Beziehungen und Affären im Büro : Wenn der Chef die Liebe verbietet

Eine Beziehung unter Kollegen oder gar mit dem Chef ist in den USA ein Kündigungsgrund. Deutsche Firmen sehen Liebeleien lockerer.

Abgebrannt. Auch Angelina Jolie und Brad Pitt haben sich bei der Arbeit kennengelernt: nämlich auf dem Set für den Film „Mr. & Mrs. Smith“. Ein privates Happy End gab es aber nicht, Vor zwei Jahren haben sie sich scheiden lassen.
Abgebrannt. Auch Angelina Jolie und Brad Pitt haben sich bei der Arbeit kennengelernt: nämlich auf dem Set für den Film „Mr. &...Foto: picture alliance / kpa

36 Jahre hat er bei Intel gearbeitet, bis zum Vorstandschef ist er aufgestiegen. Jetzt muss Brian Krzanich gehen. Weil er eine Beziehung am Arbeitsplatz hatte. Die ist zwar längst beendet, auch war sie laut Pressemitteilung einvernehmlich. Doch Krzanich hat mit der Liebe im Büro gegen den Firmenkodex verstoßen: gegen die Regeln, die er als Vorstandschef womöglich selbst aufgestellt hat.

Viel ist über den Fall noch unbekannt. Waren die beiden lange ein Paar oder war es nur eine kurze Affäre? War die Beziehung wirklich einvernehmlich? Oder hat Krzanich seine Machtposition ausgenutzt? Klar ist: Wer bei Intel anfängt, muss unterschreiben, dass man diverse Vorgaben einhält. Dazu gehören Leitlinien zu Arbeitszeiten, zur Anti-Diskriminierung, zu Verboten wie Alkohol- und Drogenkonsum – und zur Büroliebe. Was in der Beziehung zwischen Angestellten oder gar zwischen Mitarbeiter und Chef bei Intel konkret erlaubt ist und was nicht, will der Konzern auf Anfrage nicht verraten. So heikel ist das Thema.

Dabei ist die Liebe am Arbeitsplatz oft ziemlich romantisch. Viele Ehen wären nicht geschlossen worden, gäbe es nicht den Flirt mit dem Kollegen – oder sogar mit dem Chef. Die Obamas haben sich so kennengelernt: Barack Obama war in der Kanzlei Praktikant, seine heutige Frau Michelle seine Betreuerin. Bill Gates hat sich in die Microsoft-Programmiererin Melinda French verliebt, ihr später einen Antrag per E-Mail geschickt, und sie geheiratet. Liz Mohn saß bei Bertelsmann am Empfang – ihren Mann, den Vorstandschef, hat sie bei einer Betriebsfeier kennengelernt. Heute ist sie Vorsitzende der Gesellschafterversammlung und Milliardärin.

Verhängnisvolle Affäre. Brian Krzanich trat als Intel-Chef wegen einer Liebesbeziehung zu einer Mitarbeiterin zurück.
Verhängnisvolle Affäre. Brian Krzanich trat als Intel-Chef wegen einer Liebesbeziehung zu einer Mitarbeiterin zurück.Foto: Jae C. Hong/ dpa

Inzwischen sind solche Romanzen in den USA aber undenkbar. Vor allem bei den großen Techkonzernen. So fortschrittlich die bei der Entwicklung neuer Soft- und Hardware sind, so strikt sind sie, was das Zwischenmenschliche angeht. Google zum Beispiel erlaubt es seinen Mitarbeitern zwar, den Hund mit ins Büro zu bringen und hat das sogar schriftlich festgehalten. Will man aber mit dem Kollegen ausgehen, gibt der Konzern einem dafür nur eine einzige Chance, so berichten es US-Medien. One-Strike-Rule nennt sich die Regelung, auf die auch Facebook setzt: Einmal darf man den Kollegen um ein Date bitten – sagt er oder sie dann Nein, war es das. Selbst ein „Heute habe ich leider keine Zeit“ muss als klare und endgültige Absage akzeptiert werden. Wer es beim ersten Anlauf vermasselt, hat Pech gehabt.

Andere US-Konzerne untersagen zwar nicht gleich das Date. Ein Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter ist aber auch bei ihnen nicht erlaubt. Wie jetzt bei Intel hat das schon so manchem Manager seinen Job gekostet. Darren Huston zum Beispiel, den früheren Chef der Reiseplattform Booking.com. Auch er hat gegen den Firmenkodex verstoßen, als er eine Beziehung mit einer Mitarbeiterin einging. Die war ihm zwar nicht direkt unterstellt – Huston war aber verheiratet. Mit der Affäre habe er die Erwartungen nicht erfüllt, die man an einen Vorstandschef stellt, hieß es. Neben seinem Job hat ihn das 13,1 Millionen Dollar gekostet, weil er auf Aktienoptionen verzichten musste. Bei der Disney-Tochter Pixar und dem US-Elektronikhändler Bestbuy gab es ähnliche Fälle. Hierzulande kann man darüber nur den Kopf schütteln. Fast jeder kennt vermutlich Paare, die sich am Arbeitsplatz kennengelernt haben. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag des Karriere-Netzwerks Xing deutsche Arbeitnehmer vor einem halben Jahr befragt, was sie von der Liebe am Arbeitsplatz halten. Knapp ein Viertel der Befragten hat sich demnach schon einmal im Job verliebt.

