Draghi-Nachfolge : Warum Weidmann es nicht wird

Der Nachfolger von Mario Draghi an der Spitze der EZB wird kein Deutscher. Auch deswegen, weil Kanzlerin Angela Merkel das nicht unterstützt.

Jens Weidmann (50) am Donnerstag in Berlin.
Jens Weidmann (50) am Donnerstag in Berlin.Foto: Hannibal Hanschke/Reuters

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat sich immer zurückgehalten, wenn es darum ging, wer Mario Draghi im November 2019 als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) beerben sollte. Obwohl ihn die Aufgabe reizen würde. „Die EZB hat nur ein Ziel, nämlich Preisstabilität zu sichern. Unabhängig von der Person des Präsidenten müssen sich die Bürger im Euro-Raum darauf verlassen können“, sagte Weidmann kürzlich in einem Interview. Da muss der 50-Jährige schon gewusst haben, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) seine Kandidatur nicht unterstützen würde. Auch wenn sie Weidmann sehr schätzt, schließlich hat er jahrelang für Merkel im Kanzleramt gearbeitet. Doch die Bundeskanzlerin hat andere Prioritäten: Die Besetzung der EU-Kommission ist ihr wichtiger als die EZB.

Die Bundesbank kommentiert das mutmaßliche EZB-Aus für Weidmann nicht. Auch der Präsident selbst sparte das Thema am Donnerstag in Berlin vor dem Verein der ausländischen Presse aus. Beobachter in Frankfurt am Main sind indes nicht wirklich überrascht. Er habe einen Deutschen und damit Weidmann nie für das wahrscheinlichste Szenario für die Nachfolge von Draghi gehalten, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Natürlich hätte Kanzlerin Angela Merkel einen hohen Preis für Jens Weidmann zahlen müssen, der im Süden der Währungsunion wegen seiner Stabilitätsorientierung unbeliebt ist.“

Weil die Ursachen der Staatsschuldenkrise nach wie vor nicht behoben seien, würden die Regierungen im Euro-Raum weiter auf Schützenhilfe durch eine geldpolitisch weich ausgerichtete EZB drängen, sagt Krämer. „Falken wie Weidmann haben deshalb ebenso wenig eine Chance wie der ehemalige Bundesbank-Präsident Axel Weber.“ Der war damals als Nachfolger von Draghi-Vorgänger Jean-Claude Trichet gehandelt worden. Ähnlich sieht es Thomas Heidorn, Bankenprofessor an der Frankfurt School of Finance. Das sei zu erwarten gewesen, die von Weidmann vertretene strikte Geldpolitik habe keine Mehrheit im EZB-Rat. Commerzbank-Ökonom Krämer nennt den französischen Notenbank-Chef François Villeroy de Galhau oder den Finnen Errki Liikanen als mögliche Nachfolger Draghis. „Aber wer das genau sein wird, lässt sich heute schwer prognostizieren.“

Er wird international sehr geschätzt

Klar ist für Krämer: Weil Weidmann aus dem Rennen ist, „rückt der Kurswechsel an der Spitze der EZB in weite Ferne“. Bislang erwarten Ökonomen, dass die EZB den Leitzins frühestens im Spätsommer 2019 erhöht. Seit März 2016 steht der Zins bei null, worunter auch die Sparer zu leiden haben. In der europäischen Bankenaufsicht muss noch früher eine Nachfolge geklärt werden als bei der EZB. Die aktuelle Chefin, die Französin Danièle Nouy, scheidet zum Jahresende aus. Ihrer Stellvertreterin, Sabine Lautenschläger, ehemalige Bundesbankerin, werden durchaus Chancen eingeräumt.

Für Weidmann, der international geschätzt wird wegen seiner fachlichen Kompetenz, dürfte die Nicht-Berücksichtigung an der EZB-Spitze nicht unerwartet kommen. Schließlich ist ihm die Konstellation mit der Neubesetzung diverser politischer Ämter im nächsten Jahr in Europa und das politische Tauziehen darum bewusst. Im Rat der EZB wird er seine kritische Stimme weiter erheben. Am Donnerstag betonte er einmal mehr, dass es für die Zentralbank an der Zeit sei, „sich an den Ausstieg aus der sehr expansiven Geldpolitik und den Sondermaßnahmen zu machen, insbesondere wenn man die möglichen Nebenwirkungen mit in den Blick nimmt“. Zugleich appellierte er an die Politik, für solide öffentliche Finanzen zu sorgen.

Seit 2011 leitet Weidmann die Bundesbank

Weidmann hat immer wieder durchblicken lassen, dass ihm die Arbeit als Bundesbank-Präsident gut gefällt und er sich in der Rolle wohlfühlt. Wenn er gefragt werde, ließ er im vergangenen Jahr durch seinen Sprecher verlauten, stehe er selbstverständlich für eine zweite Amtszeit zur Verfügung. Seit Mai 2011 leitet Weidmann die Bundesbank, im April nächsten Jahres endet seine achtjährige Amtszeit. Im Gegensatz zum Job an der Spitze der EZB kann das Mandat des Bundesbank-Präsidenten verlängert werden.

Weidmann ist im Übrigen auch auf internationaler Ebene ein wichtiger Vertreter seines Heimatlandes:, und das nicht nur als Mitglied im Rat der EZB. Er ist Gouverneur beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und Weidmann leitet den Verwaltungsrat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. In der Bundesbank wäre man erfreut, wenn der zweifache Familienvater weitere acht Jahre an der Spitze bliebe. Die rund 10 000 Beschäftigten der Bundesbank schätzen Weidmann, weil ihm jegliche Allüren fremd sind, er freundlich auftritt und die Bank umsichtig leitet. Und weil er seinen Mitarbeitern zuhört. In Gesprächsrunden steht er den Beschäftigten in Frankfurt und in den Hauptverwaltungen regelmäßig Rede und Antwort. Unter kaum einem anderen Präsidenten war die Atmosphäre in der Bundesbank so angenehm wie unter Weidmann.

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