Wirtschaft : Autobranche in der Image-Krise

Verband sucht nach einem neuen Chef-Lobbyisten

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die deutsche Automobilindustrie steckt in einer ernsten Imagekrise. Nach dem überraschenden Rücktritt von Bernd Gottschalk, dem langjährigen Präsidenten des Industrieverbandes VDA, fehlt dem wichtigsten deutschen Industriezweig ein Chef-Lobbyist – mitten in der Debatte um Klimaschutz und CO2-Emissionen. Ein Nachfolger ist einstweilen nicht in Sicht.

„Gerade in diesen Tagen bräuchte der VDA eine souveräne und sichere Führung“, sagte Wolfgang Meinig, Leiter der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft, am Montag dem Tagesspiegel. Die Führungskrise sei „beunruhigend“. Die deutschen Hersteller stünden unter Beschuss, die Stimmung in den Vorständen sei angespannt – auch mit Blick auf die Verbandsarbeit der vergangenen Wochen. „Gottschalk war beim Thema CO2 sprachlos“, kritisierte Meinig. Ein Nachfolger müsse „neue Wege in die Öffentlichkeit finden – nicht nur mit Siegesmeldungen über neue Absatzrekorde“.

Bernd Gottschalk hatte am Wochenende seinen Rücktritt erklärt und betont, er habe sich in der Klimaschutz-Debatte keine Versäumnisse vorzuwerfen. Mehrere Hersteller hatten kritisiert, der Verband habe ihre Fortschritte bei der Schadstoffreduzierung zu wenig ins rechte Licht gerückt. In der Branche kursierten am Montag verschiedene Namen, die als Gottschalks Nachfolger in Frage kommen könnten. Als Favorit gilt der frühere BMW-Chef Helmut Panke. Er ließ sich allerdings mit dem Satz zitieren, er habe andere Pläne. Auch Pankes Vorgänger, BMW-Aufsichtsratschef Joachim Milberg, wurde genannt. Ein Vertreter von BMW hätte gute Chancen, denn Gottschalk kam von Mercedes. Der Ex-Mercedes-Chef Jürgen Hubbert hat den Posten Kreisen zufolge bereits abgelehnt. Auch eine Kandidatur von Ex-VW-Chef Bernd Pischetsrieder gilt als unwahrscheinlich. „Der VDA braucht jemanden, der Themen rechtzeitig erkennt und nicht getrieben wird“, sagte der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dieser Zeitung. Ein Ex-Vorstandschef sei wohl keine „Ideallösung“. Der Leiter des Center Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen brachte Klaudia Martini ins Gespräch, – sie war bis 2004 im Opel-Vorstand für die Unternehmenskommunikation verantwortlich.

„Der Verband steht vor einer Zerreißprobe“, glaubt Dudenhöffer. Die unterschiedlichen Meinungen von Premiummarken wie Daimler, Audi, BMW und Porsche und Volumenherstellern wie Ford, Opel oder VW zum Thema Klimaschutz könnten den Verband spalten. Bei den Grenzwerten für CO2 plant die EU-Kommission nur einen Wert für alle Neuwagen. Während die Hersteller großer Wagen den erlaubten CO2-Ausstoß nach Technik und Motorgröße festlegen wollen, verlangen kleine Hersteller und Importeure für alle gleiche Grenzwerte.

Die VDA-Führungskrise dokumentiert nach Meinung der Experten nicht, dass die Industrie die falschen Produkte hat. „Der Autosalon in Genf hat gezeigt, wie schnell deutsche Hersteller auf das Klimathema reagieren können“, sagte Wolfgang Meinig. Mit den „sauberen“ Modellen Audi A3, Smart und Passat „Blue-Motion“ hatten zum Beispiel VW und Daimler neue Autos mit niedriger CO2-Emission vorgestellt.

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