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Autobauer : BMW und Daimler kooperieren beim autonomen Fahren

Neue Technologien und neue Wettbewerber zwingen die Autobauer zu immensen Investitionen. Zwei, die eigentlich harte Konkurrenten sind, tun sich jetzt zusammen.

Ein autonom fahrendes Fahrzeug von BMW auf einer Teststrecke.
Ein autonom fahrendes Fahrzeug von BMW auf einer Teststrecke.Foto: Matthias Balk/dpa

Berlin - BMW und Daimler rücken noch enger zusammen. Nach dem Zusammenschluss ihrer Dienstleistungstöchter rund ums Carsharing in der vergangenen Woche gaben die Autokonzerne am Donnerstag eine weitere Kooperation bekannt: Bei der Entwicklung selbst fahrender Autos wollen die beiden Dax-Firmen „ihre Kräfte bündeln“, wie es in einer Mitteilung hieß. Die beiden ähnlich positionierten Autobauer, die sich einen scharfen, unfreundlichen Wettbewerb geliefert hatten, wollen bei Zukunftstechnologien Entwicklungskosten sparen und die nötige kritische Größe erreichen. Über eine größere Kooperation in der Branche im Bereich autonomes Fahren war schon länger spekuliert worden.

Eine Absichtserklärung von BMW und Daimler sieht vor, langfristig bei der Entwicklung der nächsten Technologiegeneration des autonomen Fahrens zusammenzuarbeiten und entsprechende Lösungen Anfang des kommenden Jahrzehnts auf die Straße zu bringen. Ziel sei, „die Industrialisierung des autonomen Fahrens im Rahmen einer flexiblen, skalierbaren und nicht -exklusiven Plattform voranzutreiben“, erklärte BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich. Weitere Partner können also hinzukommen. Daimler arbeitet bereits seit 2017 mit dem Zulieferer Bosch bei der Entwicklung des autonomen Fahrens in Städten zusammen. BMW kooperiert mit dem Chip-Konzern Intel. Diese Projekte sollen fortgesetzt werden.

Konzerne wie Google setzen die Branche unter Druck

„Statt individueller Insellösungen geht es uns um ein zuverlässiges Gesamtsystem“, erklärte Daimler-Forschungsvorstand Ola Källenius, der im Mai Konzernchef Dieter Zetsche ablösen wird. „Beide Unternehmen werden weitere Partnerschaften mit Technologie-Unternehmen und Automobilherstellern prüfen, die zum Erfolg der Plattform beitragen können“, teilten BMW und Daimler mit.

Das geplante Bündnis verdeutlicht zwei Trends in der Branche: Zum einen stehen die klassischen Autobauer unter Druck, weil Technologie-Konzerne wie Google oder Dienste wie Uber oder Didi mit ihren Mobilitätsfirmen in das Kerngeschäft der Autoindustrie vorstoßen. VW-Chef Herbert Diess schätzt, dass die Google-Tochter Waymo durch den früheren Start mit der Technologie einen Vorsprung von ein bis zwei Jahren gegenüber den traditionellen Autobauern hat. Kooperationen untereinander und mit Branchenfremden sollen hier Abhilfe schaffen. Am Mittwoch hatten Volkswagen und der Softwarekonzern Microsoft ihre Kooperation bei Clouddiensten in Berlin bekannt gegeben. Bosch will 200 Millionen Euro zusätzlich in Nachwuchsfirmen mit Spezialisierungen auf autonomes Fahren, künstliche Intelligenz oder Internetlösungen stecken.

Zum anderen versuchen die Autohersteller, die zusätzlichen Forschungs- und Entwicklungskosten für die Automatisierung, Digitalisierung, Vernetzung und Elekrifizierung zu teilen. So kooperiert zum Beispiel Volkswagen mit dem US- Wettbewerber Ford. Die Wolfsburger haben sich zudem einem Entwicklerkonsortium um den chinesischen Google-Konkurrenten Baidu angeschlossen. An diesem Konsortium arbeiten die meisten größeren Autohersteller mit. VW will außerdem seine elektrische Produktionsplattform MEB für weitere Wettbewerber öffnen, wie der Konzern kürzlich dem Tagesspiegel sagte.

Um „zumindest eine gute Position“ in allen vier Zukunftsereichen zu haben, müsse „ein typischer Autohersteller gut 70 Milliarden Dollar (gut 61 Milliarden Euro) investieren“, wie das Beratungsunternehmen McKinsey in einer aktuellen Studie ausgerechnet hat. Dies sei nur durch verstärkte Zusammenarbeit möglich. Eine Alternative haben die Autokonzerne auch nicht. Laut McKinsey werden im Jahr 2030 mehr als die Hälfte des Umsatzes aus der Mobilitätindustrie aus „disruptiven Bereichen“ kommen – also zum Beispiel dem autonomen Fahren. 80 Prozent der gefahrenen Kilometer in China, Europa und in den USA würden dann „selbstfahrend oder annähernd selbstfahrend“ zurückgelegt.

Alter Streit wegen des Kartellverdachts

BMW und Daimler wollen in einem ersten Schritt am automatisierten Fahren auf Autobahnen und automatisierten Parkfunktionen – in der Fachwelt ist von Level 4 die Rede – arbeiten. Die Technologie soll noch vor 2025 auf den Markt kommen. Die Sicherheit der Insassen und aller anderen Verkehrsteilnehmer sei für beide Unternehmen dabei von größter Bedeutung, so wird betont. Erst bei Level 5 wird komplett computergesteuert gefahren – ganz ohne Lenkrad, Pedale und menschlichen Fahrer.

Dass ausgerechnet die beiden seit vielen Jahren schärfsten Wettbewerber im so genannten Premiummarkt enger kooperieren, überrascht. So hatte Daimler Ende 2017 im Zuge des Verdachts auf ein Kartell in der deutschen Automobilindustrie bei den EU-Behörden einen Antrag auf Kronzeugenregelung gestellt – und damit das BMW-Management massiv verärgert. Das Verfahren läuft noch. Die EU-Kommission hatte ihre Kartellermittlungen BMW, Daimler und VW Ende vergangenen Jahres intensiviert.

Mit Blick auf die neuen Allianzen von Daimler und BMW plädierte der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer am Donnerstag dafür, dass die Kartellbehörden eine solche Zusammenarbeit angesichts der Konkurrenz mit chinesischen, amerikanischen und japanischen Konzernen global sehen sollten. Das Bundeskartellamt war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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