Deutsche und ihre Autos : Diese Liebe rostet nicht

Harte Zeiten für Autobesitzer: Mal sind sie Opfer im Diesel-Skandal, dann gelten sie als Täter, als Klimakiller. Eine Inspektion der Fakten- und Gefühlslage

Es sind die kleinen Dinge, die viele Deutsche am Auto faszinieren: Hierzulande blüht die Szene der Modell-Sammler. Das Bild zeigt einen VW-Käfer aus den 70er-Jahren im Maßstab 1:160.
Es sind die kleinen Dinge, die viele Deutsche am Auto faszinieren: Hierzulande blüht die Szene der Modell-Sammler. Das Bild zeigt...Foto: Peter Steffen dpa/lni

Es sind die kleinen Dinge, die eine große Liebe ausmachen. Der Land Rover Defender zum Beispiel. Mit einer Augenlupe beugt sich der Sammler über den Geländewagen, wenn er sich die Details ganz genau ansehen will. Es ist eine Inspektion, bei der das Auto zwischen Daumen und Zeigefinger klemmt. Der Land Rover ist „Modellfahrzeug des Jahres 2018“, Kategorie „Pkw aktuell“. 16,99 Euro kostet das Plastikmodell, Maßstab 1:87. Hergestellt in China, vertrieben von der Lüdenscheider Wiking GmbH. Eine erste Adresse für Fans der Modellautos. Gut 300 Millionen Euro werden jedes Jahr auf dem deutschen Markt für Fahrzeug-Miniaturen umgesetzt. Die Liebe der Deutschen zum Auto hat viele Dimensionen.

Auch auf der Straße gehört der Defender im Format 1:1 zur Kategorie der Traumwagen, obwohl er gar nicht mehr produziert wird. Im Dschungel der Großstadt oder auf den Pisten der Provinz glauben immer mehr Menschen, in einem Geländewagen sitzen zu müssen. Auch, wenn sie damit nur zur Arbeit fahren oder Brötchen holen.

Fakt 1: 33.448 Euro beträgt der durchschnittliche Listenpreis eines Neuwagens

Sports Utility Vehicles (SUV) sind – gerne auch als Zweitwagen – das Neuwagensegment, das am schnellsten wächst. Seit 2015, als etwa jede fünfte Neuzulassung eine „Geländelimousine“ war, ist der Anteil bis heute um rund 50 Prozent gestiegen. Im kommenden Jahr könnte fast jeder dritte Neue hierzulande ein Geländewagen sein. Was viel klingt, ist international wenig: In den USA machen SUVs oder Pick-ups schon 60 Prozent der Neuzulassungen aus, in der Schweiz sind es gut 40 Prozent.

Die Hersteller rümpfen die Nase. Geländewagen – wie sich das anhört! Der Land Rover sei wohl einer. Aber doch nicht die kleinen, komfortablen und sauberen SUV-„Derivate“ für die Stadt, denen man freundliche Namen gibt: Karoq, Captur, Crossland oder Countryman. Im Quartalsrhythmus kommen neue Modelle auf den Markt. Was man früher Rentnerauto nannte, ist heute Mainstream – für hippe Singles, junge Familien oder mobile Senioren.

Nicht mehr Mainstream, sondern out, ist hingegen der Diesel. (Lesen Sie hier alle Texte zum Thema). „Die Deutschen haben die Nase voll“, meint Automarktexperte Ferdinand Dudenhöffer. In ähnlichem Maße, wie der SUV-Anteil wachse, schrumpfe jener des Diesels. Von 48 Prozent Neuwagenanteil im Jahr 2015 auf 32 Prozent in den ersten zehn Monaten 2018. Minus 34 Prozent. Die VW-Affäre, die sich zu einer Branchenkrise ausgewachsen hat, beschädigt nicht nur die Ingenieursleistung der Hersteller. Sie stürzt die gesamte Autonation in eine Identitätskrise. Sie macht aus Liebhabern Betrogene. War das Verhältnis der Deutschen zu ihren Autos auch nie ungetrübt – Spritpreise, Werkstattkosten, Rost und Rückrufe gab es auch früher –, so stand die Beziehung doch nie ernsthaft auf der Kippe. Das ist seit Dieselgate anders.

PS-starke Geländefahrzeuge verkaufen sich heute nicht nur in den USA gut. Hier präsentieren Daimler-Chef Dieter Zetsche und Ex-"Terminator" und Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger im Januar 2018 in Detroit die neue Mercedes G-Klasse.
PS-starke Geländefahrzeuge verkaufen sich heute nicht nur in den USA gut. Hier präsentieren Daimler-Chef Dieter Zetsche und...Foto: Boris Roessler/dpa

Fakt 2: Ein Neuwagen hat heute im Schnitt 154 PS

Und es kommt noch schlimmer: Klimaschutz, Digitalisierung und Automatisierung transformieren die Autokonzerne von Blechbiegern zu Mobilitätsdienstleistern. Autobesitzer werden zu temporären Autonutzern. Denkt man ein, zwei Dekaden in die Zukunft, werden sie – laut Prognosen – das Auto sogar peu à peu ganz aus dem Blick verlieren und zu multimodalen Mobilitätsmenschen. Verkehrsfuturisten erklären, dass wir künftig nicht mehr lenken und womöglich auch nicht mehr denken müssen, wenn wir unterwegs sind. Denn künstliche Intelligenz hat die Navigation übernommen, optimiert unsere täglichen Wege, entlastet Städte, Straßen, Schienen – und unser Hirn.

