Wirtschaft : Die Frau vor der Kanzlerin

Andrea Dernbach

Berlin - Pionierin war sie oft. Als Monika Wulf-Mathies als erste Frau an die Spitze einer deutschen Gewerkschaft gewählt wurde, fiel das nur besonders ins Auge. Es war 1982, der damalige ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker trat zurück, und zur Verblüffung fast aller schlug er nicht, wie das üblich war, seinen bisherigen Vize zum Nachfolger vor, sondern Wulf- Mathies. Die damals 40-jährige Volkswirtin und promovierte Germanistin war da bereits seit sechs Jahren Mitglied im Hauptvorstand der ÖTV, zuständig für Themen, die in jenen fernen Tagen noch als „weich“ galten, nicht nur im Männerland Gewerkschaft: Sozial-, Gesundheits- und Frauenpolitik. Zuvor war sie im Kanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt Referatsleiterin.

Pionierarbeit leistete sie auch im Kampf um die 35-Stunden-Woche, die sie zum tarifpolitischen Hauptziel der ÖTV machte. 1984 gelang der Einstieg in den Ausstieg aus der 40-Stunden-Woche, mit vorerst sanften 39,7 Stunden.

Der Mauerfall war innergewerkschaftlich eine neue Herausforderung für Wulf-Mathies. Im Kampf mit der Konkurrenz unterm eigenen DGB-Dach musste die Chefin die Zuständigkeiten für bestimmte Berufsgruppen für ihre ÖTV erstreiten, die schon als Westgewerkschaft ein bunter Gemischtwarenladen vom Müllfahrer bis zur Krankenschwester war. Es folgten Ost-West-Konflikte in den Tarifverhandlungen und magere Abschlüsse, die die Zustimmung zur Vorsitzenden schwinden ließen. Im Januar 1995 wechselte sie als EU-Kommissarin für Regionalpolitik nach Brüssel, seit 2001 ist sie bei der Deutschen Post Direktorin für Politik und Umwelt.

Ausnahmekarriere in einer Männerdomäne, sachlich-nüchtern und nie sichtbar frauenbewegt – irgendwie kommt einem das bekannt vor. Wenn Angela Merkel eine Vorläuferin hat, dann ist sie es. Heute wird Monika Wulf-Mathies 65 Jahre alt.

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