Die Zukunft der Lausitz : Ausgekohlt

Viele Initiativen und Projekte arbeiten an der Modernisierung der Lausitz. Für den Strukturwandel gibt es viel Geld - und womöglich auch viel Zeit.

Ausgebaggert. Spätestens Anfang der 2040er Jahre sind Abbau und Verstromung der Stromkohle vorbei.
Ausgebaggert. Spätestens Anfang der 2040er Jahre sind Abbau und Verstromung der Stromkohle vorbei.Foto: picture alliance / dpa

Mehr als 70 000 Menschen fördern 200 Millionen Tonnen Braunkohle und verbrennen die in den anliegenden Kraftwerken. Mit dem so gewonnenen Strom wird fast ein ganzes Land versorgt. So war das vor knapp 30 Jahren in der Lausitz. Heute verdienen noch knapp 8000 Leute ihren Lebensunterhalt mit der Kohle in der Region zwischen Herzberg und Görlitz. Die Lausitz ist das wichtigste Industriegebiet Brandenburgs – und soll das auch bleiben. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission erarbeitet derzeit ein Ausstiegsszenario, denn mit der Verstromung der dreckigen Braunkohle, die aufgrund der Feuchtigkeit viel CO2 in die Luft bläst, lassen sich Klimaziele nicht erreichen. Strittig ist, ob das letzte Kohlekraftwerk in den 2030er oder erst zu Beginn der 2040er Jahre abgestellt wird. Die Haltung der Brandenburger und Sachsen ist klar: Je später, desto besser. Denn kaum ist der Strukturbruch der Nachwendejahre einigermaßen bewältigt, steht der Ausstieg an.

Im Westen fiel die Förderung nicht so stark

Die Betroffenen kämpfen für einen langen Zeitraum. Weil die ostdeutschen Länder in den vergangenen Jahrzehnten wegen der Deindustrialisierung deutlich mehr CO2 „eingespart“ haben als der Westen. Während die Braunkohleförderung im Osten um zwei Drittel zurückging, waren es im rheinischen Revier nur 15 Prozent. Und in NRW sind zum Teil deutlich ältere Kohlekraftwerke im Betrieb als in der Lausitz, argumentiert die brandenburgische Landesregierung. Gemeinsam mit den Kollegen in Dresden haben die Potsdamer Politiker bereits für die kommenden fünf Jahre einen „Ausgleich“ für das schrumpfende Braunkohlegeschäft von 1,2 Milliarden Euro ausgerufen. Dazu gibt es inzwischen diverse Initiativen und Institutionen.

Der Innovationsmanager

Der promovierte Physiker Hans Rüdiger Lange hat für Vattenfall und andere Energieunternehmen gearbeitet, bis er dann vor knapp drei Jahren Entwicklungsmanager für die Lausitz wurde. Als damals das Ende der Braunkohle in die energiepolitische Diskussion kam, gründeten die regionalen Kammern und Verbände sowie die BTU CottbusSenftenberg die „Innovationsregion Lausitz“ mit einer Vision, die Lange umsetzen soll: Der Kohleausstieg soll die Menschen mobilisieren, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist nicht so einfach, denn nach der Beobachtung Langes hat „die sozialistische Zeit eine Kulturspur hinterlassen“.

Unternehmer gesucht

Ein breiter Mittelstand, wie er die Wirtschaft im Westen prägt, entwickelt sich langsam. „Sie müssen Unternehmer finden, die etwas machen wollen“, beschreibt Lange seinen Job. Gemeinsam mit drei Mitarbeitern hat er mit rund 300 Firmen Kontakt gehabt und dabei knapp 100 Projekte identifiziert in Bereichen oder mit Produkten, von denen sich die Unternehmen Wachstum versprechen. Lange spricht in Senftenberg oder Cottbus mit Studenten über mögliche Geschäftsideen und Firmengründungen und will von den jungen Leuten wissen, ob man sie unterstützen kann. „Eigeninitiative und Engagement müssen nachwachsen.“ Und doch irgendwie anknüpfen an andere Zeiten. Langes Vater ist in Spremberg geboren, die Vorfahren hatten einen Betrieb in der Textilindustrie.

