• Besatzungen müssen wegen Corona an Bord ausharren: „Seeleute dürfen nicht nach Hause – das ist Wahnsinn“

Besatzungen müssen wegen Corona an Bord ausharren : „Seeleute dürfen nicht nach Hause – das ist Wahnsinn“

Hunderttausende Crew-Mitglieder können ihre Frachter nicht verlassen. Dabei gibt es Pläne, wie der Betrieb auf den Weltmeeren trotz Corona funktioniert.

Reeder warnen: „Logistikketten werden reißen, weil Schiffe nicht weiterfahren können.“
Reeder warnen: „Logistikketten werden reißen, weil Schiffe nicht weiterfahren können.“Foto: imago images/blickwinkel

„Die Situation schweißt zusammen“, sagt Kapitän York Koch. „Wir meistern das.Wir, das sind 24 Seeleute auf dem deutschen Frachter „Peene Ore“.

Aus Singapur kommend hat das 332 Meter lange Schiff am Montag gerade Madagaskar hinter sich gelassen und nimmt nun Kurs auf Brasilien. 33 Tage dauert die Fahrt. 

Das ist nichts gegen die Zeit, die die Crew schon an Bord verbracht hat. York Koch hat die „Peene Ore“ am 6. Oktober 2019 betreten und den Frachter seitdem nicht mehr verlassen – auch nicht, als er zwei Monate in Zhoushan (China) in der Werft lag. Zwei seiner Kollegen sind schon seit 15 Monaten an Bord, einige seit einem Jahr und der Rest zwischen sechs und zwölf Monaten.

„Die Gemütslagen sind sehr unterschiedlich“, beschreibt der Kapitän im Gespräch mit Tagesspiegel Background die Lage. „Wir sind noch frohen Mutes, aber die Grenze der Zumutbarkeit ist für einige bald erreicht.“ 

York Koch hat die „Peene Ore“ am 6. Oktober 2019 betreten und den Frachter seitdem nicht mehr verlassen.
York Koch hat die „Peene Ore“ am 6. Oktober 2019 betreten und den Frachter seitdem nicht mehr verlassen.Foto: Privat

Hunderttausende warten wegen Corona

Koch ist einer von vielen Tausend Kapitänen, die derzeit auf den Weltmeeren unterwegs sind und mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben, weil der dringend notwendige Crew-Wechsel nicht stattfinden kann. Allein auf deutschen Handelsschiffen warten nach einer Mitglieder-Umfrage des Reederverbandes VDR mehr als 5000 Seeleute darauf, ihr Schiff verlassen zu können. Weltweit geht es mittlerweile 200.000 Besatzungsmitgliedern so, weitere 200.000 warten laut VDR an Land auf ihren Einsatz an Bord.

Reeder-Verband: Logistikketten in Gefahr

„Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass Crew-Wechsel immer noch nicht in annähernd ausreichendem Maß erlaubt sind“, sagt VDR-Präsident Alfred Hartmann. Man sei „in Sorge um unsere Seeleute“, um ihre Gesundheit und um die Sicherheit auf den Schiffen. Ändere sich die Lage nicht bald, würden dies auch die Verbraucher zu spüren bekommen

„Logistikketten werden reißen, weil Schiffe nicht weiterfahren können“, warnt Hartmann. „Dann ist auch der Nachschub für uns alle gefährdet, etwa mit Lebensmitteln, Rohstoffen oder Medikamenten.“ 80 bis 90 Prozent aller Waren werden auf dem Seeweg transportiert.

Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) hat diesen Donnerstag, den 25. Juni, zusammen mit den Vereinten Nationen (UN) zum „Tag des Seefahrers“ erklärt. Eigentlich wollte man für eine Karriere auf hoher See werben. Doch in diesem Jahr nutzt die Branche die Gelegenheit, um auf die prekäre Situation der vielen Seeleute in der Coronakrise hinzuweisen.

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Selbst Papst Franziskus und UN-Generalsekretär António Guterres haben das Wort ergriffen. „Seeleute leisten eine für uns alle unverzichtbare Arbeit“, sagt Alfred Hartmann. „Seeleute sind systemrelevant.“

Kapitän Koch sorgt sich vor allem um das Wohl seiner Männer. Sein Frachter der Hamburger Reederei Laeisz kann bis zu 315.000 Tonnen Eisenerz transportieren. Auf der Fahrt nach Brasilien ist er leer. Doch zu tun gibt es für die Crew genug. 24 Mann aus vier Nationen versorgen das riesige Schiff. Neben Koch sind dies ein weiterer Deutscher (Chef-Ingenieur), im mittleren Management drei Philippinos und vier Russen, der Rest der Mannschaft stammt aus der Inselrepublik Kiribati.

Das Pazifik-AtollKiribati ist für seine erfahrenen Seeleute bekannt.
Das Pazifik-AtollKiribati ist für seine erfahrenen Seeleute bekannt.Foto: picture alliance / dpa

Das Pazifik-Atoll ist für seine erfahrenen Seeleute bekannt, 5000 von ihnen sind bei deutschen Reedern beschäftigt. „Die Kiribas haben normalerweise Verträge für zehn Monate, einige sind aber schon drei Monate länger dabei“, sagt Koch. Und es werden wohl weitere Monate hinzukommen.

