Wirtschaft : Die Türken sind schon in Brüssel

Ihre Wirtschaft wächst rasant – im Partnerland der Hannover Messe sorgen sich die Unternehmer vom Bosporus um die Politik

Marc Neller[Istanbul]

Sadik Özgür weiß, wie man Türen öffnet und schließt. Er war Waise, die Eltern hatte er früh verloren. Er war ein Junge, als er aus einem anatolischen Dorf nahe der Berge nach Istanbul kam. Er ist Chef eines Unternehmens, das er gegründet hat und an seine Kinder übergeben wird. Kale Kilit, Produzent von Sicherheitsschlössern, Sitz in Istanbul, 3000 Beschäftigte, gut im Geschäft. Kale Kilit ist Marktführer in der Türkei, rund 120 Millionen Euro Jahresumsatz 2006.

Özgür, ein kleiner Mann mit rundem Kopf und schwerem Oberkörper, steht am Fenster seines Büros und blickt auf jene Gebäude, in denen seine Mitarbeiter seit 30 Jahren Schlösser fertigen. Özgür ist 77 Jahre alt, aber noch nicht fertig. „Die Fabrik hier“, sagt er mit feierlicher Geste, „wird umziehen“, auf ein Gelände, 150 000 Quadratmeter groß, fünfmal so groß wie dieses. Es gibt Bedarf. In Istanbul gehört der Himmel den Baukränen. Wohnhäuser, Büros und ganze Finanzdistrikte wachsen in die Höhe. Das ist gut für Özgür und gut für sein Land.

„Wo Türen eingebaut werden, braucht es Schlösser, nicht wahr?“, sagt Özgür.

Die vielen Kräne in Istanbul stehen für etwas Größeres: Seit der schlimmen Wirtschaftskrise vor sechs Jahren wächst die türkische Wirtschaft rasant, um durchschnittlich 7,2 Prozent im Jahr, und damit fast so schnell wie die Wirtschaft Indiens oder Chinas.

In drei Wochen wird Özgürs Sohn als Vertreter einer von rund 200 türkischen Firmen nach Deutschland reisen. Um der Welt die eigenen Markt- und Wachstumspotenziale vorzuführen und weitere Investoren ins Land zu locken. Sie verbinden in diesem Jahr große Hoffnungen mit der Hannover Messe. Die Türkei ist auf der weltweit größten Industrie-Leistungsschau das Partnerland. Eine gewisse Beachtung der Branche ist also garantiert. Und die türkischen Unternehmer haben gute Argumente, denn das starke Wirtschaftswachstum ist längst nicht alles. Rund 3000 ausländische Unternehmen drängten 2006 auf den türkischen Markt, zwei Drittel davon aus EU-Ländern. Die Auslandsinvestitionen haben sich in den vergangenen drei Jahren fast verzehnfacht.

Die Inflationsrate ist seit einiger Zeit einstellig, Prognosen zufolge soll sie sich in diesem Jahr bei vier Prozent einpendeln, ein Wert, von dem das Land jahrzehntelang nicht einmal träumen durfte.

Es sind Fakten, die ein neues Selbstbewusstsein befördern. „Wir sind längst in der Europäischen Union, egal, was noch geschieht“, sagt Sani Sener. Sener ist der Chef der Flughafen-Holding TAV Investment mit Sitz in Istanbul. Er steht mit seiner Meinung nicht alleine da, aber er ist einer derer, die sich gerne auch öffentlich äußern. In der Tat scheint die Zukunft seines Landes einiges zu versprechen: ein Land mit 70 Millionen Menschen, junger Bevölkerung, niedrigen Löhnen und Aufholbedarf. Wäre da nicht dieses Thema, dessen Widerhall derzeit im eigenen Land die schönen Zahlenargumente übertönt. Und dessentwegen sich führende Wirtschaftsvertreter um die noch junge politische Stabilität und den mit ihr verbundenen Aufschwung sorgen: Dem Land stehen wichtige Monate bevor. Im Mai sind Präsidentenwahlen, im November Parlamentswahlen. Wichtige Fragen sind ungeklärt. Vor allem jene, ob Tayyip Erdogan Premierminister bleibt oder Präsident werden will. Seit drei Jahren regiert Erdogan die Türkei, gestützt auf eine absolute Mehrheit seiner gemäßigt islamistischen Partei AKP. Die Bilanz: Körperschaftsteuer von 30 auf 20 Prozent gesenkt, dafür staatliche Investitionsbeihilfen gestrichen. Acht Reformpakete in der laufenden Legislaturperiode verabschiedet. Bankenreform, Rentenreform, Strafrechtsreform unter anderem. Die schleppende Privatisierung von Staatsunternehmen besser in den Griff bekommen. Allerdings blockiert der aktuelle Präsident, Ahmet Necdet Sezer, seit einiger Zeit Gesetze und Personalentscheidungen der Regierung. Erdogan hätte also, vom Renommee des Amtes abgesehen, einen handfesten Grund, Präsident werden zu wollen. Nur müsste er dafür alle Bande zu seiner Partei kappen, so will es das Gesetz. Diese Entscheidung scheint Erdogan schwerzufallen, er hat es bisher vermieden, sich festzulegen. In den Chefetagen der Unternehmen wächst nun die Furcht, es könnte demnächst vorbei sein mit den klaren Mehrheitsverhältnissen, die die Wirtschaft zuletzt sehr geschätzt hat. Weil sie Kraft zu Reformen bedeutete. Aus Sicht der Manager steht Erdogan, ob sie ihn mögen oder nicht, für eine wirtschaftsfreundliche Politik.

