"Wir müssen uns mindestens so schnell verändern wie die Unternehmen"

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Detlef Wetzel im Interview : "Ohne Weiterbildung keine Industrie 4.0"
IG Metall-Chef Detlef Wetzel beim Interview # Detlef Wetzel, seit dem 25.11.2013 Erster Vorsitzender der IG Metall ; fotografiert beim Interview in Berlin-Kreuzberg. Foto: Thilo Rückeis
IG Metall-Chef Detlef Wetzel beim Interview # Detlef Wetzel, seit dem 25.11.2013 Erster Vorsitzender der IG Metall ; fotografiert...Foto: null

Welche Rolle spielt dabei das von Ihnen mitinitiierte Bündnis für Industrie?

Das muss man sehen. Alle, die da mitmachen, und das sind ja eine ganze Menge, dürfen sich nicht im Klein-Klein, sozusagen im Verbändewesen verlieren. Da, wo es einen Konsens gibt, sollte man die Dinge mit Schwung nach vorne treiben.

Sie werden nicht mehr dabei sein, nach zwölf Jahren in Führungspositionen in der IG Metall ziehen Sie sich jetzt zurück. Welche Spuren haben Sie hinterlassen?

Wir haben an drei großen Entwicklungslinien gearbeitet. Erstens die Mitgliederorientierung, also die Themen vom Mitglied her denken: Was wollen die Leute, dass wir tun? 70 Prozent zuhören, 30 Prozent reden – das ist Mitgliederorientierung. Das Zweite ist die Beteiligungsorientierung. Wenn man etwas von den Beschäftigten erfahren will und die sich einbringen, dann muss man eine Beteiligungskultur und -struktur schaffen. Und die dritte Entwicklungslinie ist die angemessene Konfliktorientierung, um die Dinge zu erreichen, die den Mitgliedern wichtig sind. Da schließt sich der Kreis: Wir werden konfliktfähig und durchsetzungsstark, wenn wir auf die Mitglieder hören, sie beteiligen und ihre Anliegen mit ihnen zusammen durchsetzen.

Geht es der IG Metall heute besser als vor zehn Jahren?

Auf jeden Fall. Wir haben eine ganz andere Aura und fühlen uns sehr stark. Es gab eine riesenhafte Veränderung, die gewissermaßen durch die Mitgliederentwicklung dokumentiert ist. Die Mitgliederzahl ist die Währung, mit der gute Gewerkschaftsarbeit bezahlt wird. Gute Arbeit wird honoriert. 2015 ist zumindest bislang das beste Jahr seit Langem, die Mitgliederentwicklung ist gut und die IG Metall hat politisch Gewicht. Wir haben einen Beitrag zu Veränderungen in dieser Gesellschaft geleistet, zum Beispiel der Umgang mit prekärer Beschäftigung. Die Situation der Leiharbeiter haben wir mit einem Tarifvertrag deutlich verbessert.

Und Ihr Nachfolger wird vor allem beim Thema Weiterbildung Akzente setzen?

Das ist das größte Thema. Und die Arbeitszeit.

Dem Deutschen Gewerkschaftsbund mit seinen acht Mitgliedsgewerkschaften bescheinigen Sie in Ihrem Buch ein Defizit: Es gebe „keine Philosophie, die uns auf Augenhöhe mit den veränderten wirtschaftlichen Strukturen bringt“. Was meinen Sie damit?

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland steigt seit Jahren – aber warum bekommen wir nicht im gleichen Maße neue Mitglieder? Die Frage stellt sich für die Industrie- und Dienstleistungsgewerkschaften, wo es bei den industrienahen und personenbezogenen Dienstleistungen den größten Beschäftigungsaufbau gibt.

Mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi streiten Sie sich über Zuständigkeiten.

Wenn wir über Digitalisierung reden, dann reden wir über eine völlige Umwälzung der Arbeitsorganisation mit branchenübergreifender Arbeitsteilung und neuen Tätigkeiten, die gar keiner Branche mehr zuzuordnen sind. Als Gewerkschaften müssen wir uns überlegen, welche Organisationsform wir brauchen, damit wir die neuen Strukturen abbilden und gestaltungsmächtig sind. Wir werden bald nur noch in Wertschöpfungsketten diskutieren. Der Mantel der Geschichte kann auch über Gewerkschaften hinweggehen – wenn wir die Veränderungen nicht sehen wollen.

Dann hat sich der DGB in seiner jetzigen Form überlebt?

Das nicht. Aber nicht mehr alle Zuschreibungen und Konzepte taugen in einer sich so schnell verändernden Welt. Die Welt dreht sich rasant, und wir müssen uns mindestens so schnell verändern wie die Unternehmen. Ein Beispiel: „Leiharbeit verbieten“ – das war bis 2007 die Position der IG Metall. Bei 800 000 Leiharbeitern war das aber ein Ignorieren der Realität. Wir haben uns dann um diese Menschen gekümmert, obwohl sie am Rand stehen und nicht zu den so genannten Kernbelegschaften gehören. Das war auch für viele in der IG Metall nicht einfach, aber es war erfolgreich.

In zwei Wochen endet Ihre Amtszeit. Was kommt dann?

Ich möchte mich mit grundlegenden Gewerkschaftsfragen beschäftigen, abseits vom operativen Geschäft. Welche Zukunftsfähigkeit haben Gewerkschaften unter welchen Bedingungen? Wir haben ein großes Defizit an strategischer Gewerkschaftsforschung in Deutschland. Vielleicht kann ich da noch nützlich sein.

KARRIERE
Detlef Wetzel, 1952 im Siegerland geboren, lernte Werkzeugmacher. Auf dem zweiten Bildungsweg kam er zur Fachhochschulreife, anschließend studierte er Sozialarbeit. 2004 wurde Wetzel IG-Metall-Chef von NRW, 2007 Vizechef in der Frankfurter Zentrale. Seit November 2013 führt er die IG Metall. In zwei Wochen tritt er ab und übergibt den Spitzenposten an Jörg Hofmann, bislang zweiter Vorsitzender.

IG METALL

Mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern ist die IG Metall die größte Gewerkschaft vor Verdi (2,1 Millionen). Unter der Führung von Berthold Huber und Detlef Wetzel schaffte die Organisation in den vergangenen Jahren die Wende bei der Mitgliederentwicklung. Die IG Metall schließt Tarife unter anderem für rund 3,6 Millionen Beschäftigte allein in der Metall- und Elektroindustrie ab.

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