deutschland“ ist eine Einladung zu einem Pressegespräch überschrieben, bei dem Hans Wall, sein Sohn Daniel sowie Jean-Francois Decaux am heutigen Donnerstag ihre Allianz vorstellen wollen. Neben der gemeinsamen Vermarktung soll offenbar noch eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit bekannt gegeben werden, wie es in Unternehmenskreisen hieß. „Für unsere Branche ist das eine Sensation.“ Präzisere Informationen soll es heute geben.

Branchenvertreter reagierten auf die neue Allianz mit Verständnis. Udo Müller, Vorstandschef des Marktführers Ströer, sagte auf Anfrage: „Ich begrüße das, denn Decaux ist ein professioneller Wettbewerber, den wir schätzen.“ Er sprach von einem „erwarteten Konsolidierungsschritt“. Mittelfristig werden nach Müllers Einschätzung noch „zwei bis drei wesentliche Anbieter“ übrig bleiben. Dazu dürfte Wall seiner Einschätzung nach nicht gehören. Derzeit gibt es noch ein gutes halbes Dutzend Firmen auf dem Markt für Außenwerbung. Mit einem Marktanteil von gut 30 Prozent ist Ströer mit Abstand der größte Werber, gefolgt von der Koblenzer AWK (knapp zwölf Prozent) und JCDecaux (9,5 Prozent). Wall kommt, vor allem wegen der starken Stellung auf dem Heimatmarkt Berlin, auf 5,1 Prozent. Mit der gemeinsamen Vermarktungsgesellschaft können Wall und Decaux nun Werbeflächen in den meisten großen Städten Deutschlands anbieten. Für die werbetreibende Wirtschaft ist das im Sinne einer flächendeckenden Kampagne von großer Bedeutung. Dabei passen beide gut zusammen, weil sowohl Decaux als auch Wall bekannt sind für die hohe Qualität ihrer Werbeflächen und -standorte. „Auch der Alte hat erkannt, dass es ohne Decaux nicht geht“, heißt es in der Branche über Hans Wall. Allein sei er zu klein, um zu überleben.

Der Unternehmensgründer selbst hatte nach dem Theater um die BVG- Tochter im letzten Jahr angekündigt, die 35 Prozent, die Decaux an seiner Firma hält, im nächsten Jahr kaufen zu wollen. Allerdings waren Zweifel aufgekommen, ob Wall den dafür erforderlichen Betrag von vermutlich gut 100 Millionen Euro sowie weitere Investitionssummen für neue Projekte würde aufbringen können. Derzeit bietet Wall, auch wieder mit und gegen JCDecaux und Ströer, im Rahmen einer Ausschreibung um Plakate und Stadtmöbel für Hamburg. Weitere Ausschreibungen laufen in München und Philadelphia, ferner wird an einer Ausweitung des Geschäfts in St. Petersburg und Moskau gearbeitet.

Ein Modell für die künftige Zusammenarbeit von Wall/JCDecaux könnte Budapest sein. Die beiden gewannen gemeinsam mit einem dritten Partner die dortige Ausschreibung mit einem Investitionsvolumen von rund 20 Millionen Euro und einer Laufzeit von 25 Jahren. Wall liefert dazu 30 behindertengerechte Toiletten und jeweils 250 leuchtende Plakatwände (City Light Boards) und Stadtinformationsanlagen, die im Wall-Werk im brandenburgischen Velten gebaut werden.

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