BVG-Chefin : Warum die Bahn Sigrid Nikutta in den Vorstand holen will

Seit Jahren wird Nikutta als Managerin gehandelt, die es nach ganz oben schaffen könnte. Trotz Widerstand von Bahn-Chef Lutz bekommt sie nun wohl ihre Chance.

Könnte bald für die Bahn den Helm aufsetzen: die bisherige BVG-Chefin Sigrid Nikutta.
Könnte bald für die Bahn den Helm aufsetzen: die bisherige BVG-Chefin Sigrid Nikutta.Foto: picture alliance / dpa

Der Machtkampf bei der Deutschen Bahn AG ist entschieden. Sigrid Nikutta, die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), soll die zweite Frau im Vorstand des größten Staatskonzerns werden. Schon zum Jahreswechsel soll die 50-jährige Topmanagerin an die Seite von DB-Chef Richard Lutz und dessen Vize Ronald Pofalla rücken und die schwere Krise der verlustreichen Gütersparte lösen. Das wurde dem Tagesspiegel aus mehreren Quellen in Aufsichtsratskreisen bestätigt. Nikutta hat demnach bereits erste Gespräche mit der DB-Spitze geführt und will Anfang 2020 antreten.  

Bereits in einer Sondersitzung des 20-köpfigen Kontrollgremiums am 7. November soll die Berufung beschlossen werden. An diesem Mittwoch wird sich Nikutta dem Personalausschuss des DB-Aufsichtsrats vorstellen, dem der Vorsitzende Michael Odenwald und sein Stellvertreter Alexander Kirchner angehören. Kirchner ist Vorsitzender der einflussreichen Eisenbahnverkehrsgewerkschaft (EVG), die gemeinsam mit nahestehenden SPD-Vertretern eine Mehrheit im Aufsichtsrat hat und den Wechsel der BVG-Chefin befürwortet.

Die promovierte Psychologin wird seit Jahren als Managerin gehandelt, die das Format hat, es ganz nach oben zu schaffen. Bereits von 2001 an arbeitete Nikutta fast zehn Jahre in Leitungsfunktionen bei Europas größter Güterbahn DB Cargo, die zum Konzern gehört und inzwischen ein schwerer Sanierungsfall ist. Seit 2010 leitet Nikutta mit der BVG einen der größten Nahverkehrsbetriebe Europas mit dem umfangreichsten U-Bahn-Netz Deutschlands. Unter ihrer Leitung schaffte das landeseigene Unternehmen erstmals schwarze Zahlen.

Machtkampf im DB-Vorstand

Allerdings hat auch die BVG angesichts steigender Fahrgastzahlen und teils veralteter Bahnen der boomenden Hauptstadtregion mit Problemen zu kämpfen. Fahrpläne wurden ausgedünnt und erst 2019 neue Fahrzeuge beim Hersteller Stadler bestellt. Pikant: Gegen die Vergabe klagte der französische Konkurrent Alstom, wo Nikuttas Bruder Jörg die deutschen Geschäfte des Bahnherstellers leitet.          

Die Bilanz von Nikutta bei der BVG ist nicht unumstritten, zumal das Unternehmen hoch verschuldet ist. Die Topmanagerin wurde gleichwohl bereits mehrfach ausgezeichnet und gilt als Vorbild für erfolgreiche Business-Frauen, die Beruf und Familie vereinen können. Die BVG-Chefin ist verheiratet, hat fünf Kinder und wohnt in Berlin. Geboren wurde Nikutta in Polen, aufgewachsen ist sie in Westfalen, dort studierte sie Psychologie und Pädagogik an der Universität Bielefeld.

Bei der DB AG wird ein eigenes Vorstandsressort Logistik und Güterverkehr für die Managerin eingerichtet. Bisher wird die Sparte von Finanzchef Alexander Doll mitbetreut, der Anfang 2018 zum Staatskonzern kam und zuvor bei mehreren Investmentbanken bereits mit der geplanten Bahnprivatisierung und dem Kauf der britischen DB-Tochter Arriva zu tun hatte. Doll soll sich künftig voll auf die Finanzen der mit rund 25 Milliarden Euro verschuldeten DB konzentrieren.

Die Gütersparte ist ein Problemfeld der Bahn.
Die Gütersparte ist ein Problemfeld der Bahn.Foto: picture alliance / Christoph Sch

In den vergangenen Monaten gab es heftige Machtkämpfte im DB-Vorstand, wie unserer Redaktion in Aufsichtsratskreisen bestätigt wird. So sollen Lutz und Pofalla mit Teilen des Aufsichtsrats erneut versucht haben, die Berufung der Topmanagerin zu verhindern. Dazu sollte Doll die defizitäre Gütersparte übernehmen und das Finanzresort an die KfW-Vorstandsfrau Ingrid Hengster abgeben, wie der Spiegel berichtete. Doch Doll soll den Vorschlag abgelehnt haben, was angeblich Lutz und Pofalla ziemlich verärgert haben soll. Gleichzeitig zogen die Vertreter der EVG und SPD die Strippen für die Berufung von Nikutta.

Nikutta könnte ihr Gehalt verdoppeln

Beim Staatskonzern erwartet die Managerin eine sehr schwere Aufgabe. Die Güterbahn DB Cargo ist nach jahrelangem Missmanagement und zahlreichen Personalwechseln ein extremer Sanierungsfall. In diesem Jahr könnten die Verluste von zuletzt 190 Millionen Euro wohl noch weiter wachsen, in den letzten Wochen fielen an manchen Tagen bis zu 241 planmäßige Züge aus, das Dreifache der üblichen Zahl.

Experten rechnen mit einer erneuten Milliardenabschreibung bei DB Cargo, schon 2015 schrieb deshalb der ganze Staatskonzern rote Zahlen. Damals scheiterte Ex-Bahnchef Rüdiger Grube mit seinem von McKinsey entwickelten Rotstiftkonzept „Zukunft Bahn“ am Widerstand von EVG und SPD im Aufsichtsrat.   

Bei der Gewerkschaft ist die Hoffnung groß, dass mit Nikutta an der Spitze und der Hilfe der Politik endlich ein Wachstumskonzept umgesetzt wird, dass Arbeitsplätze sichert und schafft und dazu führt, dass mehr Güterverkehr von der Straße auf die Schiene verlagert wird. Das hat auch die Bundesregierung im Koalitionsvertrag und erneut mit dem Klimapaket versprochen. Doch DB Cargo verliert seit vielen Jahren immer mehr Marktanteile, vor allem an private Güterbahnen.

Finanziell ist der Wechsel für Nikutta sehr attraktiv. Bei der BVG verdiente die Managerin zuletzt knapp 500.000 Euro und war damit eine der am besten bezahlten Angestellten des Landes Berlin. Als DB-Konzernvorstandsfrau kann sie ihr Gehalt mindestens verdoppeln. Lutz bekam 2018 rund 1,8 Millionen Euro, sein Vize Pofalla gut 1,2 Millionen Euro.  

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