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Bahnhöfe der Deutschen Bahn : Zugige Bahnsteige, kaputte Toiletten

Bahnhöfe sind „beliebte Orte der Begegnung“, glaubt die Deutsche Bahn, die 5700 betreibt. Viele Bahnhöfe sind eine Zumutung, sagen viele Reisende. Die Grünen fordern ein "5700-Schöne-Bahnhöfe"-Programm

Im Regen. Zwei lange Dachgerippe ohne Dächer lassen am Bahnhof des rheinland-pfälzischen Rhein-Städtchens Kaub wartende Fahrgäste schon seit Jahren im Regen stehen.
Im Regen. Zwei lange Dachgerippe ohne Dächer lassen am Bahnhof des rheinland-pfälzischen Rhein-Städtchens Kaub wartende Fahrgäste...  Foto: Thomas Frey/dpa


Bei der Deutschen Bahn (DB) diktiert Corona den Fahrplan, das Verkehrs- und Passagieraufkommen wurde deutlich reduziert. Doch wer in diesen Tagen auf einen Regional- oder Fernzug angewiesen ist, der bemerkt beim Warten am Gleis, dass sich eines nicht geändert hat: Viele Bahnhöfe und Stationen – vor allem im ländlichen Raum – sind in einem erbärmlich schlechten Zustand.

Der Bund als Eigentümer der Bahn hat den Modernisierungsbedarf zwar erkannt, doch fehlt ihm offenbar der nötige Überblick, wo und wie am dringlichsten investiert werden muss, damit sich die Zustände verbessern. So bleibt es vielerorts bei tristen Bahnhofshallen, mangelndem Wetterschutz, maroden Toiletten und fehlenden Fahrradständern. Von „Flickschusterei“ und einem „Knäuel aus Stückwerk-Förderungen“ spricht der bahnpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Matthias Gastel. Zusammen mit Fraktionskollegen wollte er von der Bundesregierung genauer wissen, wie es um die „Aufenthaltsqualität“ an den insgesamt knapp 5400 Bahnhöfen der DB Station & Service sowie 300 weiteren, meist kleinen Stationen im Regio-Netz bestellt ist.

Aus den Antworten des Verkehrsministeriums (BMVI) auf eine Kleine Anfrage, die „Tagesspiegel Background Mobilität & Transport“ vorliegen, zieht Gastel die Schlussfolgerung: „Um es mal etwas zuzuspitzen: Wir brauchen ein 5700-Schöne-Bahnhöfe-Programm!“ Mit Blick auf die Diskussion über Konjunkturprogramme nach der Krise, komme es jetzt darauf an, „dass wir Gelder dort investieren, wo sie zu besserer, menschen- und klimagerechter Mobilität führen anstatt zu noch mehr schädlichem Verkehr“. Der Bund schaffe es ja auch, „seine Autobahnen vollständig durchzufinanzieren und nicht nur 18 Prozent davon“, sagte Gastel Background. „Das muss er 26 Jahre nach der Bahnreform endlich auch für seine Bahnhöfe hinkriegen.“

An 800 Bahnhöfen und Stationen wird gebaut

Das BMVI verweist auf die deutlich aufgestockte Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung für Infrastrukturinvestitionen der Bahn und das „1000-Bahnhöfe-Programm“, das auch kleine Bahnhöfe attraktiver machen solle. Die Deutsche Bahn (DB) hat nach eigener Auskunft 2019 rund 650 Bahnhöfe modernisiert. Dank der zusätzlichen Milliarden, die der Eigentümer der DB für Investitionen zur Verfügung gestellt hat, kann Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla auch in diesem und in den kommenden Jahren aus dem Vollen schöpfen.

Allein 2020 fließen in die Bahnhöfe rund 1,6 Milliarden Euro, an 800 Bahnhöfen und Stationen wird gebaut – „vom Wetterhäuschen über die Verbesserung der Barrierefreiheit und Kundeninformation bis hin zur Generalsanierung“, wie die Bahn schreibt. Modernisiert werden sollen 2020 neben den Hauptbahnhöfen Dortmund und Hannover auch der Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin sowie viele kleine und mittelgroße Stationen. Bahnhöfe, so heißt es im DB-Marketing, seien „Zugangstor zum System Bahn“ und „belebte wie beliebte Orte der Begegnung“. Doch die Realität sieht anders aus.