Gelegenheiten bieten sich viele: Überstunden, Mittagessen, Weihnachtsfeier

Für den Psychotherapeuten und Buchautoren Wolfgang Krüger aus Berlin ist das verständlich: Mit kaum jemandem verbringt man schließlich so viel Zeit am Tag wie mit den Kollegen. Bei wichtigen Projekten hoffe und bange man zusammen, mache unzählige Überstunden. Beim Mittagessen entdecke man plötzlich Gemeinsamkeiten, bei der Weihnachtsfeier vielleicht noch mehr. Dabei war das auch in Deutschland nicht immer so. „Früher wurden in vielen Firmen Verhältnisse bei der Arbeit nicht gern gesehen“, sagt Krüger. Bis in die Siebzigerjahre verbot das Textilhaus C&A seinen leitenden Angestellten etwa per Arbeitsvertrag die Liebe. „Heute ist es in Deutschland nur schwierig, wenn einer der beiden in einem sensiblen Bereich wie dem Controlling arbeitet, oder wenn die Hierarchiestufe eine andere ist – wie beim Beispiel Chefarzt und Krankenschwester.“

In den Siebzigerjahren waren Arbeit und Privatleben auch noch streng getrennt worden, die weibliche Erwerbsquote lag bei unter 50 Prozent. Heute arbeiten drei von vier Frauen – und wenn sie wollen, in den gleichen Branchen, mit den gleichen Aufgaben wie Männer. Die Vermischung von Beruflichem und Privatem ist dabei oft nicht nur geduldet. Sie ist erwünscht. „In Unternehmen wie Apple oder Google wird das sogar gefördert. Man spielt zusammen Tischtennis, es gibt Ruhezonen und man kommt den Kollegen auch privat nahe“, sagt Krüger. Der Hintergedanke: Wer sich so wohlfühlt wie zu Hause, arbeitet mehr, lieber und besser. Wenn man älter als 30 Jahre ist, entsteht laut Krüger etwa ein Drittel aller Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz. Im deutschen Recht ist keine Regelung enthalten, die das Liebesleben von Beschäftigten reglementiert. Liaisons im Büro fallen unter das im Grundgesetz verbürgte Persönlichkeitsrecht und gehen den Arbeitgeber in der Regel nichts an. Es sei denn die Arbeit wird vernachlässigt. Dann kann der Chef abmahnen.

Dax-Konzerne unterscheiden zwischen den USA und Deutschland

Eine Umfrage unter den größten deutschen Konzernen bestätigt das. Bei Siemens heißt es: „Wir möchten uns nicht in das Privatleben unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmischen.“ Volkswagen, BMW und Bosch melden ebenfalls, Beziehungen am Arbeitsplatz seien erlaubt. Interessant ist die Antwort der Deutschen Bank, die hierzulande keine Regeln für die Liebe am Arbeitsplatz aufstellt – in den USA aber von Mitarbeitern verlangt, eine feste Liebesbeziehung unter Kollegen dem Chef oder der Personalabteilung anzuzeigen. Die Angaben würden vertraulich behandelt, sagt eine Sprecherin. Auch gehe es nicht darum, Beziehungen zu verbieten, sondern lediglich abzuklären, ob dadurch Interessenkonflikte entstehen könnten.

Dass mit der Liebesfrage selbst innerhalb eines Konzerns in den USA und Deutschland unterschiedlich umgegangen wird, zeigt die kulturellen Unterschiede. Weil in den USA die Klagebereitschaft seitens der Angestellten groß ist und zu immensen Schadenssummen führen kann, wollen sich die Konzerne dort absichern. Die Me-too-Debatte hat das vermutlich noch einmal verschärft.

Amerikanische Verhältnisse wird es hierzulande so schnell nicht geben. Das zeigt das Beispiel Walmart. Der amerikanische Handelskonzern hatte 2005 seinen deutschen Mitarbeitern per Richtlinie verboten, miteinander anzubandeln. Doch das Landesarbeitsgericht Düsseldorf entschied: Stop! In Deutschland ist das unzulässig. In den USA schaut Walmart derweil weiter ganz genau hin. Und das inzwischen nicht nur bei der romantischen Beziehung sondern sogar bei der platonischen Freundschaft zwischen Chef und Mitarbeiter. Seinen Managern rät das Unternehmen, sich über soziale Netzwerke lieber nicht mit den Kollegen privat zu vernetzen. Viel zu riskant.

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