Detlef Wetzel im Interview : "Ohne Weiterbildung keine Industrie 4.0"

IG-Metall-Chef Detlef Wetzel spricht im Interview über die neue Kraft der Gewerkschaft, Industrie 4.0, Weiterbildungsdefizite und eine Beteiligungskultur.

IG Metall-Chef Detlef Wetzel beim Interview # Detlef Wetzel, seit dem 25.11.2013 Erster Vorsitzender der IG Metall ; fotografiert beim Interview in Berlin-Kreuzberg. Foto: Thilo Rückeis
IG Metall-Chef Detlef Wetzel beim Interview # Detlef Wetzel, seit dem 25.11.2013 Erster Vorsitzender der IG Metall ; fotografiert...Foto: null

Herr Wetzel, Sie haben eine „Zukunftsreise“ durch Deutschland unternommen und darüber ein Buch geschrieben. Wie sieht die Zukunft aus?
Wir stehen vor Transformationsprozessen, die ja mit Stichworten wie Digitalisierung, Demografie und veränderten Wertschöpfungsketten umschrieben werden. Und derzeit sind wir noch weit davon entfernt, auf alle Fragen in diesen Prozessen Antworten zu haben.

Ist ja auch alles im Fluss.

Deshalb wollte ich auf meiner Reise beobachten, wo diese Tendenzen schon sichtbar sind und wie Beschäftigte, Vertrauensleute und Betriebsräte damit umgehen: Was gibt es für Lösungsansätze? Wo sind Pfade gelegt, auf denen wir uns programmatisch weiterentwickeln müssen? Zum Beispiel bei der Integration von Jugendlichen ohne Schulabschluss oder auch von Flüchtlingen.

Haben Sie etwas gefunden?

Ja. Bei Porsche mit seiner hoch technisierten Fertigung gibt es ein Förderjahr für junge Leute, auch schwierige Jugendliche, in dem sie auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden. Die Jugendlichen waren so motiviert und engagiert, dass das für mich Ansporn ist, solche Maßnahmen zu systematisieren und breiter zu streuen. Ferner hat mich interessiert, wie an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gearbeitet wird.

Und?

Die Anforderungen an ein modernes Zeitmanagement werden immer größer, weil die Belegschaften vielfältig und die Bedürfnisse unterschiedlich sind. Das Thema Arbeitszeit ist eines der Hauptthemen in den kommenden Jahren. Und allein schon hier wird deutlich, dass wir eine noch stärker beteiligungsorientierte Gewerkschaft werden müssen, die die Beschäftigten einbezieht. Eine wirkliche Betroffenenbeteiligung wird uns helfen, die kommenden Probleme zu lösen.

Sind die Metaller vorbereitet auf die berühmte Industrie 4.0?

Das ganz große Defizit in unserer Arbeitsgesellschaft ist Qualifizierung und Weiterbildung. Was heißt lebenslanges Lernen konkret? Wir haben einen ersten Schritt gemacht in der vergangenen Tarifrunde mit der Bildungsteilzeit, aber das reicht bei Weitem nicht. Viele Menschen können ihren Beruf gut ausfüllen, aber wenn sich etwas Gravierendes verändert, dann können sie nicht mehr mithalten. Die Antwort lautet also: Nein, darauf ist unsere Wirtschaftsgesellschaft nicht gut genug vorbereitet.

Also?

Auch bei der Digitalisierung wird die Beteiligungskultur entscheidend sein. Ideen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickelt man am besten mit denen, die es betrifft. Dabei kann mehr Zeitsouveränität durchaus ein Effekt von digitalen Prozessen sein. Wir brauchen zwei Dinge: Die Stärkung der kollektiven Mitbestimmungsrechte und zum Zweiten individuelle Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Tarifverträge, zum Beispiel bei der Arbeitszeit: Der Arbeitnehmer sollte sein Arbeitszeitwünsche ebenso geltend machen wie der Arbeitgeber.

In der atmenden Fabrik wird bislang dann gearbeitet, wenn Aufträge vorliegen.

Dafür haben wir Arbeitszeitkonten eingeführt. In manchen Unternehmen haben wir mehr als 500 verschiedene Arbeitszeitregelungen. Aber mir geht es um den Arbeitnehmer, der ein bestimmtes Problem beziehungsweise ein Zeitbedürfnis hat, und dieses auch zur Geltung bringen kann. Ob das Zeit ist für Weiterbildung oder Erholung, Kindererziehung oder Angehörigenpflege, spielt dann keine Rolle.