Neue Welten, die sich auftun, „faszinierend und Respekt einflößend“, wie es im aktuellen Kulturmagazin „Crossing“ heißt, herausgegeben vom Volkswagen- Konzern. Diese Welten „beinhalten mannigfaltige Möglichkeiten und zerstören Gewohnheiten“, schreiben die Autoren. „Sie produzieren Gewinner und Verlierer.“ Auf welcher Seite VW stehen will, ist klar. Aber wer verliert?

Als wäre es eine Trotzreaktion, zeigt sich auf der Straße, wie stark die Bande noch sind zwischen den Deutschen und ihren Autos. 46,5 Millionen Pkw sind hierzulande zugelassen, Tendenz steigend. Auf 1000 Einwohner kommen statistisch 562 Autos. Rechnerisch verfügt inzwischen jeder private Haushalt über mehr als ein Auto. Im „motorisierten Individualverkehr“ – also vor allem im Auto – legten die Bundesbürger im vergangenen Jahr pro Tag 2,4 Milliarden Personenkilometer zurück, wie eine Studie des Bundesverkehrsministeriums kürzlich ergab. Im öffentlichen Verkehr kamen nur 600 Millionen Kilometer zusammen.

14 Prozent ihres monatlichen Haushaltsbruttoeinkommens von 4337 Euro (2016) geben die Deutschen laut Statistischem Bundesamt für Mobilität aus und damit etwa so viel wie für Nahrungsmittel, Getränke und Tabak.

Das Auto dominiert den Verkehrsträgermix der Gegenwart und die Lobby ist nach wie vor stark. Das weiß und respektiert die Politik. Hinter dem Satz des Bundesverkehrsministers, er wolle kein „Kumpel der Autobosse“ sein, steckt rhetorisches Kalkül: In der Sprache hart, bleibt er in der Sache doch weich. Ernsthaft anlegen wollte sich noch keine Bundesregierung mit der Branche. Das Alibi: 800 000 Beschäftigte in der deutschen „Schlüsselindustrie“.

Fakt 3: 29 Prozent der neu zugelassenen Pkw sind Geländewagen

Wie explosiv sich die Stimmung entladen kann, wenn Politik den Autofahrern wehtut, zeigt der Protest der „Gelbwesten“ in Frankreich. Die neue Ökosteuer auf Diesel-Kraftstoff, die vom 1. Januar 2019 an den ohnehin teuren Sprit noch teurer macht, treibt Hunderttausende Franzosen auf die Straße. Längst nimmt sich die Bewegung auch anderer Themen an und wird zur Bedrohung für den Präsidenten: „Macron démission“ – die Demonstranten fordern den Rücktritt von Emmanuel Macron.

Die Proteste der "Gelbwesten" in Frankreich (hier am 1. Dezember in Paris): Es begann mit der Wut einiger Autofahrer gegen eine neue Sprit-Steuer. Nun geht es um mehr - und wird zum Problem für die Regierung.
Die Proteste der "Gelbwesten" in Frankreich (hier am 1. Dezember in Paris): Es begann mit der Wut einiger Autofahrer gegen eine...Foto: AFP

Denkbar, dass Angela Merkel Ähnliches widerfährt? Unwahrscheinlich. Ihre Politik der Diesel-Gipfel – am Montag findet der sechste statt – hat den Protest von 2,5 Millionen geprellten VW-Kunden ruhiggestellt und in Kauf genommen, dass die Probleme in die Gerichtssäle verschoben wurden. Einen Überblick, welche Chancen die vom Diesel-Betrug betroffenen VW-Kunden auf Schadenersatz haben, hat inzwischen niemand mehr. Und der Erfolg der Deutschen Umwelthilfe zeigt, wo die Politik versagt. Die Klagen der DUH für saubere Luft führen dazu, dass bald 30 Städte Diesel-Fahrverbote verhängen müssen. Dagegen sind zwar (fast) alle, doch Massenproteste deutscher Autofahrer sind nicht in Sicht. Selbst der ADAC, einst Propagandist der freien Fahrt für freie Bürger, fühlt sich hier nicht zur Mobilisierung aufgerufen.

Wer sich derweil ein Bild von der Verfasstheit des Autofahrers machen will, der sollte eine Waschstraße aufsuchen. Davon gibt es in Deutschland mehr als 2600, die zusammen einen Umsatz von gut 1,2 Milliarden Euro erwirtschaften. Hier saugt, ledert und poliert die Nation, was ihr lieb ist – gerne am Sonntag. Autopflege als Kulturtechnik und Gottesdienstersatz. Das lassen sich die Deutschen etwas kosten: Jeder Dritte gibt pro Jahr mehr als 500 Euro für die Pflege und Instandsetzung seines Fahrzeugs aus, bei 18 Prozent der Befragten waren es mindestens 1000 Euro. So wird heute noch an jedem Waschstraßen-Wochenende widerlegt, was die „Allgemeine Automobilzeitung“ aus Berlin vor knapp 100 Jahren schrieb: „Das Auto ist jetzt vollkommen. Es bedarf keiner Verbesserung mehr.“

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