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Drei Tote, 37 Kranke durch Gammelwurst : Was der Fall Wilke über unser Kontrollsystem sagt

Behörden wussten seit Jahren von schweren Hygienemängeln bei Wilke. Jetzt gerät in weiteres Unternehmen in den Fokus. Experten fordern grundsätzliche Reformen.

Geschlossen: Seit Oktober darf Wilke nicht mehr produzieren.
Geschlossen: Seit Oktober darf Wilke nicht mehr produzieren.Foto: dpa

Listerien sind stäbchenförmige Bakterien. Man findet sie nahezu überall. Die Erreger stecken im Kot von Menschen und Tieren, bis zu zehn Prozent der Bundesbürger sind Träger. Listerien sind Überlebenskünstler und vermehren sich sogar im Kühlschrank.

Für gesunde Menschen sind die Bakterien nicht gefährlich. Schlimmstenfalls bekommt man grippeähnliche Symptome wie Fieber und Muskelschmerzen oder Erbrechen und Durchfall.

Hygienemängel: Schimmel auf den Deckeln frisch eingelegten Schinkenfleisches vor dem Kochen.
Hygienemängel: Schimmel auf den Deckeln frisch eingelegten Schinkenfleisches vor dem Kochen.Foto: „Waldeckische Landeszeitung"

Dramatisch kann der Kontakt mit den Erregern jedoch für Menschen sein, deren Immunsystem geschwächt ist, und für Schwangere. Listerien können beim ungeborenen Kind Hirnhautentzündungen, Blutvergiftungen, Früh- und sogar auch Totgeburten auslösen. Drei Menschen sind in Deutschland durch Listerien gestorben, 37 weitere sind krank geworden.

Sie haben Produkte gegessen, die aus der hessischen Wurstfabrik Wilke stammen und mit Listerien verseucht waren. Wilke hatte Wurst, aber auch vegetarische Aufstriche unter seinem eigenen Namen, aber auch unter 13 weiteren Markennamen verkauft. Für alle Produkte gibt es einen öffentlichen Rückruf.

Das Problem: Der Produzent hat nicht nur Supermärkte, sondern auch Uni-Mensen oder Kliniken beliefert. Über einen Großhändler ist Wilke-Aufschnitt auch in den Restaurants von Ikea gelandet, die inzwischen aber einen neuen Lieferanten haben. Auch in Fertigprodukten sollen Wilke-Zutaten stecken.

Plötzlich tauchen 1,6 Tonnen Grillfleisch auf

Doch welche das sind, kann das zuständige hessische Verbraucherschutzministerium nicht sagen. Man könne immer nur eine Produktionsstufe zurück verfolgen, heißt es im Ministerium. In Wiesbaden geht man aber davon aus, dass von dem Rückruf auch alle Fertigprodukte erfasst sind.

Doch sicher ist das nicht: So tauchten am Freitag plötzlich 1,6 Tonnen Grillfleisch von Wilke auf, die bis dahin niemand auf dem Schirm gehabt hatte. Entdeckt wurde das Fleisch durch einen anonymen Hinweis, der wohl schon Mitte Oktober im Regierungspräsidium Kassel eingegangen war.

Dabei hatte Hessens grüne Verbraucherschutzministerin Priska Hinz noch am Donnerstag erklärt, dass keine Wilke-Ware mehr im Umlauf sein dürfte. „Keine 24 Stunden später erfährt die Öffentlichkeit: Hoppla, da waren vielleicht doch noch bis zu 1,6 Tonnen“, ätzt Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch.

Auf der Suche nach Wilke-Wurst: Priska Hinz (Bündnis 90/Die Grünen), hessische Verbraucherschutzministerin.
Auf der Suche nach Wilke-Wurst: Priska Hinz (Bündnis 90/Die Grünen), hessische Verbraucherschutzministerin.Foto: dpa

Für Foodwatch ist der Fall Wilke ein Zeichen für das „Totalversagen“ der Lebensmittelaufsicht. Tatsächlich zeigt ein Bericht der hessischen Task Force für Lebensmittelsicherheit, in der Lebensmittelchemiker, Tierärzte, ein Lebensmittelkontrolleur und weitere Fachleute zusammenarbeiten, wie gravierend die hygienischen Zustände bei Wilke waren.

Die Experten hatten den Betrieb am 2. Oktober besucht, einen Tag nach dessen Schließung durch die Behörden. Sie fanden Mäusekot in einem Kühlraum, vergammelte Fleischsaftreste in einem Aufzug, dreckige Maschinen, Schimmel, Rost, Kalk und Schmutz. In offene Wannen und Wagen, in denen unverpacktes Fleisch transportiert wurde, tropfte Kondenswasser, beim Öffnen der Aufzugtür schlug den Kontrolleuren Verwesungsgeruch entgegen.

