Branchenbuch für türkische Unternehmer : Türkisches Leben in Berlin auf 232 Seiten

Dönerspieße, Frisöre, Tresore: Das Branchenbuch Türk is Rehberi gewährt einen Blick in einen ganz speziellen Teil der Berliner Wirtschaft.

Von A wie „Alarmanlagen“ bis W wie „Werbeagenturen“: Das Berliner Branchenbuch Türk is Rehberi ist nun in der Ausgabe 2018/19 in einer Auflage von 30 000 Exemplaren erschienen. Bald soll es auch im Internet verfügbar sein.
Von A wie „Alarmanlagen“ bis W wie „Werbeagenturen“: Das Berliner Branchenbuch Türk is Rehberi ist nun in der Ausgabe 2018/19 in...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Braut trägt weiß und Schleier und Blumenstrauß, der Bräutigam schwarz mit Fliege. Beide strahlen, mutmaßlich, weil sie gerate das Ceyiz Paketi ergattert haben. Das besteht aus einem Buzdolabi, einer Çamasir Makinesi, Bulasik Makinesi und obendrein noch einem Elektrikli Süpürge. Für sagenhafte 999 Euro. So suggeriert es zumindest die ganzseitige Hochglanzanzeige im Türk is Rehberi. Für die, deren Türkischkenntnisse nicht über „merhaba", also "guten Tag", hinausgehen: Ceyiz ist die Mitgift, die in diesem Fall einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler und einen Staubsauger enthält. Sozusagen das Ehe-Startpaket, inseriert im türkischen Branchenbuch für Berlin.

In Berlin leben 201.000 Menschen mit türkischem Hintergrund

Laut Mikrozensus 2017 des Statistischen Bundesamts leben in Berlin 201.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Nicht alle davon werden in diesen Tagen unterwegs sein, um den türkischen Staatspräsidenten, manche sagen auch Diktator, Recep Tayyip Erdogan, bei seinem Staatsbesuch in Deutschland zu feiern oder zu verdammen. Viele dieser Menschen werden ihren Alltagsgeschäften nachgehen, einkaufen, Ämter aufsuchen, Autos an- oder ummelden, Sport- und Kulturvereine besuchen, was man halt so tut am Tag neben der Arbeit. Der türkischen Community hilft dabei – oder half dabei, aber dazu später – das türkische Branchenbuch Türk is Rehberi.

2800 Einträge verzeichnet das 232 Seiten starke Buch, das ist weniger als die Gelben Seiten haben, das Branchenbuch Deutschlands, aber doch ein ansehnliches Glossar türkischen Lebens in Deutschland. Auflage: 30 000 Exemplare.

Ärzte, Blumenläden und Friseure - alles, was man braucht

Was man braucht, findet man im Türk is Rehberi. Ärzte, Apotheken, Anwälte, Bestattungsunternehmen, Blumenläden, Glasereien, Gaststätten und Gaststätteneinrichtungen, Unternehmensberatungen, Tresore, Friseure, Juweliere, und wer einen Döner-Grill sucht, findet den zuständigen und kompetenten Zulieferer auch hier. Hallo, merhaba, der Platz reicht nicht aus, um alle aufgeführten Branchen zu nennen. Allesamt den türkischen Gebräuchen dienend und vor allem, alle aufgeführten Adressen der Mutter- oder Großmutter- oder Urgroßmuttersprache des Vater- oder Großvater- oder Urgroßvaterlandes mächtig. Ein eigenes Spektrum im fremden oder nicht mehr fremden Land. Das Durchblättern des Branchenbuches ähnelt einem Spaziergang durch Neukölln, wo an jedem Balkon eine Satellitenschüssel hängt, die den Zugang zum türkischen Fernsehprogramm ermöglicht. Eine Welt in einer anderen Welt, ergo: eine Parallelwelt.

Diyap Sakalli, Chef der Concept Medien & Druck GmbH; fotografiert in seiner Druckerei, Bülowstr. 56-57 in Berlin-Schöneberg.
Diyap Sakalli, Chef der Concept Medien & Druck GmbH; fotografiert in seiner Druckerei, Bülowstr. 56-57 in Berlin-Schöneberg.Foto: Thilo Rückeis

Waren für die Parallelwelt

Das ist inzwischen ein Schimpfwort geworden, ein Synonym für die Abschottung einer Gesellschaft vor dem Leben und der Sprache des Gastlandes, das doch für den Großteil der in Berlin lebenden 201 000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund längst Heimatland geworden ist. So wie in Duisburg- Marxloh, wo die Journalistin, Autorin und Filmemacherin Hatice Akyün aufgewachsen ist, so wie in Gelsenkirchen, wo der Fußballspieler Mesut Özil geboren wurde. Fraglich allerdings, ob der vor der Bestellung eines Döner-Grill-Gerätes das Türk is Rehberi zu Rate ziehen könnte. Aber ist es frevelhaft, wenn sich Menschen an ihren Wurzeln festhalten und immer noch die Sprache der Väter und Mütter kennen und können? Man kann ja, wenn man mal zufällig in New York ist, durch Chinatown laufen und versuchen, auf Englisch einzukaufen. Da helfen dann vielfach auch nur Hände und Füße als Zeichensprache. So what? Parallelwelt? Globalisierte Welt, in der es eben auch ethnische Branchenbücher gibt.