Niemand bezweifelt, dass seine AKP wieder in die Regierung gewählt wird. Sie glauben nur nicht, dass die Partei ohne Erdogan an ihrer Spitze annähernd so gut abschneiden würde wie mit ihm. Kein anderer Politiker kommt beim Volk ähnlich gut an.

„Entscheidend“, so glaubt der Türkei-Repräsentant einer großen ausländischen Bank, „wird sein, ob die AKP auch ohne Erdogan in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen.“ Seine Miene verrät, dass der Banker genau das bezweifelt. „Man muss Erdogan nicht mögen, um anzuerkennen, dass er dem Land zu einer gewissen Stabilität verholfen hat.“ Erst kürzlich traf Erdogan in Istanbul Vertreter ausländischer Investmentbanken. Sie sollen ihn inständig gebeten haben, Premier zu bleiben.

Soweit würde Jürgen Ziegler vielleicht nicht gehen. Doch auch er schätzt, was Erdogan bewirkt hat. „Natürlich steht noch längst nicht alles zum Besten“, sagt er. Ziegler ist Daimler-Chryslers Landeschef in der Türkei; „Direktörler“ steht auf seiner Visitenkarte. Die Arbeit, die noch auf die Türkei wartet, umreißt er mit drei Schlagworten. Staatsverschuldung, Gesundheit, Lebensverhältnisse.

Die Verschuldung ist enorm, sie lässt der Regierung wenig Handlungsspielraum. Auch über das Justizsystem ließe sich so noch einiges sagen. Aber immerhin, sagt Ziegler, habe die Regierung in den vergangenen Jahren „in dramatischem Maße Bürokratie abgebaut“. Ziegler benutzt oft das Wort „stabil“, wenn er über die türkische Wirtschaftspolitik spricht. Es klingt anerkennend. Er hat gute Erfahrungen gemacht. Seit 1995 baut sein Konzern in Hosdere Autobusse, die Fertigungshallen mussten ständig erweitert werden. In der Türkei ist ein Zentrum des europäischen Automobilsektors entstanden; Hersteller und Zulieferer machen knapp zehn Prozent des produzierenden Gewerbes aus. Die Branche gilt als einer der wichtigsten Schrittmacher der türkischen Industrie. Trotzdem betragen die Arbeitskosten im Daimler-Chrysler-Werk in Hosdere überschaubare neun Euro pro Stunde – und die Arbeiter sind deutlich besser ausgebildet als in Indien oder China.

„Früchte des Wandels“, befindet Ziegler. Er sagt nicht direkt, dass er sie in Gefahr sieht. Er sagt: „Solange der Wille zum Wandel anhält, strömt auch weiterhin ausländisches Kapital ins Land.“ Allerdings sagt er auch: „Man kann den Eindruck bekommen, dass die derzeitige Lage die Politik lähmt.“

Wichtig, dass eine Entscheidung fällt. Das findet auch Sadik Özgür. Damit die eine Tür sich nicht schließt, bevor sie richtig offen stand. Und eine andere sich vielleicht doch schneller öffnet als sie in der Türkei derzeit hoffen: die zur EU-Mitgliedschaft. Özgür muss es wissen. Türen und Schlösser sind sein Geschäft.

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