Modernisierung durch Ausstieg

Der Innovationsförderer sieht den Kohleausstieg als „Modernisierungsprojekt“ und die Lausitz als „Musterregion“ für bestimmte industrielle Cluster. Was Leipzig mit den Werken von BMW und Porsche oder Dresden mit der Mikroelektronik geschafft haben, das wünscht sich Lange für die Lausitz, vielleicht in der „grünen“ Chemie, schließlich hat BASF schon ein großes Werk in Schwarzheide. „Zwei oder drei neue Wertschöpfungskerne muss es geben“, sagt Lange. Und weniger Bürokratie und Restriktion beim Einsatz der Fördermittel: Geld ist da, in Potsdam, Dresden und Berlin. Doch das EU-Beihilferecht blockiert an allen Ecken und Enden. Schließlich hätte Lange gerne eine „regionale Koordinierungsstruktur“, um die Ländergrenzen zwischen Brandenburg und Sachsen aufzuheben.

Angst vor der AfD

Der neue Lausitz-Beauftragte des Landes Brandenburg „wird sich eng mit dem Freistaat Sachsen und dem Bund abstimmen“. Mit Klaus Freytag den die Potsdamer Regierung im Juni bestellte, machte Ministerpräsident Dietmar Woidke die regionale Strukturentwicklung zur „Chefsache“. Die Personalie hängt zusammen mit einem Termin im Herbst 2019 – der Landtagswahl. Und da die „blanke Angst umgeht“, wie Freytag mit Blick auf die AfD sagt, die bei der Bundestagswahl in der Lausitz mehr als 20 Prozent bekam, soll er nun in der Region dem Wahlvolk vermitteln, dass die SPD-geführte Regierung in Potsdam alles für die Lausitz tut. „Wir müssen die neue Energiestory schreiben“, sagt Freytag, mit „Erneuerbaren, grünen Wasserstoff und Pipelines“. Weitere Themen seien Logistik, möglicherweise anknüpfend an das gewaltige Seidenstraßenprojekt der Chinesen, sowie Mobilität: Um die Ecke, in Zwickau baut schließlich VW Elektroautos, in Kamenz montiert Mercedes Batterien und auf dem Lausitzring könnte man das autonome Fahren testen. „Einen Grundflow reinbringen“ in die Entwicklung müsse die Kohlekommission, vielleicht durch eine Stärkung der Unis – „mal zehn zusätzliche Professorenstellen“ – und überhaupt nachhaltige Förderung über viele Legislaturperioden hinweg und unabhängig von der Zusammensetzung der Regierungen. „Der Prozess wird 15 bis 20 Jahre dauern“, schätzt Freytag. „Und die Leute haben Schiss. Auch deshalb brauchen wir Zeit.“

Revolution von unten

Freytag und die anderen Strukturpolitiker wünschen sich Leute wie Michael Freudenberg. Der 33-Jährige, in Senftenberg geboren und als Informatiker ein paar Jahre tätig für die Uni Cottbus, hat eine Firma gegründet. „Die beste Entscheidung meines Lebens.“ Im höchsten Gebäude Senftenbergs, in den Räumen einer ehemaligen Bar, hat die IT-Beratungsfirma „neuZiel“ ihre Büros. Freudenberg und seine zwei Mitarbeiter betreuen Unternehmen bei der Gestaltung der Internetseite und der Optimierung von Prozessen mit Hilfe der Digitalisierung. „Unheimlich viel Aufklärungsarbeit“ müsse man leisten, damit Unternehmer die Möglichkeiten der Datenwirtschaft verstehen und dann auch anwenden. Kunden gebe es jede Menge in Betrieben mit 20 bis 50 Mitarbeitern. Vor allem kleine Firmen seien „innovativer, als man denkt“, auch wegen junger Leute, die nicht mehr aus der Lausitz flüchteten, sondern sogar wieder zurückkämen. „Von oben muss man pushen“, glaubt auch Freudenberg an die segensreiche Wirkung von Fördergeldern und Strukturpolitik. „Doch die Revolution muss von unten kommen.“

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