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Dieselskandal : Neue Manipulations-Vorwürfe gegen Audi

Im Audi A6 soll eine zweite Betrugssoftware verbaut sein, berichtet "Spiegel Online". Betroffen seien 60.000 Autos der Modelle A6 und A7.

Zwei Fertigungsmechaniker bringen an einem Fließband im Audi-Werk das Frontende an einem Audi an.
Zwei Fertigungsmechaniker bringen an einem Fließband im Audi-Werk das Frontende an einem Audi an.Foto: Andreas Gebert/dpa

Einen Tag vor der Audi-Hauptversammlung ist der Ingolstädter Autobauer mit einem weiteren Verdacht auf Abgas-Tricksereien erneut in die Kritik geraten. Audi stoppte die Auslieferung der vor allem als Dienstwagen beliebten Modelle A6 und A7 mit 271-PS-Dieselmotor. Wie ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums bestätigte, gehen Bundesregierung und Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) entsprechenden Hinweisen nach. Zuerst hatte Spiegel Online darüber berichtet.

Der Sprecher des Verkehrsministeriums sagte: "Das KBA hat eine amtliche Anhörung wegen des Verdachts einer unzulässigen Abschalteinrichtung bei Audi V6TDI-Fahrzeugen der Modelle A6/A7 eingeleitet." Audi-Vorstandschef Rupert Stadler sagte, der jüngste Verdachtsfall sei vergangene Woche bei internen Prüfungen entdeckt und dem KBA in Flensburg gemeldet worden. Dabei soll es nach Informationen des Spiegel um eine zweite Betrugssoftware gehen, die das Abgassystem manipuliert - neben einer bereits bekannten illegalen Abschalteinrichtung.

Diese neue Manipulation soll laut Spiegel mindestens 30.000 Diesel-Fahrzeuge der Modellreihen A6 und A7 in Deutschland betreffen - und noch einmal so viele Export-Autos. Dabei gehe es um den seit 2014 eingebauten Sechszylinder-Diesel mit 271 PS. Beide Modelle werden gerade von Nachfolgemodellen abgelöst. Sie seien mit einem sogenannten SCR-Katalysator zur Reinigung der Stickoxide ausgestattet. Dieser soll mit Harnstoff, sogenanntem "AdBlue", die giftigen Stickoxide in Stickstoff und Wasserdampf aufspalten.

Produktion des Modells bereits gestoppt

Das Problem ist nun, dass die Harnstoff-Tanks bei vielen Diesel-Modellen zu klein sind, um AdBlue dauerhaft einzusetzen. So soll Audi den Katalysator so programmiert haben, dass dieser die Einspritzung selbständig drosselt, wenn die Flüssigkeit zur Neige geht - und zwar schon 2400 Kilometer bevor der Tank rechnerisch alle ist. Mit einem abgeregelten SCR-Katalysator aber funktioniert die Abgasreinigung "nicht oder nur extrem eingeschränkt", schreibt Spiegel Online. "Das giftige Gas entweicht in hohen Konzentrationen aus dem Auspuff."

Mittlerweile sei sogar die Produktion des Modells angehalten, auch die Auslieferung von bereits verkauften A6-Modellen an die Käufer könnte schon bald untersagt werden. Das bedeutet für Audi einen schweren wirtschaftlichen Schaden: Denn gerade der A6 ist als Dienstwagen ausgesprochen beliebt - wenn auch nur die Nummer 3 hinter dem BMW 5er und der E-Klasse von Mercedes. Die aktuelle Baureihe C7, bei der manipuliert worden sein soll, wird im Sommer durch das Nachfolgemodell C8 abgelöst. Nach A4 und A3 ist der A6 die drittwichtigste Baureihe von Audi.

Stadler sagte, Audi untersuche weiterhin systematisch alle Motoren. Er hatte schon im März angekündigt, dass mit weiteren Rückrufen zu rechnen sei: Für 200.000 Fahrzeuge stünden noch Prüfungen oder Bescheide aus. Für die Folgen des im Herbst 2015 aufgedeckten Dieselskandals musste Audi bereits 2,25 Milliarden Euro zurückstellen. Das KBA hat bereits für 156.000 Audis Rückrufe angeordnet. Der Autobauer muss in der amtlichen Anhörung nun seine Sicht der Dinge darlegen. Bestätigt sich der Einbau einer unzulässigen Abschalteinrichtung, drohen weitere Rückrufe.

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Sören Bartol sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Die Bosse der Automobilhersteller spielen mit ihrem guten Ruf, wenn sie seit Jahren immer nur scheibchenweise zugeben, wo sie noch manipuliert haben. So langsam bin ich es leid.“ Es sollten nun alle Hersteller „reinen Tisch“ machen und „sich endlich bei der technischen Nachrüstung von Euro 5- und Euro 6- Fahrzeugen bewegen, damit Fahrverbote verhindert werden können“.

Solche umfangreichen Nachrüstungen sind in der großen Koalition umstritten. Greenpeace-Verkehrsexperte Tobias Austrup sagte: „Unverhohlen betrügt die Autoindustrie auch mit modernsten Dieselmodellen weiter, sie tut es nur raffinierter.“ Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) könne die Hoffnung begraben, dass allein durch den Verkauf neuer Diesel die Luft in den Städten sauber werde.

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Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, prophezeite: „Es wird noch viel mehr nachkommen, auch bei anderen Autoherstellern.“ (mit dpa)

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