Wenn solche Themen wichtiger werden: Rutschen die Lohnprozente in den Tarifverhandlungen in den Hintergrund?

Wenn wir unseren Gestaltungsanspruch aufrechterhalten wollen, dann müssen wir uns permanent um qualitative Fragen in der Tarifpolitik kümmern. Geld ist und bleibt wichtig, aber die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft beschleunigen sich. Nur mit dem Thema Geld kommen wir da tarifpolitisch nicht mit.

Sehen das die Arbeitgeber auch so?
Wir haben mit den Arbeitgebern eine gemeinsame Fragestellung: Was müssen wir tun und den Beschäftigten anbieten, damit die ordentlich und gesund durch das Arbeitsleben kommen und ihre Bedürfnisse befriedigen können? Wer gestalten will, der muss sich mit dieser Fragestellung befassen. Es wäre eine historische Fehlleistung, wenn sich auf Seiten der Arbeitgeber die Einstellung durchsetzte: „Warten wir mal ab, wird sich schon alles einrichten.“

Der Markt macht das.

Eben nicht. Es wird schwierig für die Industrie 4.0, wenn es uns nicht gelingt, neue Technologien mit einer hohen Akzeptanz einzusetzen. Die Digitalisierung setzt ja sehr stark auf kluge und motivierte Fachkräfte, die bereit sind, sich zu verändern und den Weg mit zu gehen. Man verändert sich aber nicht, wenn man sich in die Bedrohung hinein entwickeln soll. Deshalb brauchen wir Sicherheit und Klarheit für die Menschen.

Haben die Leute Angst?

Es gibt eine Zweiteilung. Auf der einen Seite ist man fasziniert über die Möglichkeiten der Digitalisierung im täglichen Leben. Gleichzeitig gibt es ein Unbehagen, weil nicht klar ist, was im Beruf auf einen zukommt, aber auch Neugierde und das Interesse, dabei zu sein. Da bin ich wieder bei meinem Lieblingsthema, der Beteiligung. Jemand der sich einbringen kann in die Prozesse, der ist natürlich viel sicherer und ohne Angst vor der Zukunft.

IG Metall-Chef Detlef Wetzel beim Interview # Detlef Wetzel, seit dem 25.11.2013 Erster Vorsitzender der IG Metall ; fotografiert beim Interview in Berlin-Kreuzberg. Foto: Thilo Rückeis
IG Metall-Chef Detlef Wetzel beim Interview # Detlef Wetzel, seit dem 25.11.2013 Erster Vorsitzender der IG Metall ; fotografiert...Foto: null

Welche Rolle spielt dabei das von Ihnen mitinitiierte Bündnis für Industrie?

Das muss man sehen. Alle, die da mitmachen, und das sind ja eine ganze Menge, dürfen sich nicht im Klein-Klein, sozusagen im Verbändewesen verlieren. Da, wo es einen Konsens gibt, sollte man die Dinge mit Schwung nach vorne treiben.

Sie werden nicht mehr dabei sein, nach zwölf Jahren in Führungspositionen in der IG Metall ziehen Sie sich jetzt zurück. Welche Spuren haben Sie hinterlassen?

Wir haben an drei großen Entwicklungslinien gearbeitet. Erstens die Mitgliederorientierung, also die Themen vom Mitglied her denken: Was wollen die Leute, dass wir tun? 70 Prozent zuhören, 30 Prozent reden – das ist Mitgliederorientierung. Das Zweite ist die Beteiligungsorientierung. Wenn man etwas von den Beschäftigten erfahren will und die sich einbringen, dann muss man eine Beteiligungskultur und -struktur schaffen. Und die dritte Entwicklungslinie ist die angemessene Konfliktorientierung, um die Dinge zu erreichen, die den Mitgliedern wichtig sind. Da schließt sich der Kreis: Wir werden konfliktfähig und durchsetzungsstark, wenn wir auf die Mitglieder hören, sie beteiligen und ihre Anliegen mit ihnen zusammen durchsetzen.

Geht es der IG Metall heute besser als vor zehn Jahren?