1500 Lebensmittelkontrolleure fehlen in Deutschland, sagt der Verband. In Berlin sind Stellen unbesetzt.
1500 Lebensmittelkontrolleure fehlen in Deutschland, sagt der Verband. In Berlin sind Stellen unbesetzt.Foto: dpa

Dass Wilke Probleme hat, ist nicht neu. Bereits seit 2012 gab es immer wieder Beanstandungen. Mal fanden Kontrolleure Salmonellen, mal Listerien, mal wurden „erhebliche Hygienmängel“ beanstandet. Viel passiert ist nicht – außer Bußgeldern und der Auflage, den Laden zu säubern. Erst nach den Todesfällen haben die Behörden den Betrieb geschlossen, gegen den Geschäftsführer wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Auch Fleisch-Krone Feinkost ruft Produkte zurück

Doch Wilke ist kein Einzelfall. Am Wochenende wurde ein weiter Verdachtsfall eines anderen Unternehmens bekannt: Die Firma Fleisch-Krone Feinkost rief Anfang November vorsorglich Frikadellen wegen des Verdachts auf Listerien zurück. Vom Verzehr der Produkte werde dringend abgeraten, hieß es. Die Ware mit der Bezeichnung „Gut Bartenhof“ sei an Norma-Filialen in Aichach (Bayern), Rossau (Sachsen), Ahrensfelde (Brandenburg), Dettingen (Baden-Württemberg), Rheinböllen (Rheinland-Pfalz) und Kerpen (Nordrhein-Westfalen) geliefert worden. Andere, möglicherweise betroffene Produkte, wurden nach Angaben von lebensmittelwarnung.de in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ausgeliefert. Die Behörden haben den Betrieb vorerst geschlossen.

Welche Reformen die Politik plant

In Hessen will Hinz will nun die Lebensmittelüberwachung reformieren. Es soll mehr unangekündigte Kontrollen geben und man will den für die Überwachung zuständigen Kreisen stärker auf die Finger schauen. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) plant derweilen einheitliche Meldeformate der Unternehmen, um Produktrückrufe zu beschleunigen, und will eine zentrale IT-Infrastruktur für den Informationsaustausch zwischen den Behörden aufbauen. An die Länder, die für die Lebensmittelaufsicht zuständig sind, appelliert Klöckner zudem, genug Personal bereit zu stellen. „Wenn es um die Gesundheit der Menschen geht, darf nicht gespart werden“, sagt sie.

1500 Kontrolleure fehlen bundesweit, in Berlin sind Stellen nicht besetzt

Doch in den Behörden fehlt Personal. 2500 Lebensmittelkontrolleure gibt es bundesweit. „Wir fordern seit Jahren zusätzliche Stellen, mindestens 1500 Lebensmittelkontrolleure mehr“, sagte Maik Maschke, Vizechef des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, dem Tagesspiegel. In Berlin, wo die Lebensmittelkontrollen von den Bezirken übernommen werden, sind von 103 Planstellen 15 unbesetzt.

Dabei gäbe es auch in der Hauptstadt einiges zu tun. Mehr als 50.000 Betriebe haben in Berlin mit Lebensmitteln zu tun, im Jahr 2018, neuere Zahlen gibt es nicht, wurden gerade einmal gut 18.000 kontrolliert. Rund 5000 Betriebe wurden beanstandet – davon die meisten wegen Problemen mit der Hygiene.

Foodwatch fordert, dass künftig alle Kontrollergebnisse veröffentlicht werden sollen, und will eine grundsätzliche Reform der Organisation. Statt der Kreise sollte eine unabhängige Länderbehörde zuständig sein. Denn sonst könne es sein, dass die Kontrolleure aus Angst davor, dass Arbeitsplätze verloren gehen, nicht hart genug durchgreifen, befürchten die Verbraucherschützer.

Kontrollen sollen dezentral bleiben, meint Berlins Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen).
Kontrollen sollen dezentral bleiben, meint Berlins Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen).Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlins Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Grüne) glaubt jedoch nicht, dass in den Flächenstaaten eine zentrale Länderbehörde funktioniert. „Schließlich müssen die Kontrolleure vor Ort sein“, sagte Behrendt dem Tagesspiegel. In komplizierten und risikobehafteten Fällen solle man den Kontrolleuren aber eine Task Force zur Seite stellen, schlägt der Senator vor.

Maik Masche vom Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure fordert eine bessere Vernetzung der Behörden und einheitliche Datenformate, um Rückrufe zu erleichtern. Zudem müsse das Länderportal lebensmittelwarnung.de „verbraucherfreundlicher und moderner werden“. Maschke wünscht sich eine App mit Warnfunktion. „Auch eine zentrale Telefonhotline, über die Verbraucher Informationen erhalten können, ist notwendig“, sagt der Experte.

Was Verbraucher tun können

Hände weg von Wilke-Waren. Man erkennt diese an der Betriebsnummer DE EV-203 EG auf der Verpackung. Die Produkte sind auch unter den Namen Aro, Casa, Domino, Findt, Haus am Eichfeld, Korbach, Metro Chef, Pickosta, Rohloff Manufaktur, Sander Gourmet, Schnittpunkt und Service Bund „Servisa“ in den Handel gekommen. Ein Markenliste finden Sie hier, eine Produktliste hier.

Gut durchbraten: Hackfleisch sollte man nicht roh essen, um einer Infektion mit Listerien zu entgehen.
Gut durchbraten: Hackfleisch sollte man nicht roh essen, um einer Infektion mit Listerien zu entgehen.Foto: picture alliance / dpa

Einer Infektion durch Listerien können Sie vorbeugen, indem Sie Fleisch- und Fischgerichte vollständig durchgaren, Rohmilch abkochen, Hackfleisch nicht roh verzehren. Schwangere sollten vorsorglich gar kein rohes Fleisch essen, keine rohe Milch trinken und bei Käse die Rinde entfernen.

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