Deutscher Wirtschaftsfilmpreis : Wie eine Auszeichnung das immer kritischere Wirtschaftsbild zeigt

Die Geschichte des Deutschen Wirtschaftsfilmpreises zeigt, wie sich das Bild der Gesellschaft auf Politik und Wirtschaft über die Jahre gewandelt hat.

„Das System Milch“ zeigt auch die erschreckenden Seiten einer globalisierten Milchwirtschaft. Dafür gab es 2018 den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis.
„Das System Milch“ zeigt auch die erschreckenden Seiten einer globalisierten Milchwirtschaft. Dafür gab es 2018 den Deutschen...Tiberius Film/promo

„Man schafft nur noch für die Konzerne, für die Kraftfutterindustrie. Selber bleibt man auf der Strecke“, sagt ein Landwirt im Film „Das System Milch“. In der Produktion von Arte und RBB zeigen die Macher auf, welch großes Geschäft inzwischen mit dem Lebensmittel gemacht wird. Wie sehr die glückliche Kuh auf der Verpackung im Widerspruch zur Realität steht.

„,Das System Milch‘ beispielsweise präsentiert kritisch, aber sehr ausgewogen und informativ ein Gesamtsystem“, sagt Daniela Brönstrup, Unterabteilungsleiterin im Bundeswirtschaftsministerium. Deshalb haben sie und die übrigen Jurymitglieder im vergangenen Jahr die Arte- und RBB-Produktion mit dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis ausgezeichnet.

So kritisch wie 2018 waren die Gewinnerfilme des Preises der Bundesregierung allerdings nicht immer. Als der Preis 1968 zum ersten Mal vergeben wurde, gewannen keine unabhängigen Filme – sondern zwei Produktionen, die Konzerne selbst in Auftrag gegeben hatten. Die Sieger: Der Chemiekonzern Agfa-Gevaert und die Stahlwerke Südwestfalen. Ein Jahr später gewannen die Farbwerke Hoechst, die Medizinisch-Pharmazeutische Studiengesellschaft, BMW und Bayer. Kein einziger journalistisch-distanzierter Film war in den ersten beiden Jahren unter den Ausgezeichneten.

Heute ist das ganz anders. „Was alles Wirtschaft ist, was sie für die Gesellschaft bedeutet, soll gezeigt werden“, sagt Brönstrup. So ist es dem Ministerium inzwischen viel wichtiger, zwischen Filmen zu unterscheiden, die Konzerne produziert haben, und solchen, die von Unabhängigen stammen.

Noch in den 90er Jahren dagegen gewannen den Preis regelmäßig große Unternehmen und staatliche Einrichtungen selbst; 1990 prämierte die Jury erneut einen Film von Hoechst, diesmal über die Industriearchitektur der eigenen Firmenzentrale. Ein Jahr später bekam das Fremdenverkehrsamt der bayrischen Hauptstadt den ersten Preis für „München – Aus dem Logbuch eines Außerirdischen“.

1992 zeichnete die Jury des Wirtschaftsministeriums das Bundespresseamt für „German Bits“ aus. 1993 gewann sogar eine Eigenproduktion: Den prämierten Film „Forscher und Entdecker“ hatte das Ministerium selbst in Auftrag gegeben. Gemein ist all diesen Titeln, dass sie die Interessen der Wirtschaft nicht hinterfragen, sondern erklären und fördern.

Heute sind Dokus und Imagefilme getrennt

Aus heutiger Sicht ist das kaum noch vorstellbar. So legt das Bundeswirtschaftsministerium offenbar inzwischen Wert darauf, das Phänomen Wirtschaft problematisierend zu beleuchten. „Wir haben viele Einreichungen, auch von sehr kritischen Beiträgen. Wichtig ist, dass ein Beitrag alle Seiten beleuchtet“, sagt Brönstrup. So spiegelt der veränderte Blick der Preisjury gesellschaftliche Veränderungen wider. Wo die Industrie zunächst für den Aufschwung nach dem Krieg stand, rückten später negative Aspekte in den Fokus der Öffentlichkeit: Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung oder Betrug.

1996: 1. Preis für die AOK und das "System Fünf" beim Deutschen Wirtschaftsfilmpreis mit Rudolf Scharping (CDU)
1996: 1. Preis für die AOK und das "System Fünf" beim Deutschen Wirtschaftsfilmpreis mit Rudolf Scharping (CDU)Bundeswirtschaftsministerium / Archiv

Bei der Prämierung der Filme unterscheidet die Jury heute strikt zwischen Imagefilm und unabhängiger Darstellung: In der Kategorie „Wirtschaft gut erklärt“ werden Dokus ausgezeichnet; in der Kategorie „Wirtschaft gut präsentiert“ werden weiterhin Filme von Unternehmen prämiert. Letztere müssen aber mehr sein als bloße Werbung für ein Produkt. Auch bei den Imagefilmen gibt es kreativere Formen als früher. „Weg vom klassischen ‚Haus außen, Fahne weht und Geschäftsführer spricht‘“, sagt Yves Alain Lambert von der Filmakademie Baden-Württemberg, der bereits seit Jahren in der Jury sitzt.

