Digitale Gesundheits-Anwendungen : Smarter hören und besser atmen bei der Ifa

Auf der Ifa sind immer mehr digitale Medizinprodukte zu finden. Doch nur die wenigsten werden bislang von den Krankenkassen gezahlt.

Lisa Oder Anna Parrisius
Die Firma Triple W wirbt mit dem Produkt "DFree". Es soll einschätzen helfen, wann Inkontinente auf die Toilette müssen.
Die Firma Triple W wirbt mit dem Produkt "DFree". Es soll einschätzen helfen, wann Inkontinente auf die Toilette müssen.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Wahrscheinlich hört niemand gerne, dass er ein Hörgerät braucht. Martin Schaarschmidt hat schon Patienten erlebt, die Hörakustiker angefleht haben, die Diagnose nicht zu bestätigen, berichtet der Sprecher für den Hörgerät-Hersteller Resound. Statistiken über die Zahl der Hörgeschädigten in Deutschland gibt es bisher keine. Schätzungen des Deutschen Schwerhörigenbunds zufolge sind aber 19 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre betroffen. Sie hören schlechter als sie sollten. Dennoch gilt ein Hörgerät häufig als Tabu. Ein Problem, wie Schaarschmidt findet.

Und um das zu ändern, ist Resound auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa). Längst sind dort auch Innovationen aus dem Bereich der Medizintechik Bestandteil des Programms. Um mit den Vorurteilen gegenüber Hörgeräten abzubauen, hat sich die Tochterfirma der GN Gruppe aus Dänemark vor sechs Jahren dazu entschieden, die eigenen Produkte auf der Ifa auszustellen. Gleich neben dem Headset- und Kopfhörerhersteller Jabra, der ebenfalls zur GN Gruppe gehört, hat Resound seinen Stand bei der diesjährigen Ifa aufgebaut. Noch bis zum morgigen Mittwoch zeigt Resound seine Produkte neben Ständen voll mit kabellosen, lärmreduzierenden oder individuell anpassbaren Kopfhörern.

Yaser Georgos begleitet den Messeauftritt des Hörgeräteherstellers von Beginn an als Vertreter. „Ich wurde bei der Ifa schon von Kindern gefragt, ob sie so ein Hörgerät auch haben könnten“, sagt er. Zurecht, wie er findet, denn in so mancher Situation gleicht das Hörgerät nicht nur den Nachteil des Hörgeschädigten aus, es bringe sogar Vorteile. So können Betroffene beispielsweise unterwegs Musik hören und telefonieren oder Navi-Ansagen im Ohr empfangen. Neu in diesem Jahr ist ein maßgefertigtes Im-Ohr-Hörgerät. Künftig sollen Hörgeräte von Resound sich zudem den Vorlieben des Trägers anpassen. Wenn es beispielsweise im Restaurant zu laut ist, schlägt das Gerät dem Nutzer mit einer Nachricht auf dem Smartphone vor, den Umgebungslärm auszublenden.

Bislang finden sich bei der Ifa nur wenige Medizinprodukte, die auf dem deutschen Markt erhältlich sind. Viele Unternehmen aus dem Medizinbereich entscheiden sich lieber für Fachmessen wie die Reha-Care in Düsseldorf oder die OT World in Leipzig. Dennoch ist „Digital Health“ – also digitale Gesundheit – auf der diesjährigen Ifa auch abseits des ReSound-Standes allgegenwärtig. Die Grenzen zwischen medizinischem Nutzen und Selbstoptimierung scheinen dabei jedoch zu verschwimmen. So finden Besucher eine breite Auswahl an Smartwatches und Fitnesstrackern, die Puls, Schrittzahl oder neuerdings sogar die Sauerstoffsättigung messen. ´

Marcel Weigand, Vorstand des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, sieht in solchen schlauen Uhren allerdings tatsächlich einen Vorteil. Bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes könnten die gesammelten Daten die Behandlung ergänzen. Die Frage sei allerdings, inwiefern die Messergebnisse auch verlässlich sind. Hier wünscht sich Weigand mehr Transparenz für die Patienten. Eine Idee wäre beispielsweise eine Datenbank, die die Medizinprodukte auf dem Markt transparent listet und verfügbare Informationen zu deren Sicherheit bereitstellt.

Digitale Gesundheitsanwendungen sind bislang meist keine Regelleistung

Bislang werden allerdings nur wenige dieser Anwendungen von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlt. Einzelne Kassen wie die AOK Nordost bezuschussen die Wearables im Rahmen ihrer Bonusprogramme. Eine Regelleistung sind sie bisher jedoch nicht und das gilt auch für andere digitale Gesundheitsanwendungen, die bei der Ifa zu sehen sind.
Tatsächlich stellt die Verordnung über Medizinprodukte hohe Anforderungen an die Hersteller, um als Regelleistung gelistet zu werden – etwa einen derart kostenintensiven klinischen Wirksamkeitsnachweis, dass viele Hersteller von diesem Schritt absehen. Für die Hersteller ist das oft nicht lukrativ. Doch bald könnte sich das ändern. Im September soll der Bundestag ein Gesetz verabschieden, das die Zulassung digitaler Anwendungen im Gesundheitsbereich erleichtert.

Bei der Ifa gibt es so auch zahlreiche Start-ups, deren Produkte noch keine deutsche Krankenkasse übernimmt oder bezuschusst. Die Firmen zeigen beispielsweise Kopfhörer mit einer EKG-Überwachungstechnologie und einem ansteckbaren Rücken-Coach, der via App Haltungstipps für den Büro-Alltag schickt. Die Firma Triple W aus Japan stellt ihr Produkt „DFree“ vor. Der Name steht für „diaper free“, übersetzt „windelfrei“. Menschen, die an Inkontinenz leiden, können sich den Sensor auf den Bauch kleben. Der soll anschließend durch Ultraschall messen, wie voll die Blase ist. Zur Zielgruppe gehören alte Menschen und Menschen mit Behinderungen.
Das Gerät soll genau berechnen können, wann der Träger zur Toilette gehen muss. Nutzer erhalten dann eine Benachrichtigung auf ihr Smartphone. „In Japan pflegt rund ein Drittel der Menschen seine Angehörigen zuhause“, sagt Yuhei Urabe, Generaldirektor von Triple W Europe. „Ihnen soll unser Produkt die Arbeit erleichtern.“ Auch professionellen Pflegern könne der Sensor nutzen. 3000 Anwender gäbe es aktuell weltweit. Als Medizinanwendung sei „DFree“ bislang in Deutschland noch nicht anerkannt.

Noch kleiner als der Blasensensor kommt ein Produkt der Firma ible Technology daher: Nur 20 Gramm wiegt die ungewöhnliche Halskette des taiwanischen Unternehmens. Sie soll Pollen- und Tierhaar-Allergikern das Leben erleichtern, indem sie diese Stoffe ebenso wie Bakterien, Abgase und Rauchpartikel vertreibt. Elaine Lin von Ible Technology erklärt, wie das funktioniert: „Ein kleines Gerät an der Kette strahlt negativ geladene Ionen ab.“ Kleinste Partikel wie Pollen oder Hausstaubmilben sollen sich aneinanderheften und noch vor dem Einatmen zu Boden fallen. Der Vorteil gegenüber herkömmlichen Raumfiltern sei, dass die Kette auch unterwegs funktioniere und direkt am Gesicht wirke. Wer daran auf der Ifa allerdings Gefallen findet, muss sich bislang gedulden; in Deutschland ist die Luftreinigungskette noch nicht erhältlich.

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