Deutsche Bank : Cryan muss endlich liefern

Die Deutsche Bank macht den dritten Jahresverlust in Folge. Dass sie trotzdem Boni von mehr als einer Milliarde Euro zahlt, trifft auf scharfe Kritik von außen.

Der Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan (l), und der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner.
Der Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan (l), und der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner.Foto: picture alliance / dpa

John Cryan hat auf die Reise zum Weltwirtschaftsforum nach Davos verzichtet. Obwohl manche das Treffen als Pflichttermin für den ersten Mann der Deutschen Bank betrachten. Also wird spekuliert: Muss der Brite vor der Vorlage der Jahreszahlen am 2. Februar noch Hausaufgaben machen? Vor allem darf er sich mit neuem Ärger herumschlagen: Dass die Bank trotz des erneuten Verlustes ihren Investmentbankern offenbar wieder Boni von mehr als einer Milliarde Euro zahlt, ist im Vorstand – und wohl auch bei vielen Beschäftigten – nicht unumstritten, trifft aber vor allem auf scharfe Kritik von außen.

Politiker der CDU und SPD sind erbost. Boni bei roten Zahlen widersprächen jeglichem Gerechtigkeitsempfinden und seien eine eigenwillige Interpretation, dass sich Leistung lohnen solle, heißt bei SPD-Chef Martin Schulz und seinem Vize Thorsten Schäfer-Gümbel. Man könne die Legitimität einer Wirtschaftsordnung durch solche Praktiken gefährden, ist aus der CDU zu hören.

Überraschenderweise muss das Geldhaus zum dritten Mal in Folge ein Minus verkünden, wenn auch von nur 108 Millionen Euro. Hauptgrund: Die Steuerreform in den USA. Aber auch die Geschäfte im Investmentbanking sind enttäuschend gelaufen. Trotzdem wirbt Co-Chef Marcus Schenck, Chef der Investmentsparte, für höhere Boni. Mit dem üblichen Argument: Wenn keine international wettbewerbsfähigen Gehälter gezahlt würden, gingen die besten Mitarbeiter. Man wolle für 2017 „zum normalen System der variablen Vergütung“ zurückkehren, sagt Cryan. Unnormal war 2016, als die Boni drastisch gekürzt und manche Banker dabei ganz leer ausgegangen waren.

Cryan muss angeblich um Job bangen

Die Deutsche Bank kommt nicht aus den Schlagzeilen. Und das Gegrummel über den seit Sommer 2015 amtierenden Cryan wird lauter. Er muss angeblich um seinen Job bangen. Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, einen der größeren Aktionäre, warnt gar vor der Zerschlagung der Bank, sollten die Erträge in den nächsten Jahren nicht sprudeln. Klaus Nieding von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hält den Briten für einen guten Sanierer. Aber jetzt müsse endlich klar werden, wie die Bank Geld verdienen wolle. „In diesem Jahr müssen dringend Fortschritte insbesondere auf der Ertragsseite erzielt werden, um nicht erneut eine Strategiedebatte auszulösen“, sagt Markus Rießelmann von Independent Research.

„Unsere Strategie ist es, erfolgreich zu sein“ hatte Cryan vor einem Jahr lapidar gesagt. Immerhin wurde sie im Laufe des Jahres konkretisiert. Kurz zusammengefasst: Die Deutsche Bank ist eine global tätige Investmentbank, sie betreibt ein starkes Privat- und Firmenkundengeschäft. Das wird hierzulande mit der Postbank forciert, die man vor nicht allzu langer Zeit noch loswerden wollte. Teile der Vermögensverwaltung gehen an die Börse, die Digitalisierung der Bankgeschäfte genießt hohe Priorität.

Bislang sind das schöne Worte, mehr nicht. Die deutsche Bank hinkt hinter ihren europäischen und US-Konkurrenten hinterher – meilenweit. JP Morgan Chase rangiert 2017 weit an der Spitze mit einem Nettogewinn von mehr als 24 Milliarden Dollar, Morgan Stanley kommt auf 6,2 und Goldman Sachs auf 3,7 Milliarden Dollar. Von solchen Zahlen kann man in der Zentrale der Bank an der Frankfurter Taunusanlage nur träumen. Für die Jahre 2015 bis 2017 summiert sich der Verlust auf satte 8,3 Milliarden Euro.

9000 Stellen sollen gestrichen werden

Cryan muss deshalb massiv auf die Kostenbremse treten. Bis Ende 2018 werden weltweit 9000 Stellen gestrichen, die Hälfte davon in der Heimat. Ende September waren es noch knapp 97 000, davon rund 43 000 in Deutschland. Auch bei den Kosten geht es nicht wie erhofft voran. Cryan hat es zwar geschafft, für viele Milliarden die größten Rechtsstreitigkeiten, die seine Vorgänger und vor allem die Investmentbanker zu verantworten haben, aus dem Weg zu räumen. Aber immer noch gibt es Vorwürfe und Klagen, wie unlängst wegen Zinsmanipulationen in Kanada.

Dann sind da die unseligen Geschäftsbeziehungen mit dem Immobilienkonzern von US-Präsident Donald Trump. Immer wieder taucht der Name der Bank auch im Zusammenhang mit kritischen Russland-Kontakten des Trump-Clans auf.

Und dann ist da der größte Aktionär der Deutschen Bank, die chinesische HNA. Dieser Konzern kauft für Peking Konzerne im Westen auf. Schulden in Höhe von 20 Milliarden Dollar werden in den kommenden zwei Jahren fällig, schrieb die „Financial Times“ am Montag. Es ist nicht klar, ob der Konzern seinen Verpflichtungen nachkommen kann.

Der stets freundlich, eher zurückhaltend auftretende Cryan bleibt gelassen. „Wir sind überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Den erneuten Verlust nennt er beschönigend ein „bisschen ärgerlich“. Es sei immer klar gewesen, dass der im Herbst 2015 eingeschlagene Umbau mehr als zwei oder drei Jahre dauern würde, bis er wirke. Trotzdem arbeite die Deutsche Bank heute doppelt so effizient wie eine vergleichbare US-Bank, behauptet Cryan. Jetzt sei sie wieder an dem Punkt, an dem Wachstum im Vordergrund stehe.

Geschwunden ist die Zuversicht auch bei Beobachtern nicht. Analyst Rießelmann erwartet 2018 einen Netto-Gewinn von 2,7 Milliarden Euro, rät zum Kauf der Aktie. Auch die taumelt unter der Ägide des Briten. Bei seinem Amtsantritt kostete das Papier 24 Euro, heute sind es knapp 16 Euro. Der Vertrag des Briten läuft bis Mitte 2020. Wenn es nicht vorher einen Wechsel gibt. Cryan konzentriert sich auf seinen Job. Auch deshalb hat er wohl auf die Reise nach Davos verzichtet. Er ist ohnehin ein bodenständiger Typ, dem Allüren fremd sind und der sich nicht unbedingt in einem glamourösen Umfeld mit den Mächtigen und Reichen tummeln muss. Und für den auch satte Boni, offenbar im Gegensatz zu etlichen Investmentbankern seines Hauses, nicht im Vordergrund stehen.

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