Viele Seeleute werden depressiv

Denn in Brasilien, einem Corona-Hotspot, wird ein Crew-Wechsel sicher nicht stattfinden können. „Darauf hofft hier auch niemand mehr“, sagt der Kapitän. Geht die Fahrt dann zurück nach China, wird die Crew also weitere sieben Wochen ausharren müssen. „Nur die Philippinos werden wir wohl auf der Rückfahrt in Manila absetzen können“, hofft Koch.

Seine größte Sorge ist, dass Crew-Mitglieder die Belastung nicht aushalten und wegen der langen Abwesenheit von zu Hause depressiv werden. Das kommt bei Seeleuten häufiger vor. „Darauf passe ich jetzt besonders auf“, sagt der 54-Jährige, der seit 1983 zur See fährt. 

Die Fahrt geht zurück nach China, dort wird die Crew also weitere sieben Wochen ausharren müssen. 
Die Fahrt geht zurück nach China, dort wird die Crew also weitere sieben Wochen ausharren müssen. Foto: dpa

„Ich setze mich nun öfter in die Mannschaftsmesse, um mich umzuhören und das Gespräch zu suchen“, sagt Koch. Normalerweise werden die Mahlzeiten an Bord in unterschiedlichen Bereichen eingenommen. Mit Seeleuten aus Kiribati fährt er schon seit fast 40 Jahren. „Ich kann mich gut in sie hinein fühlen, ich merke, wenn es einem von ihnen nicht gut geht.“

Grillparty für bessere Stimmung

Um die Stimmung zu heben, schmeißt der Boss regelmäßig eine Grillparty. „Das mache ich jetzt jedes Wochenende, statt wie früher einmal im Monat.“ An manchen Tagen wird auch gemeinsam geangelt oder es finden Dart- oder Tischtennis-Turniere statt. „Wir tun einiges, um die Freizeit angenehmer zu gestalten. Die Arbeit kann man ja nicht ändern, die muss gemacht werden“, sagt der Kapitän. Internet gibt es auch an Bord, seit Ausbruch der Pandemie kostenfrei.

15 Monate durchgehend harte Arbeit, das bedeutet für die Seemänner, an den Rand der Erschöpfung zu kommen. Die in der Branche häufigen 70 Stunden an sieben Tagen in der Woche versucht man auf der Peene Ore „definitiv zu vermeiden“, wie Koch versichert. Hart bleibt der Job dennoch. „Es gibt aber Grenzen, was man von einem Menschen nach 15 Monaten erwarten kann.“ Getan werde, was getan werden müsse, „und manchmal auch ein bisschen mehr“. Aber vieles gehe eben etwas langsamer. „Der Arbeitsablauf ist gewährleistet“, sagt der Kapitän. „Noch.“

Regierungen setzen Zwölf-Stufen-Plan nicht um

Angst, dass das Coronavirus sich auf dem riesigen Frachter einnistet, hat Koch nicht. Die Lotsen, die an Bord kämen, trügen Schutzkleidung und achteten auf viel Sicherheitsabstand. „Da passen wir auf.“ Proviant wird per Kran oder Boot gebracht, Papiere werden nicht mehr unterschrieben, sondern per E-Mail ausgetauscht.

Seit Mitte Januar wird zwei Mal am Tag bei der gesamten Crew Fieber gemessen. „Toi, toi, toi – wir hatten noch keinen Covid-19-Fall.“ Sollte es einen geben, muss das Crew-Mitglied isoliert und bei nächster Gelegenheit an Land gebracht werden. „Eine andere Möglichkeit haben wir nicht“, sagt Koch.

Die IMO hat einen Plan entwickelt, wie Crew-Mitglieder im Hafen gefahrlos wechseln können. 
Die IMO hat einen Plan entwickelt, wie Crew-Mitglieder im Hafen gefahrlos wechseln können. Foto: dpa

„Seeleute dürfen nicht nach Hause – das ist Wahnsinn“

Vorschläge, wie sich Seeleute trotz Pandemie sicher von und zu ihren Einsatzorten bewegen können, hat die IMO bereits im Mai vorgelegt. 174 Staaten wurde ein Zwölf-Stufen-Plan vorgelegt, der einen Fahrplan beschreibt, wie Crew-Wechsel gefahrlos stattfinden können. Deutschland und einige andere Länder haben ihn umgesetzt, viele andere nicht – zum Ärger der Reeder und Crews. 

„Ich wünsche mir, dass wir hinter dem Steuerrad als Menschen wahrgenommen werden“, sagt York Koch. Ein Crew-Wechsel gefährde niemanden. „Wir öffnen anderswo die Grenzen, aber Seeleute dürfen nicht nach Hause – das ist ein Wahnsinn.“ Wenn die Peene Ore Anfang September einen chinesischen Hafen ansteuert, könnte der lang ersehnte Wechsel der Mannschaft vielleicht stattfinden, hofft Koch. „Aber wir wissen es nicht.“ 

Der Kapitän beschreibt eine Situation, mit der er auf hoher See nicht allein ist: „Das Problem ist, dass diese Krise nicht geplant war, dass man keinen Einfluss darauf hat und nicht sieht, wann sie vorbei ist.“

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