Der Herausgeber wollte eigentlich Wirtschaft an der TU studieren

Besuch bei Diyap Sakalli, dem Herausgeber des türkischen Branchenbuches. Er führt sein Geschäft in – Klischee, Klischee – einem ranzigen Hinterhof eines ranzigen Hauses in Kreuzberg. Er ist 58 Jahre alt, kommt ursprünglich aus der Gegend um Antiochia nahe der Grenze zu Syrien, hat dichtes, graues Haar, hätte gut und gerne – Klischee, Klischee – den türkischen Part im Film über Alexis Sorbas abgeben können, wollte mal an der TU Wirtschaft studieren und ist dafür 1979 nach Berlin gekommen. Da war er Teil der Friedensbewegung, ein politisch links denkender und handelnder Mann, der er immer noch ist, und musste dann, wie er erzählt, 1980, als das Militär in seinem Heimatland putschte, aus Deutschland verschwinden und verbrachte fast zwei Jahre in Paris. Zurück in Berlin, wurde es dann doch nichts mit dem Abschluss des Studiums. Aber es entstand die Idee mit der Einkaufshilfe für die wachsende türkische Gemeinschaft. Es fing an mit Handzetteln und Flyern, was es wo zu kaufen gab. Für Sakalli persönlich fing es an mit stillem Wasser, für das er durch die halbe Stadt hätte fahren müssen, „gab ja überall nur Selter“. Es ist aber sicherlich ein abstruser Gedanke, dass sich die Parallelwelt wegen zu viel Sprudel im Wasser aufbaute. Inzwischen liegt sein Branchenbuch an 1500 Stellen aus, finanziert sich durch die Anzeigen – eine für die erwähnte Mitgift kostet für einen Konzern überschaubare 1000 Euro. Man kann das Buch bei Anwälten, Ärzten, Vereinen oder im Konsulat finden. Abschottung von der Welt der Deutschen? „Für mich ist das mehr Integration“, sagt Diyap Sakalli. „Wir sind angekommen in Deutschland, wir leben hier zusammen, die Kinder sprechen Deutsch untereinander, wir bieten unsere Produkte an. Wie oft kaufen Sie bei Türken ein?“

Man spricht Türkisch

Da ist was dran. Oft. Im Supermarkt für Obst, Gemüse, Fleisch. Oder der Gang zum Friseur, für den man als Charlottenburger nicht nach Neukölln fahren muss, dafür aber in gleich mehrere Parallelwelten eintaucht. Das ist eine Männerwelt, Frauen sind dort nicht zu sehen. Aber die Kopfschur mit der Maschine (ruck-zuck in wenigen Minuten) kostet nur zehn Euro, mit Rasur (herrlich mit dem scharfen Messer) und Enthaarung der Ohren per Wachs (autsch, aber nachhaltig) muss man 15 Euro zahlen. Nachteilig ist, dass man kein Wort versteht beim regen Austausch der diversen Dienstleister, man spricht türkisch, nachteilig ist, dass es ein wenig kolonial zugeht. Da können sechs Männer im Wartebereich hocken, der deutsche Kunde wird mit einem Glas Tee begrüßt und dem Hinweis: „Chef, zwei Minuten, dann sind Sie dran.“ Interventionen und Verweise auf die länger wartende Kundschaft verlaufen ergebnislos. „Chef, wie immer sechs Millimeter?“ Aber wächst so zusammen, was global-menschlich zusammengehört?

Das Branchenbuch ist ein Auslaufmodell

Das Branchenbuch indes ist ein Auslaufmodell. Zwar hat Diyap Sakalli treue Inserenten. Tuncay Tuncer, Chef von Gastro Agam, wo, wer will, sich einen Döner-Grill nebst der dazugehörenden Messer kaufen kann, sagt, dass das „normale Werbung für uns“ ist. Er gebe allerdings zu, dass „unser Online-Shop inzwischen mehr Umsatz bringt“. Oder die Rechtsanwältin Mehtap Ayhan. „Ich inseriere im Türk is Rehberi seit Jahren, ich bin nicht so sehr der Online-Typ.“

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Womit sich das Ende des türkischen Branchenbuches abzeichnet. „Es wird darauf hinauslaufen“, sagt Sakalli. Noch vor vier, fünf Jahren hätten Kanzleien, Behörden und so weiter bis zu 50 Exemplare für ihre Auslage geordert, „im vergangenen Jahr waren es nur noch fünf. Und die liegen da wie Sauerbier“. Er werde die Auflage im nächsten Jahr runterfahren, „aber dann ist unser Web-Auftritt fertig und es geht weiter“. Menschen unter 30, sagt er, schauen nicht mehr in Branchenbücher, die schauen ins Netz, sind auf dem Smartphone unterwegs. Womit sich ein Integrationskreis schließt. Welcher sogenannte Biodeutsche schaut noch in die Gelben Seiten?

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