„Das Ende der Mittelschicht“ : Warum die digitale Revolution das deutsche Erfolgsmodell bedroht

In seinem neuen Buch nimmt Daniel Goffart Abschied vom deutschen Durchschnitts-Angestellten: Es sei höchste Zeit, sich dem Umbruch zu stellen. Eine Rezension.

Sarah Schaefer
Die Digitalisierung kennt keine Reihenhaus-Idylle.
Die Digitalisierung kennt keine Reihenhaus-Idylle.Foto: thomasknospe - stock.adobe.com

Die gute alte Festanstellung mit Sozialversicherung – in der global agierenden Digitalwirtschaft wirkt dieses Konzept fast schon wie aus der Zeit gefallen. Tatsächlich wird es die Erwerbsarbeit, wie wir sie bisher kennen, für sehr viele Menschen schon bald nicht mehr geben, prophezeit Daniel Goffart, Chefkorrespondent beim Nachrichtenmagazin „Focus“ in Berlin, in seinem Buch „Das Ende der Mittelschicht“. Das allerdings tut er mit großem Bedauern: Für ihn sind die Festangestellten der Mittelschicht die Leistungsträger der deutschen Wirtschaft und das „Rückgrat der Demokratie“.

Goffart, Jahrgang 1961, wirft einen Blick zurück auf sein Leben als Kind einer westdeutschen Mittelstandsfamilie, die sich mit anderthalb Angestelltengehältern ein Reihen-Endhaus, regelmäßige Urlaube und Studium und Ausbildung von vier Kindern leisten konnte. Seine Familie habe einer breiten Mittelschicht angehört, die vom „kleinen Buchhalter bis zum promovierten Studienrat“ gereicht habe. Hierarchien seien ihnen fremd gewesen.

Den Wohlstand ihrer Eltern hätten viele Jüngere nicht halten können. Seit dem Eintritt der Mitte der 60er Jahre Geborenen in den Arbeitsmarkt seien die Einkommen immer weiter gesunken. Die Mittelschicht werde nicht nur ärmer, sie schrumpfe auch. Viele hätten Angst vor dem Abstieg. Gleichzeitig werde der arbeitenden Mitte durch hohe Steuern und Sozialabgaben einiges abverlangt.

Wer ist Mittelschicht?

Zur Einordnung, wer der Mittelschicht angehört, orientiert sich Goffart am Einkommen. Er folgt der Definition des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Danach ist Teil der Mittelschicht, wer ein Einkommen bezieht, das zwischen 70 und 150 Prozent des Median-Einkommens in Deutschland liegt – zwischen 16.000 und 33.000 Euro netto pro Person.

Mit dieser Verengung der Sichtweise auf die Einkommenssituation lässt sich die These vom Niedergang der Mittelschicht plausibel vertreten. Doch je nach Definition gibt es auch andere Kriterien, mit der sich der gesellschaftliche Status eines Menschen bestimmen lässt – der Bildungsgrad dürfte für die persönliche Verortung vieler Menschen eine entscheidende Rolle spielen. Dieses Kriterium blendet Goffart weitgehend aus.

Man muss dieser vereinfachenden Einteilung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht nicht folgen, um anzuerkennen, dass Goffart dorthin zielt, wo es wehtut: „Kein Wunder, dass es in der Mitte gärt“, schreibt er mit Blick auf den zunehmend rauen Ton in Deutschland.

Der Beginn der digitalen Epoche

Kapitel für Kapitel führt er Entwicklungen und Prognosen an, die er als massive Bedrohung für den Mittelstand und damit auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt ausmacht: sinkende Renten und zu geringe Altersvorsorge. Ein unterfinanziertes Bildungssystem, eine ungerechte Verteilung des Wohlstands. Und ein Auseinanderdriften der Gesellschaft in unterschiedliche Gruppen, die sich zunehmend fremd werden. Und vor allem: die rasante digitale Entwicklung hin zu einer Industrie 4.0, die unsere Arbeitswelt auf den Kopf stellen und Millionen von Arbeitsplätzen überflüssig machen werde.

„Wir stehen am Beginn der digitalen Epoche und wollen nicht wahrhaben, dass es die Welt, wie wir sie kannten, in wenigen Jahren nicht mehr geben wird“, schreibt Goffart. Sein Buch ist eine Mahnung an Politik und Gesellschaft, diesen Wandel nicht über sich hereinbrechen zu lassen, sondern ihn aktiv zu gestalten.

Antworten auf die Frage, wie das gesellschaftliche Zusammenleben organisiert werden kann, wenn intelligente Maschinen massenhaft Arbeitnehmer ersetzen, haben auch andere gesucht – an prominenter Stelle etwa Bestseller-Philosoph Richard David Precht, dessen Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“ fast ein Jahr vor Goffarts „Ende der Mittelschicht“ erschienen ist. Anders als Precht, der im bedingungslosen Grundeinkommen die Lösung sieht, widmet Goffart diesem rege diskutierten Konzept wenige Absätze. Er wolle keine „Stilllegungsprämie“ für Menschen, deren Job der Digitalisierung zum Opfer fällt, sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in einem Interview, das am Schluss des Buchs abgedruckt ist. Goffart teilt diese kritische Einschätzung.

Umschulungen und Neuanfänge sind nötig

Der Autor sieht vor allem die Digitalkonzerne in der Pflicht, sich an der sozialen Absicherung der Menschen zu beteiligen – auch und gerade dann, wenn die Unternehmen massive Umsätze erwirtschaften, aber vergleichsweise wenig Festangestellte beschäftigen. Die Digitalisierung führe nicht nur dazu, dass eine steigende Anzahl an Menschen als Solo- Selbstständige in der Digitalwirtschaft arbeite.

Auch würden durch Umschulungen und berufliche Neuanfänge immer häufiger Unterbrechungen in den Berufsbiografien auftreten. Die klassische Festanstellung tauge daher immer weniger zur sozialen Absicherung. Auch gelte es, Arbeitnehmer stärker am Wirtschaftswachstum zu beteiligen. Als mögliche Instrumente nennt Goffart die Digital- und die Börsensteuer.

Auf den ersten Seiten seines Buchs spricht Goffart noch von einem „digitalen Vernichtungsfeldzug“ und warnt davor, dass ein „digitaler Tsunami“ auf die westlichen Industrieländer zurolle. Diese reißerische Sprache gibt er im weiteren Verlauf glücklicherweise auf. Der Eindringlichkeit seiner Mahnung tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Statt plumpen Alarmismus zu verbreiten, zeigt er nachdrücklich, dass alle gesellschaftlichen Kräfte sich dieser digitalen Revolution stellen müssen – zügig und mit dem Mut, das bestehende System völlig neu zu denken.

Daniel Goffart: „Das Ende der Mittelschicht – Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“.
Berlin Verlag, 400 Seiten, 22 Euro

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