DIW-Studie : Der Aufschwung kommt unten nicht an

Die Wirtschaft in Deutschland brummt seit Jahren, die Arbeitslosigkeit ist gering. Wer davon profitiert? Die, denen es ohnehin gut geht.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Hände eines alten Menschen halten Geld, aufgenommen am 04.02.2013 in Leipzig. Zum ersten Mal seit langer Zeit wird es wieder richtige Verbesserungen für Rentner geben - freilich nicht für alle. Foto: Sebastian Willnow/dpa (zu dpa "Teure Rentenreform mit Wirkungen und Nebenwirkungen" vom 16.01.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Der anhaltende Wirtschaftsaufschwung in Deutschland kommt einer Studie zufolge bei weitem nicht bei allen Menschen an. Demnach sind zwischen 1991 und 2015 die real verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Davon haben laut Untersuchung die meisten Einkommensgruppen profitiert – nur nicht die untersten. Das geht aus einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor. Basis sind die aktuellsten verfügbaren Daten der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel.

Die Studie wertet die Daten über die Einkommensentwicklung von 1991 bis 2015 aus – mit extrem unterschiedlichen Entwicklungen: Im zweituntersten Zehntel (Dezil) stagnieren die Einkommen über die Jahre hinweg, im untersten Zehntel sind sie seit 1991 sogar zurückgegangen. Diese Menschen haben real rund 640 Euro im Monat zum Leben. Das oberste Zehntel konnte seine Einkommen hingegen um 30 Prozent steigern – deutlich mehr als alle anderen Bevölkerungsgruppen. Im dritten Dezil von unten betragen die Einkommenszuwächse fünf Prozent, in der Mitte liegen sie zwischen fünf und knapp 20 Prozent bei Gutverdienern. Als Gründe nennen die Autoren den wachsenden Niedriglohnsektor, den steigenden Anteil alter Menschen mit niedrigen Renten und die Zuwanderung.

DIW: Das Armutsrisiko ist gestiegen

Wer neu im Land sei, fange „in aller Regel mit einem niedrigen Einkommen an“, sagte der Autor Jan Goebel. In den zwei unteren Zehnteln der Bevölkerung liege der Ausländeranteil bei etwa einem Viertel. Die Studie zeigt aber auch, dass sich die Lage der Einwanderer verbessert, je länger sie in Deutschland sind. Seit 2000 seien zunehmend gut qualifizierte Zuwanderer gekommen, die schnell höhere Einkommen erzielten. Die Flüchtlinge, die 2015 bis 2017 nach Deutschland kamen, sind in der Untersuchung noch nicht erfasst.

Die Studie des DIW kommt zu einem weiteren Schluss: In den vergangenen Jahren sei das Armutsrisiko in Deutschland gestiegen. Der Richtwert für Armutsgefährdung wird demnach bei einem verfügbaren Nettohaushaltseinkommen von 1090 Euro im Einpersonenhaushalt festgesetzt. Im Jahr 2015 habe das Einkommen von 16,8 Prozent der Bevölkerung diese Schwelle unterschritten; das sind 0,8 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. In den Neunzigerjahren habe die Armutsrisikoquote elf Prozent betragen. Auch diese Entwicklung sei aus Sicht der Autoren zu einem Teil auf die gestiegene Zuwanderung zurückzuführen: Beinahe jede dritte Person mit direktem Migrationshintergrund sei armutsgefährdet.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht von einem „verteilungspolitischen Versagen“. Kerstin Andreae, Grünen-Sprecherin für Wirtschaftspolitik, meinte: „Dass der wirtschaftliche Aufschwung an den sozial Schwächsten vorbeigeht und sich deren wirtschaftliche Situation mitunter sogar verschärft, muss für die Bundesregierung Anlass sein, vom ineffektiven Gießkannenprinzip in der Sozialpolitik Abstand zu nehmen.“ Es brauche zielgenaue sozialpolitische Maßnahmen für bezahlbares Wohnen, Aus- und Weiterbildung, und gegen Kinder- und Altersarmut.

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