Die Zeit festhalten : Warum Kalender aus Papier noch immer so beliebt sind

Alle Termine im Griff haben, genügend Pausen einplanen, sich selbst erkennen: Der Kalender soll zum Lebensberater werden.

Gegen den Stress. Der Trend geht auch bei Kalendern zum Zeichnen, Ausmalen, kunstvollen Schreiben mit der Hand.
Gegen den Stress. Der Trend geht auch bei Kalendern zum Zeichnen, Ausmalen, kunstvollen Schreiben mit der Hand.Foto: Getty Images/iStockphoto

Nie hatten ihre Kalender genügend Platz. Als junge Gründer nahmen sich die beiden mehr vor als sie schaffen konnten, holten nachts nach, wofür der Tag zu kurz war. Bis Milena Glimbovski und Jan Lenarz restlos erschöpft waren. Und so entwickelten sie einen Planer, der nicht nur Terminen Platz gewährt. Sondern auch dem Gegenteil der nicht enden wollenden To-do-Liste: Anregungen zum bewussten Pausemachen. Übungen gegen den Stress.

Vor vier Jahren starteten sie ein Crowdfunding-Projekt für „Ein guter Plan“. Statt der geplanten 600 Exemplare verkauften sie 12 000 Bücher mit Notizflächen, Monatsreflexionen und Achtsamkeitsampeln. Wie gut hast du geschlafen? Hast du was Schönes für dich gemacht? Kreuze an! Sie gründeten in Berlin einen Verlag, verdoppelten die Auflage Jahr für Jahr. Diesen Monat mussten sie ihren Kunden mitteilen: Das Lager ist leer. 2020 wollen sie trotz ihres Erfolgs nicht weiter wachsen.

Potenzial gäbe es. Trotz des Smartphones präferiert fast die Hälfte der Deutschen nach wie vor einen Kalender aus Papier. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov. Nur 33 Prozent der Befragten verwenden lieber den Planer ihres Smartphones. Woran liegt das? Und woher rührt das Bedürfnis, aus einer uralten Übersicht von Tag und Jahr einen Lebensberater zu machen?

Ein Anruf bei Anette Philippen, Sprecherin der Interessengruppe Kalender beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Bei Familien sei es die Einfachheit. Vier oder fünf verschiedene Digital-Kalender miteinander zu synchronisieren sei vielen schlicht zu aufwendig, sagt Philippen, die auch Chefin des Dumont-Kalenderverlags ist. „Wir sehen seit einer Weile außerdem einen Trend zum Zeichnen, Ausmalen, kunstvollen Schreiben. Die Menschen wollen was mit ihren Händen machen“, sagt sie. Es ist eine Gegenreaktion zur alles durchdringenden Digitalisierung, die sich ebenso beim Comeback von Vinylplatten und Polaroid-Kameras zeigt. Auch das Zeitgeistthema Achtsamkeit kann Anette Philippen verstehen. „Man will in der heutigen Hektik Ruhe finden, sich mal sammeln und ordnen.“

Die Mehrheit stopft selbst ihre Freizeit viel zu voll

Die Deutschen klagen längst nicht nur bei der Arbeit über Stress. Sie können auch ihre Freizeit kaum noch genießen. Zumindest geht das aus der repräsentativen Studie „Freizeit-Monitor 2019“ hervor, die die Stiftung für Zukunftsfragen im Herbst veröffentlichte. Faulenzen fällt schwer. Die Mehrheit stopft ihre freie Zeit viel zu voll. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene springen von einer Aktivität zur nächsten, wollen überall dabei sein, nichts verpassen. „Es gibt einen Trend zur Optimierung, der im ganzen Leben stattfindet. Auf der Arbeit, für den Körper und eben auch in der Freizeit“, sagte Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Studie.

„Alle sind doch den ganzen Tag busy. Es fehlt aber an Fokus, was von den tausend Zielen wirklich wichtig ist!“, sagt Maxin Schneider, der sich beim Kölner Unternehmen „Klarheit“ um die Kommunikation kümmert. Sie und ihr Team verkaufen einen Planer, der so heißt wie die Firma und verspricht: Behalte den Überblick und entlaste deinen Kopf. Die Idee hatte Gründer Sandro Dalla Torre ungefähr zur gleichen Zeit wie Milena Glimbovski und Jan Lenarz. Er produzierte zu dem Zeitpunkt Musik, suchte nach einem Weg, sich besser zu organisieren. Was er skizzierte, gefiel Freunden, und so finanzierte er seinen Life-Coach-Planer Ende 2015 ebenfalls über Crowdfunding. Seitdem hat das vierköpfige Team 90 000 Exemplare verkauft.

