Wirtschaft : Das Gesicht rauben

Tewe Pannier

Elias, Libanese in Dubai, ist ungewöhnlich offen bei unserem Mittagessen: Die Geschäfte liefen schlecht. Er hangele sich so von Monat zu Monat, sei froh, wenn er Miete, Autoraten und die Kosten für seine kleine Firma einigermaßen pünktlich begleichen könne. Dann strahlt er plötzlich, als berichte er mir doch von einem Millionendeal: „Ich fliege nächste Woche nach Beirut. Stell Dir vor: das Ticket für die Business-Class hat mich nur 650 Dollar gekostet!“ Ich weise ihn auf die Billig-Fluglinie hin, die den Flug schon für 120 Dollar verkauft. Elias ist geradezu empört und schüttelt energisch mit dem Kopf. „Niemals!“, sagt er. „Was ist, wenn mich da jemand sieht? Dann verliere ich ja mein Gesicht!“ Das Gesicht – alles tut der arabische Mann, um es zu wahren. Nimm es ihm nie, sonst hast du einen Feind!

Leider reiße ich ein paar Tage später Kamals Gesicht mit einem winzigen Nebensatz völlig ein – und merke es noch nicht einmal. Er hat einen Kunden an mich vermittelt, mit dem sitzen wir beisammen. Der Kunde fragt nach einem Detail. „Ach so, ich dachte die Information hätten sie schon …“ sage ich und gebe sie ihm. Kamal steht auf. Er geht. Er kommt auch nicht wieder. Der Deal platzt.

Ich erzähle die Begebenheit meinem Partner Nabil, der erklärt: „Der Kunde könnte denken, Kamal hätte ihn über das Detail informieren müssen. Damit hast du Kamals Gesicht geraubt.“ Und jetzt? „Rufe ihn an, gehe mit ihm essen, sag ihm, wie toll er ist, gebe ihm Gesicht.“

Ich rufe Kamal an, lade ihn zum Essen ein. Er legt auf, grußlos. Ich erwische meinen Partner auf dem Handy, bin hilflos. Nabil seufzt und sagt: „Ja, ich weiß! Kamal hat mich eben auch angerufen und geklagt: „Was will dieser Deutsche?! Erst beleidigt er mich vor dem Kunden. Jetzt glaubt er, ich könne mein Mittagessen nicht bezahlen!“

Der Autor (45) betreibt eine Medienfirma in Dubai und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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