Auf jeden Fall. Wir haben eine ganz andere Aura und fühlen uns sehr stark. Es gab eine riesenhafte Veränderung, die gewissermaßen durch die Mitgliederentwicklung dokumentiert ist. Die Mitgliederzahl ist die Währung, mit der gute Gewerkschaftsarbeit bezahlt wird. Gute Arbeit wird honoriert. 2015 ist zumindest bislang das beste Jahr seit Langem, die Mitgliederentwicklung ist gut und die IG Metall hat politisch Gewicht. Wir haben einen Beitrag zu Veränderungen in dieser Gesellschaft geleistet, zum Beispiel der Umgang mit prekärer Beschäftigung. Die Situation der Leiharbeiter haben wir mit einem Tarifvertrag deutlich verbessert.

Und Ihr Nachfolger wird vor allem beim Thema Weiterbildung Akzente setzen?

Das ist das größte Thema. Und die Arbeitszeit.

Dem Deutschen Gewerkschaftsbund mit seinen acht Mitgliedsgewerkschaften bescheinigen Sie in Ihrem Buch ein Defizit: Es gebe „keine Philosophie, die uns auf Augenhöhe mit den veränderten wirtschaftlichen Strukturen bringt“. Was meinen Sie damit?

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland steigt seit Jahren – aber warum bekommen wir nicht im gleichen Maße neue Mitglieder? Die Frage stellt sich für die Industrie- und Dienstleistungsgewerkschaften, wo es bei den industrienahen und personenbezogenen Dienstleistungen den größten Beschäftigungsaufbau gibt.

Mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi streiten Sie sich über Zuständigkeiten.

Wenn wir über Digitalisierung reden, dann reden wir über eine völlige Umwälzung der Arbeitsorganisation mit branchenübergreifender Arbeitsteilung und neuen Tätigkeiten, die gar keiner Branche mehr zuzuordnen sind. Als Gewerkschaften müssen wir uns überlegen, welche Organisationsform wir brauchen, damit wir die neuen Strukturen abbilden und gestaltungsmächtig sind. Wir werden bald nur noch in Wertschöpfungsketten diskutieren. Der Mantel der Geschichte kann auch über Gewerkschaften hinweggehen – wenn wir die Veränderungen nicht sehen wollen.

Dann hat sich der DGB in seiner jetzigen Form überlebt?

Das nicht. Aber nicht mehr alle Zuschreibungen und Konzepte taugen in einer sich so schnell verändernden Welt. Die Welt dreht sich rasant, und wir müssen uns mindestens so schnell verändern wie die Unternehmen. Ein Beispiel: „Leiharbeit verbieten“ – das war bis 2007 die Position der IG Metall. Bei 800 000 Leiharbeitern war das aber ein Ignorieren der Realität. Wir haben uns dann um diese Menschen gekümmert, obwohl sie am Rand stehen und nicht zu den so genannten Kernbelegschaften gehören. Das war auch für viele in der IG Metall nicht einfach, aber es war erfolgreich.

In zwei Wochen endet Ihre Amtszeit. Was kommt dann?

Ich möchte mich mit grundlegenden Gewerkschaftsfragen beschäftigen, abseits vom operativen Geschäft. Welche Zukunftsfähigkeit haben Gewerkschaften unter welchen Bedingungen? Wir haben ein großes Defizit an strategischer Gewerkschaftsforschung in Deutschland. Vielleicht kann ich da noch nützlich sein.

KARRIERE
Detlef Wetzel, 1952 im Siegerland geboren, lernte Werkzeugmacher. Auf dem zweiten Bildungsweg kam er zur Fachhochschulreife, anschließend studierte er Sozialarbeit. 2004 wurde Wetzel IG-Metall-Chef von NRW, 2007 Vizechef in der Frankfurter Zentrale. Seit November 2013 führt er die IG Metall. In zwei Wochen tritt er ab und übergibt den Spitzenposten an Jörg Hofmann, bislang zweiter Vorsitzender.

IG METALL

Mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern ist die IG Metall die größte Gewerkschaft vor Verdi (2,1 Millionen). Unter der Führung von Berthold Huber und Detlef Wetzel schaffte die Organisation in den vergangenen Jahren die Wende bei der Mitgliederentwicklung. Die IG Metall schließt Tarife unter anderem für rund 3,6 Millionen Beschäftigte allein in der Metall- und Elektroindustrie ab.

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