„Noch ist der Markt groß genug, aber die Konkurrenz wird härter“, sagt Maxin Schneider. Ärgerlich sei: Manche würden ihre Methoden, von denen viele auf positiver Psychologie basieren, kopieren. Neben dem Kalender-Hauptgeschäft gibt das Klarheit-Team Workshops – alle zwei Monate für Privatpersonen und fünfmal im Jahr für Unternehmen. Gelistet sind auf ihrer Seite Ikea, BMW, Bosch, Siemens. Danach soll jeder wissen, was er wirklich will – und wie er das bekommt.

Eine wichtige Plattform in dem Geschäft ist Instagram. „Die sozialen Netzwerke sind zur Vermarktung heutzutage essenziell“, sagt PR-Expertin Schneider. Ohne geht nichts mehr. Aber wie passt das dazu, den Menschen doch eigentlich vor der permanenten Ablenkung und Zerfaserung durch das Smartphone zu befreien? „Studien haben zwar erwiesen, dass die Selbstinszenierung bei Instagram nicht guttut“, sagt Schneider. „Warum also nicht ausgerechnet dort gesunde Gedanken verbreiten?“

Junge Unternehmer journaln jetzt auch

Ihre größte Zielgruppe sind Frauen zwischen 25 und 35 Jahren. Die einen kaufen den Planer, weil sie Struktur lieben. Die anderen, um sich besser selbst zu verstehen. Was die Käufer von lebensverbessernden Planern noch eint: sie sind bereit, 25 bis 35 Euro dafür zu zahlen. Angesichts dieser Preise ist Anette Philippen „überrascht, wie gut die Produkte angenommen werden“.

Bei der Buchhandelskette Thalia gibt es Tausende von Kalendern. Für die breite Masse. „Generell ist die Nachfrage nach Kalendern und Notizbüchern auch in diesem Jahr wieder ungebrochen hoch“, sagt eine Sprecherin. Kalender würden traditionell zum Jahresende gekauft. Bei Terminplanern reiche das Umsatzhoch in die ersten Januarwochen hinein. Sie analysiert die Nachfrage so: „Bei Taschenkalendern schätzen viele Menschen das haptische Erlebnis und tragen Termine und Notizen gerne händisch ein.“ Und ja, das Thema Achtsamkeit wird auch bei Thalia stark nachgefragt.

Ein anderer Trend sind „Bullet Journals“. Der Designer Ryder Carroll hat in den USA eine Methode entwickelt, mit der Menschen ihren ganz eigenen, ganz individuellen Planer skizzieren und kunstvoll verzieren. Gedanken markieren sie mit einem Strich, Aufgaben mit einem Punkt, Termine mit einem Kringel. Ein Inhaltsverzeichnis lotst durch die Seiten. Das System ist seit ein paar Jahren auch in Deutschland beliebt. Es gibt Kurse und Bücher. Junge Unternehmer meditieren nicht nur. Sie journaln jetzt auch.

Was es braucht, ist nur ein Notizbuch mit Seitenzahlen. Ryder Carroll bevorzugt die von „ Leuchtturm 1917“, weil sie durchnummeriert und punktkariert sind. „Ryder wurde mir in New York vorgestellt“, erinnert sich Philip Döbler, Geschäftsführer des Unternehmens Leuchtturm. Ein Familienunternehmen aus der Nähe Hamburgs, das vor fast hundert Jahren mit Briefmarkenalben groß wurde. Die Umsätze steigen heute im zweistelligen Bereich. Auch deswegen, weil die Kooperation mit Carroll „den Nerv der Zeit getroffen hat“, sagt Döbler. „Es ergab sich bei einer Tasse lauen Messekaffees ein sehr interessantes Gespräch und daraus hat sich eine nun schon sechs Jahre andauernde Partnerschaft entwickelt.“

Bei Leuchtturm gibt es noch den ganz normalen, schlichten Kalender. Es gibt aber eben auch das Original Bullet Journal und das Change Journal mit 24 Methoden zur Klärung der ganz großen Fragen: Wer bin ich? Was will ich? Die Kunden dieser Produkte seien „keine Esoteriker“, sagt Döbler. Es seien vor allem die, die mit Smartphone in der Hand aufgewachsen sind.

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