Die Post tut einiges. Aber tut sie genug?

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Deutsche Post : Wenn Kunden sich gelb ärgern
Seit die Post ganz privatisiert ist, zählen die Behörden doppelt so viele Beschwerden wie vorher.
Seit die Post ganz privatisiert ist, zählen die Behörden doppelt so viele Beschwerden wie vorher.Foto: dapd

„Auffallend häufig“, heißt es im Bericht der Bundesnetzagentur weiter, habe der Verbraucherservice zudem Beschwerden hinsichtlich Falschzustellungen erhalten. Dabei beschäftigt die Post neben Silke Müller und ihren Kollegen noch rund 130 Adressermittler, die ausschließlich dafür da sind, Sendungen in Zweifelsfällen dem rechtmäßigen Empfänger zuzuordnen. In den Briefzentren werden die Adressen von einer Maschine gescannt, die die Umschläge mit einem Code versieht. Bis zu zwölf Adressen erkennt sie in einer Sekunde. Sie liest sogar Sütterlin. Passiert es dennoch, dass Briefe nicht korrekt zugeordnet wurden, landen sie irgendwann auf dem Schreibtisch von Ufok Duman. 500 bis 600 Briefe bearbeitet er in der Stunde. Acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, seit 17 Jahren. Er korrigiert Zahlendreher oder ergänzt Hausnummern. „Manchmal steht sogar nur eine Telefonnummer drauf“, sagt der 39-Jährige. Selbst diese Herausforderung meistert er, notfalls, indem er die angegebene Nummer anruft. Was er und fünf Kollegen am Standort Schöneberg für Briefe erledigen, übernehmen andere für Pakete. Duman und seine Vorgesetzten sind überzeugt: „Wir ermitteln für nahezu alle Sendungen auf Anhieb den korrekten Empfänger.“

Und dann gibt es Mitarbeiter, die aktiv werden, wenn einer wie der ominöse Herr Böhm ins Spiel kommt. Post-Detektive, die für die Konzernsicherheit zuständig sind. Sie sollen kriminelle Machenschaften innerhalb des Unternehmens aufdecken. 100 Mitarbeiter sind es in allen Bundesländern insgesamt, zwei bis drei pro Niederlassung. Sie wollen anonym bleiben. Zu Einzelfällen und Ermittlungsmethoden gibt es keine Auskunft. Wohl aber das Bekenntnis: „Ja, es gibt Kriminalität in den Reihen der Post.“ Und diverse Stellen, von denen aus ein Paket, wie im Fall von Frau J., umgeleitet werden könne. Seit die Post privatisiert wurde, lagert sie bestimmte Arbeitsschritte aus, an Subunternehmen. Sind bei deren Mitarbeitern womöglich die Hemmungen geringer? „Natürlich hat man auf fremde Mitarbeiter weniger Zugriff“, sagt ein Sprecher. „Wir können aus dem Unternehmen aber keinen Überwachungsstaat machen. Schwarze Schafe gibt es überall.“

Um die zu finden, schicken die Detektive Fangbriefe herum. Zwar weist das Unternehmen offiziell darauf hin, dass man kein Geld mit der Post verschicken soll. Trotzdem tun das vor allem ältere Menschen immer wieder. Und immer wieder verschwinden Geldsendungen. Krakelige Handschrift, Marienkäferaufkleber, in der ersten Adresszeile die Anrede: „Dem Geburtstagskind“. So etwa könne ein Fangbrief aussehen, erklärt ein Mitarbeiter. Darin sei eine Farbe, wie sie bei Geldübergaben an Erpresser verwendet wird. Wer die einmal an den Fingern hat, wird sie so schnell nicht los. „Die Versuchung ist groß“, sagt Qualitätsmanagerin Müller wie zur Entschuldigung. „Gerade in der Zeit vor Weihnachten, Ostern oder Jugendweihe und Konfirmation.“ Wenn sie einen Verdacht haben, erstatten die Detektive Anzeige bei der Polizei. Bis zu zehn Brief- und Paketzusteller, gibt das Unternehmen auf Nachfrage bekannt, werden allein in Berlin jedes Jahr wegen Veruntreuung entlassen.

„Zehn von 2650. Das ist nicht viel“, sagt der Sprecher. Er weist darauf hin, dass deutlich mehr Post „durch Fremdeinwirkung abhandenkommt“. Posttaschen, Postfahrräder, ja, ganze Postautos würden geklaut und jede Menge Briefkästen aufgebrochen. In Berlin so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Doch Zahlen dazu gibt es auf Nachfrage keine. Müssten da nicht die Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden? „Das ist nicht zu leisten“, sagt der Sprecher. „Wir betreiben größtmöglichen Aufwand im Rahmen des uns Möglichen.“

Die Post tut einiges. Aber tut sie genug? Zwei Monate nach dem Verlust ihres Geburtstagsgeschenks erhält die Nichte von Frau J. ein Päckchen zurück, das für ihre Großmutter in Köln bestimmt war. „Der Empfänger konnte nicht ermittelt werden“, heißt es auf dem Vermerk. Die Großmutter lebt seit 30 Jahren im selben Mehrfamilienhaus, Klingelschild und Briefkasten gut sichtbar an der Tür. Die Berlinerin schickt das Paket erneut los, erneut kommt es zurück. Sie beschwert sich. Einmal. Zweimal. Als Entschädigung bekommt sie erst eine Päckchenmarke im Wert von 4,10 Euro, dann eine Paketmarke im Wert von 6,90 Euro. Adressermittler oder gar Qualitätsmanager, die bei der Großmutter vorbeigehen könnten, um die Situation vor Ort zu klären, werden offensichtlich nicht bemüht. An der Sache ändert sich nichts.

„Auch hinsichtlich der Nichtbeachtung von Beschwerdefällen gingen zahlreiche Beschwerden ein“, schreibt die Bundesnetzagentur.

Weil die Anrufe ihrer Enkelin in Berlin nichts ausrichten, geht die 84-Jährige Großmutter in Köln persönlich zur Post-Filiale und beklagt sich, dass sie kein Paket erreicht. Die Dame hinter dem Tresen ist sehr freundlich. Sie gibt ihr ein gelbes Kärtchen mit einer Telefonnummer. „Da können Sie sich beschweren“, sagt sie. „Wenn ich’s versuche, geht aber nie jemand ran. Viel Glück!“

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