Toiletten: Nur gut 730 Bahnhöfe der DB Station&Service AG verfügen über Toiletten, wie das BMVI in einer früheren Antwort erklärte. 116 werden von Partnern der Bahn betrieben, wie das Ministerium jetzt ergänzte, 36 Anlagen sind rund um die Uhr geöffnet und kostenpflichtig. Aus Kundensicht sei dies „völlig unzureichend“, kritisiert Gastel. Wegen hoher Betriebskosten der Sanitäranlagen sei hier eine Förderung notwendig.

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Servicepersonal: An nur 166 von knapp 5400 Bahnhöfen hat die Bahn eigenes Servicepersonal im Einsatz (insgesamt 11.000 Mitarbeiter), das sind drei Prozent. Die zuständigen Stationsbetreuer im Bahnhofsmanagement seien, so die grünen Bahnpolitiker, oft 50 Kilometer und mehr entfernt und kämen daher „nur ein bis zwei Mal im Monat“ vorbei, „sofern es keine Kunden- oder Störungsmeldungen gibt“.

Bahnsteigdächer und Wartebereiche: In den Jahren 2009 bis 2019 wurden laut BMVI Bahnsteigdächer in einer Gesamtlänge von 10,2 Kilometern abgebaut. Gleichzeitig seien 1650 Wartehäuschen mit einer Gesamtdachlänge von 12,3 Kilometern errichtet worden. Der Hintergrund: Wegen hoher Unterhalts- und Instandhaltungskosten will DB Station & Service (häufig denkmalgeschützte) Dächer loswerden. „Es sind fast 50.000 Quadratmeter Dachfläche verloren gegangen“, sagt Matthias Gastel. Da Wetterschutzhäuschen nur etwa zwei Meter, Bahnsteigdächer aber etwa sechs bis acht Meter tief seien und mehr Schutz vor Regen und Schnee beim Einsteigen in den Zug. Die Ersatzinvestitionen gingen zulasten der Reisenden.

Bahnhofsgebäude: In den vergangenen 20 Jahren hat die Bahn rund 2300 der gut 3000 Bahnhofsempfangsgebäude verkauft, rund 700 gehören ihr noch. Der Bund ist als Eigentümer, so zeigen die Antworten auf die Kleine Anfrage, schlecht informiert über die neuen Eigentumsverhältnisse, den Stand der Sanierung sowie die Zahl der Wohnungen und den Leerstand. Gastel spricht von „Desinteresse“ und „Blindflug“. Viele Verkäufe seien in einem „Desaster“ geendet.

Reisebedarf: An 1378 Bahnhöfen wurden Läden vermietet, in 672 kann man Reisebedarf kaufen. Damit bieten 88 Prozent aller DB-Bahnhöfe Reisenden keine direkte Möglichkeit, für ihre Bahnfahrt einzukaufen.

WLAN: Rund 400 Bahnhöfe haben öffentlich zugängliches WLAN, wobei die DB an knapp 70 Stationen ein eigenes Netz betreibt – mit zeitlichen Nutzungsschranken, um die begrenzten Kapazitäten fair auf alle Nutzer zu verteilen, wie es heißt. „In anderen Ländern geht es auch ohne Nutzungsschranken, die Antwort klingt nach Mangelverwaltung und passt überhaupt nicht zum Anspruch, Vorreiter in der Digitalisierung zu sein“, kritisiert Matthias Gastel. Nach einmaliger Anmeldung müsse man automatisch in jedem Bahnhof, den man betritt, online sein.

Insgesamt, so zeigen die Antworten der Bundesregierung, ist der Investitionsstau bei den Bahnhöfen ähnlich groß wie bei Brücken, Gleisen und Signalanlagen. Hinzu kommen die Mühlen der Bürokratie, die Verhandlungen in die Länge ziehen. Laut BMVI verhandeln Städte und Kommunen an 247 Bahnhöfen über eine Aufwertung der Anlagen – in 61 Fällen schon länger als fünf Jahre. Dies zeige, dass die grundsätzlichen Verantwortlichkeiten zwischen Kommunen und Bahn in Deutschland nicht geklärt seien, sagt Matthias Gastel.

„Wir brauchen endlich klare Regeln, wer für leerstehende oder verfallende Bahnhofsgebäude, Toiletten, Fahrradabstellanlagen und Grünpflege zuständig ist.“ Wenn sich Kommunen und Bahn vielerorts den schwarzen Peter jahrelang gegenseitig zuschöben, bewege sich für den Kunden nichts. „Betroffene Bahnreisende sind die Leidtragenden, sie verstehen das nicht und es führt am Ende nur zu Politikverdruss.“

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