"Der kleine Esel" ist kein Hinterhofbetrieb

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Bio-Produkte von jungen Griechen : Wo Öl und Honig fließen
Positiv denken. Angeliki Paparadi und ihr Mann kennen die Tücken des griechischen Systems. Aber Jammern liegt ihnen nicht. Sie finden, ihr Land sollte auf seine Stärken setzen . Sie haben eine Firma gegründet, in der sie erst einmal Biohonig herstellen.
Positiv denken. Angeliki Paparadi und ihr Mann kennen die Tücken des griechischen Systems. Aber Jammern liegt ihnen nicht. Sie...Foto: privat

Angeliki Paparadi hat sich auch Gedanken gemacht, wie ihr Land auf die Beine kommen könnte. Das ist bitter nötig. Das Bruttoinlandsprodukt ist nach Eurostatberechnungen seit 2012 um 8,6 Prozent gefallen, auch wenn es im vergangenen Jahr erstmals wieder eine positive Tendenz gab. Die Arbeitslosenquote lag im März bei 25,6 Prozent, von den jungen Leuten bis 25 hat praktisch die Hälfte keinen Job. Angeliki findet, ihr Land sollte Urlaubern das ganze und nicht nur das halbe Jahr etwas bieten, eine internationale Tourismusschule eröffnen, an der auch Ausländer studieren könnten. Das Elfmillionenvolk empfing vergangenes Jahr doppelt so viele Touristen. Dieser Bereich trägt zu 16,4 Prozent zum BIP bei.

Lamentieren ist nicht das Ding des Paares Xylouris-Paparadi. Sie gehen den Weg, den sie für richtig halten, auch wenn er steinig ist. Sie hat von Jugend an im Betrieb des Vaters mitgeholfen, einem für Griechenland recht typischen Betrieb, der mit drei Mitarbeitern anfing und heute 20 Angestellte zählt. Selbst beim Schlachten der Hühner war sie dabei. Dort hätte Angeliki einsteigen sollen, aber sie kam mit dem Bruder auf keinen Nenner. Seit sie abgelehnt hat, spricht ihr Vater nicht mehr mit ihr.

Auch dieses Nein war nicht einfach für sie, aber die Familie von Michalis glaubt an ihre Idee und unterstützt sie. Der Vater hat angepackt, um das Häuschen in Nea Makri für den Bio-Betrieb zu renovieren, hat gemauert und gestrichen. Inzwischen wohnt die junge Familie oben, unten stehen blitzblanke Kessel, eine Präzisionswaage, stapeln sich Zutaten in Tupperboxen, Kartons mit Gläsern im Metallregal, an einem Haken hängt ein weißer Kittel. Wenn sie hier am Wochenende manchmal bis Mitternacht ihren Honig mit Nüssen oder Mandeln abfüllen, geht es professionell zu. „Der kleine Esel“ ist kein Hinterhofbetrieb, hier hätte wohl auch die deutsche Aufsicht nichts zu meckern. Am Eingang grüßt ein stilisierter Eselskopf mit langen Ohren, eins ein wenig frech abgewinkelt. Der Esel steht für ihre Naturprodukte, denn sie sehen ihn so: der treueste Freund der Bauern in der Region, geduldig, ausdauernd, kräftig, und er kommt ganz ohne Räder aus.

Der neue Trend zum Superfood könnte helfen

Aber braucht die Welt noch mehr Honig aus Griechenland? Michalis und Angeliki haben den Markt analysiert und festgestellt: „Wir haben in Griechenland Nüsse und Honig, aber wir verkaufen entweder Nüsse oder Honig.“ Angeliki hat in Kefalonia, Arnheim, Sigmaringen und Hohenheim biologische Agrarwirtschaft studiert. Sie kennt die Eigenschaften des Bienensafts und vieler Pflanzen. Sie weiß, dass es da mehr gibt als guten Geschmack. Und auch sie kennt den neuen Trend zum „Superfood“ – Lebensmittel mit Nutzen für die Gesundheit. Honig wird seit Jahrtausenden für medizinische Zwecke genutzt. Auch Nüsse und Mandeln können gegen Osteoporose helfen, Allergien und Diabetes Typ 2 vorbeugen, sogar Alzheimer entgegenwirken, sagen Studien. Diese Erkenntnisse, die man auf ihrer Website www.gaidarakos.gr nachlesen kann, wollen sie nutzen. Außerdem kennen sie die Herkunft ihrer Rohstoffe. „Beim Honig von den Inseln wissen wir, an welchen Blüten die Bienen waren, und haben für alle Produkte Nachweiszertifikate.“ Sie haben noch viele andere Ideen. Für Öle, für Essenzen. Aber sie wollen langsam wachsen, „keine Großindustrie werden“.

Sie glauben daran, dass all die kleinen Betriebe viele Griechen ernähren und ihrer Wirtschaft aufhelfen können. „Selbst in Athen wachsen Zitronenbäume an den Straßen. In Santorin ziehen sie Tomaten ohne Wasser!“ Bauern könnten ihre Höfe für Touristen öffnen. Dass sich allerdings viele Athener auf ihre Wurzeln auf dem Land besinnen werden, bezweifelt Angeliki, seit sie vor drei Jahren ein Seminar für Möchtegern-Biobauern gegeben hat. Die meisten fanden die Idee chic, wollten sich aber die Hände nicht schmutzig machen. Und: Was in Brandenburg die polnischen Spargelstecher, sind in Griechenland bulgarische Erntehelfer. Wenn es zur Aprikosenernte geht, meldet sich kein Grieche.

Doch je stärker die Krise, desto stärker ist die Bewegung zurück aufs Land, sagt Pavlos Georgiadis. Er ist einer von ihnen. Der kräftige Mann mit dunklem Bart und offenem Hemdkragen hat mit seinen Eltern im Norden des Landes die „jahrtausendealten Olivenbäume“ aufgepäppelt und vermarktet das Öl jetzt unter dem Label „CalypsoTree“. In solchen kleinen Betrieben, die so typisch für sein Land sind (80 Prozent der Bauern haben kleine Höfe), sieht er die Zukunft. Seine Botschaft: Wir schaffen das. Aus eigener Kraft. Auch wenn manche Landsleute ihn für einen Spinner halten, weil sie all die Importwaren in den Supermärkten sehen. Georgiadis aber ist überzeugt: „Wir haben Schulden und Fehler gemacht, aber Griechenland hat sich dank der Zivilgesellschaft längst verändert.“ Kleinbauern nutzten seit Jahren weder chemische Dünger noch Pestizide – weil sie sich die gar nicht mehr leisten konnten. Wenn die Regierung künftig diese Betriebe fördere, müsse sich niemand Sorgen machen. „Das Nein des Referendums bringt die Katharsis“, dröhnt sein kräftiger Körper, als sei er die personifizierte Wandlung.

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