Blick auf die Wirtschaft statt Unternehmensperspektive

In der anderen Kategorie hat neben der klassischen Doku eine gute „Tatort“-Folge mit Wirtschaftsthema ebenso eine Chance wie ein Beitrag aus der „Sendung mit der Maus“. „Wir wünschen uns noch mehr Beiträge, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Und mehr technisch Innovatives“, sagt Brönstrup. Für Letzteres gibt es eine eigene Kategorie. Gewinner im letzten Jahr war das „Handelsblatt“ mit einer Text- und Videoreportage über Nordkorea. Außerdem gibt es einen Nachwuchs- und einen Jurypreis für Filmfirmen mit wechselndem Schwerpunkt; 2019 ist es Nachhaltigkeit. Geld gibt es für den Filmpreis übrigens nicht. Einzige Ausnahme ist der Nachwuchspreis, der mit 20 000 Euro dotiert ist.

Schon um das Jahr 2000 ist eine Veränderung sichtbar: Weniger Unternehmensfilm, weniger staatstragender Optimismus, dafür mehr journalistische Distanz. 2001 etwa gewann der Filmemacher Gert Monheim mit einem Film über den Betrugsfall „Der Milliardencoup des Dr. Schneider“. Darin zeigt er auf, wie ein Unternehmer Banken bei Baukrediten betrog. Das ist nicht mehr der Blick der Wirtschaft, sondern einer auf die Wirtschaft.

Auffällig ist: Besonders oft prämierte das Ministerium in den frühen 2000er Jahren die Produktionen öffentlich-rechtlicher Fernsehsender. Zeitweise schrieb das Ministerium sogar vor, dass die Filme der ersten Kategorie von „deutschen privaten oder öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produziert oder in Auftrag gegeben worden sein“ mussten. So streng ist das Haus von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) heute nicht mehr. Im Zentrum steht nun „die (journalistische) Wissensvermittlung“.

So entscheidet die Jury

Die 15-köpfige Preisjury wird vom Ministerium berufen. Außer der Vorsitzenden Brönstrup sind alle Preisrichter Wirtschafts- und Kulturvertreter. Mehrheitlich dürfen sie den Vorgaben zufolge nicht dem öffentlichen Dienst angehören. Die Jury einigt sich in Abstimmung und Diskussion auf eine Rangfolge der eingereichten Beiträge. Nur falls es für zwei Beiträge gleiche Stimmzahlen gibt, hat die Vorsitzende das letzte Wort. Eine Spannung zwischen Staats-Preis und Journalismus bleibt jedoch. „Es ist für einen kritischen Journalisten im ersten Moment immer auch ein wenig fraglich, ob man von dieser Seite gelobt werden will, und was das meint“, sagt Olaf Jacobs, Gewinner eines zweiten Preises im Jahr 2017. „Allerdings fördert die Jury ja heute offensichtlich gerade auch kritischen Journalismus.“

Die Tradition des Industriefilms

Dafür musste sich das Ministerium von der Tradition des Industriefilms lösen, auf die der Preis zurückgeht. Große Unternehmen gehörten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zu den wenigen Organisationen, die Geld für eigene Filme aufbringen konnten. Sie bestimmten daher auch, was gezeigt wurde. Trotz dieser Abhängigkeit waren in den Industriefilmen nicht nur glückliche Autobesitzer und Ölquellen vor blauem Himmel zu sehen.

Es gibt bis heute Beispiele für Filme, die Unternehmen finanzieren, ohne direkte Bezüge zum Inhalt zu haben. 2009 kam die Luftbild-Dokumentation „Home“ von Yann Arthus-Bertrand in die Kinos. Der Titel setzt sich am Anfang aus den Schriftzügen von Modemarken zusammen: Gucci, Puma, Balenciaga. Alle gehören zum Konzern Kering S.A., bis 2013 PPR. Dessen Leiter François-Henri Pinault finanzierte den Film mit zehn Millionen Euro. In der Dokumentation ist keine einzige Gucci-Tasche zu sehen, stattdessen der Grand Canyon oder zerklüftete Tagebaugebiete zu orchestraler Musik. Keine klassische Werbung, aber gewiss geht es auch darum, den eigenen Namen mit einer guten Sache in Verbindung zu bringen.

Die Ölfirma Shell betreibt mit diesem Ziel schon seit 1934 ihre eigene „Film Unit“, zunächst geleitet vom damals berühmten Regisseur John Grierson, dem man die Einführung des Begriffs „documentary“ zuschreibt. Dass fossile Brennstoffe das Klima beeinflussen, weiß man bei Shell also mindestens seit 1991, aufgrund eines Films aus dem eigenen Haus. „Sofortiges Handeln ist die einzige Absicherung“, warnt der Sprecher am Ende der Produktion „Climate of Concern“. Gemeint ist das Handeln gegen den Klimawandel.

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