Wirtschaft : „Die europäische Idee von Airbus muss bleiben“

Der Luftfahrtbeauftragte der Bundesregierung, Peter Hintze, zum Einfluss der Politik auf den europäischen Konzern

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Herr Hintze, können Sie mit dem Airbus-Sparplan „Power 8“ zufrieden sein?

Das Ergebnis ist schmerzhaft und chancenreich zugleich. Schmerzhaft für die Arbeitnehmer, wenn über drei Standorten die Ungewissheit schwebt, bleiben sie im Unternehmen, werden sie verkauft oder wird es einen Partner geben. Auf der anderen Seite ist das Ergebnis chancenreich, weil es die Wettbewerbsfähigkeit steigern und die Zukunftsfähigkeit der Arbeitsplätze sichern soll. Vor allem aber weil Airbus das tut, was die große Konkurrenz in der Weltwirtschaft schon vollzogen hat: die Konzentration auf das Kerngeschäft, also auf das Planen, das Bauen und den Verkauf von Flugzeugen. Wir haben auch in anderen Hochtechnologien auf der Welt eine arbeitsteiligere Produktionsweise entwickelt. Boeing hat das bereits realisiert, Airbus hat das jetzt vor.

Durch „Power 8“ soll die Produktion wirtschaftlich effizienter werden, teure Doppelstrukturen künftig vermieden werden. Wird dies gelingen?

Ob das im Einzelnen betriebswirtschaftlich der richtige Weg ist, liegt in der Verantwortung von Airbus. Die Bundesregierung hat sich klar dafür entschieden, den unternehmerischen Aspekt der Fragestellung dem Unternehmen zu belassen. Es soll selber entscheiden, wo es bessere Synergien und höhere Produktivität sieht. Aber ein Unternehmen ist auch ein Organismus, und da kann man nicht beliebig Teile herausnehmen und anders wieder einsetzen und dann noch hoffen, dass alles gut geht. Airbus hat zum einen die Schwierigkeiten mit den Lieferverzögerungen des A 380 zu lösen. Auf der anderen Seite hat es ein sehr gut laufendes Geschäft, etwa in der Familie der kleinen und mittleren Flugzeuge. Das muss weitergehen. Airbus muss seine Restrukturierung so anlegen, dass es das Potenzial seiner Mitarbeiter voll zur Geltung bringt. Was funktioniert, soll auch weiter funktionieren. Manches was in der Theorie funktioniert, macht in der Praxis Probleme.

Im Vorfeld gab es sehr viel politischen Druck, gerade von deutscher Seite. Wo findet sich die Handschrift der Politik im neuen „Power 8“-Entwurf?

Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass die europäische Idee von Airbus lebendig bleibt: nämlich die technologischen Kompetenzen der beteiligten Nationen zu einem kraftvollen Ganzen zusammenzuführen. Das ist das Erfolgsgeheimnis dieses Unternehmens. Wir haben auch klar unser deutsches Interesse an Technologiekompetenzen und Arbeitsplätzen zum Ausdruck gebracht. Unser Wort hatte nicht zuletzt deshalb Gewicht, weil wir Airbus immer politisch unterstützt haben und ja auch der größte Auftraggeber der Airbus-Mutter EADS im nichtzivilen Bereich sind. Im Rahmen der WTO-Regeln und des Beihilferechts haben wir jede notwendige Unterstützung geleistet. Es liegt im nationalen Interesse Deutschlands, dass die Luftfahrt, die ja auf andere Industrien ausstrahlt, bei uns stark bleibt. Vom Ergebnis her betrachtet, sichern die Beschlüsse des Unternehmens einen fairen Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich.

Die Reaktionen der deutschen Politik sind relativ positiv ausgefallen, in Frankreich dagegen etwas verhaltener. So hat etwa Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal ein Moratorium gefordert. Wie stark mischt die Politik mit bei Airbus?

Die Entstehung von Airbus ist sehr stark durch die Politik begleitet und unterstützt worden. Die Politik hat auch ein natürliches Interesse an Airbus. Denn wenn es Airbus nicht gäbe, hätten wir in der Luftfahrtindustrie ein mächtiges Monopol in Nordamerika. Nun ist die Situation zwischen Deutschland und Frankreich derzeit unterschiedlich: In Frankreich sind Präsidentschaftswahlen. Die französische Regierung hat das Ergebnis als fair qualifiziert. Die Kandidatin der Opposition hat es angegriffen. Das passiert in Wahlkämpfen schon mal – obwohl das für das Unternehmen kritisch ist, denn es braucht den Rückhalt durch die Politik. Ich freue mich, dass wir in Deutschland diesen Rückhalt insgesamt geben.

Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff will das Ergebnis nicht akzeptieren.

Ich teile den Wunsch von Ministerpräsident Wulff, möglichst viele Arbeitsplätze an den betroffenen Standorten zu sichern. Entscheidend ist die Zukunftsfähigkeit dieser Standorte. Hier kann ein starker Partner oder ein technologisch interessierter Investor neue Chancen eröffnen. Airbus muss sich fragen, was betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Ich rate dem Unternehmen, den Restrukturierungsweg gemeinsam mit seinen Mitarbeitern zu gehen.

Kritiker sagen, dass mit dem Einstieg von Bund und Ländern bei EADS der Vorsprung von Boeing zementiert wurde, dass es damit nicht leichter wird, mit Boeing mitzuhalten. Was sagen Sie dazu?

Die Haltung der Bundesregierung ist, dass Airbus industriell geführt werden soll. Die indirekte Beteiligung der öffentlichen Hand ist vertraglich so vereinbart, dass die wirtschaftliche und industrielle Führung auch für diesen Anteil weiter bei Daimler-Chrysler verbleibt: Airbus hat alle Chancen, den Abstand zu Boeing wieder auszugleichen und Weltmarktführer zu werden. Der A 380 ist ein großartiges Flugzeug und bietet eine riesige Chance, technisch und ökonomisch. Das gilt auch für künftige Flugzeuge: den A350 oder später die neue A320-Familie. Dafür wollen wir als Politik den Raum schaffen.

Die französische Regierung hat angekündigt, Airbus mit 100 Millionen Euro zu fördern. Was will die deutsche Regierung tun?

Bei der Förderung müssen die Regeln der WTO und des europäischen Beihilferechts eingehalten werden. Unter Achtung dieser Vorschriften werden wir schauen, wie wir die Flugzeugindustrie unterstützen können. Unser Luftfahrtforschungsprogramm wächst stark in den nächsten Jahren.

Angeblich haben Investoren schon ihr Interesse an bestimmten Werken bekundet, auch aus Russland. Sind Sie offen für alle Angebote?

Es wäre schön, wenn Airbus Partner finden könnte, die in Deutschland im Bereich der Flugzeugausrüstung arbeiten. Das wäre für die praktische Zusammenarbeit eine Erleichterung. Außerdem würden so wichtige Technologien, auch wenn sie dann in der Fertigungstiefe nicht mehr zum Unternehmen selbst gehören, dennoch in Deutschland bleiben. Aber die Entscheidung trifft das Unternehmen.

Der deutsche Luftfahrtbeauftragte wird keinen Einfluss nehmen?

Ich bin Ansprechpartner für alle an diesem Prozess Beteiligten. Ich setze mich für gute Rahmenbedingungen ein. Die konkreten Entscheidungen trifft das Unternehmen.

Was sagen Sie den Arbeitnehmern, die der Politik mangelnden Einsatz vorwirft?

Ich verstehe die Sorgen der Arbeitnehmer. Mein Wunsch ist, dass die Restrukturierung so sozialverträglich gelingt, wie Airbus das vorhat. Ich werde die Umstrukturierung hellwach begleiten. Aus diesem Umbau kann auch eine neue Stärke entstehen: Wenn die Wettbewerbsfähigkeit steigt, sind die Arbeitsplätze zukunftssicherer. Selbst bei den Werken, die aus dem Verbund gehen, kann neue Stärke entstehen. Wenn Standorte in Zukunft als eigene Firmen operieren, haben sie die Chance, zusätzlich zu ihren Lieferverträgen mit Airbus ihre Produkte auch an andere Flugzeughersteller auf dem Weltmarkt zu liefern. So könnten neue Arbeitsplätze entstehen. Ich hoffe also, dass am Ende des Prozesses alle sagen können: Ende gut, alles gut.

Wann wird das sein?

Das Unternehmen hat gesagt, das ist ein Prozess, der über mehrere Jahre läuft.

Das Interview führte Juliane Schäuble.

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