Deutsche Chemie- und Pharma-Unternehmen : "Der Wettbewerbsvorsprung schmilzt"

Die deutsche Chemie- und Pharmabranche investiert so viel Geld in Forschung und Entwicklung wie nie zuvor. Thomas Wessel, Vorsitzender des Forschungsausschusses beim Branchenverband VCI, warnt dennoch.

Insgesamt steckten die Unternehmen mehr als fünf Prozent ihrer Umsätze in die Forschung.
Insgesamt steckten die Unternehmen mehr als fünf Prozent ihrer Umsätze in die Forschung.Foto: dpa/ Hendrik Schmidt

10,8 Milliarden Euro haben die deutschen Chemie- und Pharma-Unternehmen im vergangenen Jahr in Forschung und Entwicklung (FuE) investiert. Es ist der siebte Anstieg in Folge und so viel wie nie zuvor. In diesem Jahr soll der Etat erstmals auf elf Milliarden Euro steigen. Weitere sechs Milliarden Euro gäben die deutschen Firmen an ihren ausländischen Standorten für Forschung und Entwicklung aus. „Trotzdem schmilzt unser Wettbewerbsvorsprung“, sagte Thomas Wessel, Vorsitzender des Forschungsausschusses beim Branchenverband VCI.

Vor allem in den USA werde vieles besser gemacht, und auch China hole auf. Hierzulande wünscht sich Wessel endlich eine steuerliche Förderung der Forschung, wie sie in fast allen Industrieländern an der Tagesordnung sei. Immerhin sei für Herbst ein Referentenentwurf aus dem Bundesfinanzministerium angekündigt.

Deutschland liegt gleichwohl nach Angaben von Wessel weltweit auf Platz 4 der forschungsstärksten Länder. Hierzulande ist nach seinen Angaben in keinem anderen Industriezweig das Schwergewicht der Forschung so groß. 63 Prozent aller Firmen forschten, im Schnitt liege der Anteil an allen Unternehmen nur bei 28 Prozent. Zehn Prozent der Beschäftigten in der Branche und damit 41.100 Menschen arbeiten in den Laboren der Chemie- und Pharmafirmen.

Insgesamt steckten die Unternehmen mehr als fünf Prozent ihrer Umsätze in die Forschung. Die Folge: In der Chemie stammt weltweit jedes achte Patent aus Deutschland, zusammen mit Pharma liegt der Anteil an Patentanmeldungen weltweit bei neun Prozent. Dabei helfe, so Wessel, auch die Digitalisierung, etwa bei der Auswertung von komplexen Datenmengen.

Chemieforschung verschiebt sich immer mehr nach Asien

Und trotzdem kommen die USA schneller voran, sagt der VCI-Manager. Unter anderem wegen erheblicher Steuervorteile für Innovationen und durch die generell radikal gesenkten Steuersätze. Dazu verschiebe sich die Chemieforschung immer mehr nach Asien, nach China, Indien und Südkorea. Allein die Volksrepublik China habe ihre FuE-Ausgaben 2017 um 14 Prozent auf  umgerechnet 226 Milliarden Euro gesteigert. „Das ist mehr als doppelt so viel wie in Deutschland.“ Dazu gäbe es noch erhebliche Steuervorteile.  

„Vor diesem Hintergrund kommt es umso mehr darauf an, dass die Bundesregierung den Forschungsstandort Deutschland zukunftsfest macht“, sagt Wessel. Bis 2025 sollen 3,5 Prozent des Volkseinkommens in FuE investiert werden. Dazu bedarf es nach Angaben des VCI-Managers aber auch der steuerlichen Forschungsförderung. Das helfe in fast allen OECD-Staaten. „Bestes Beispiel ist Österreich. Seit 2018 werden mittlerweile 14 Prozent der FuE-Kosten als Steuergutschrift für alle Unternehmen erstattet.“ Die Folge: Die Ausgaben für FuE sind deutlich gestiegen, auf 3,1 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Das sei, so Wessel, mehr als in Deutschland.

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