Wirtschaft : Ein Ultimatum und viele Buh-Rufe

2000 Schering-Mitarbeiter lassen auf der Betriebsversammlung Frust über den Stellenabbau ab

Moritz Honert u. Maren Peters

Berlin - Es war kein freundlicher Empfang für Arbeitsdirektor Werner Baumann. Mit Pfiffen und Buh-Rufen begrüßten rund 2000 Mitarbeiter den Konzernvertreter von Bayer Schering Pharma im Berliner Admiralspalast, wo der Betriebsrat am Freitag ab zehn Uhr zu einer Betriebsversammlung geladen hatte. Der Saal war dem Ansturm allerdings nicht gewachsen, er war schlicht zu klein für alle. So mussten viele Mitarbeiter vor der Tür des Theaters warten, in dem sonst Max Raabe singt, während die Kollegen drinnen darauf warteten, über Details der Übernahme aufgeklärt zu werden.

Sie hatten sich lange gedulden müssen. Im vergangenen Jahr hatte der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern Bayer die Berliner Antibabypillen-Produzenten Schering für knapp 17 Milliarden Euro gekauft, aber erst an diesem Mittwoch die Streichung von 950 Arbeitsplätzen in Berlin bekannt gegeben. Welcher Arbeitsplatz davon betroffen sein würde, sollten die Mitarbeiter am Freitag erfahren. So hatte Bayer das zumindest angekündigt.

Doch wer Aufklärung über sein persönliches Schicksal erwartet hatte, wurde enttäuscht. „Wer seinen Job behalten kann und wer nicht, hat uns hier niemand gesagt“, sagte ein Mitarbeiter nach der mehr als zweistündigen Veranstaltung enttäuscht. „Das war alles total schwammig“, sagte ein anderer, der seit 23 Jahren bei Schering arbeitet. „Wir haben hier heute nichts erfahren, was wir nicht schon aus der Zeitung wussten.“ Nachdem Arbeitsdirektor Baumann mit den Zahlen nicht herausrücken wollte, habe Betriebsratschef Norbert Deutschmann schließlich gesagt, welche Abteilungen wie stark von dem Jobabbau betroffen sein werden. Dass Bayer Schering Pharma – so heißt das neue Unternehmen seit Dezember – zugesagt hat, bis Mitte 2008 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, tröstete niemanden – obwohl der Konzernvorstand am Freitag erneut zusagte, auch danach „sozialverträglich“ vorzugehen.

Bei vielen ist die Lebensplanung durcheinandergeraten, seit der vermeintlich sichere Schering-Arbeitsplatz durch die Übernahme plötzlich auf der Kippe steht. „Ich habe zwei Kinder und ein Haus. Wie es jetzt weitergeht, und ob ich meine Arbeit behalten kann, ist aber auch nach der Sitzung völlig unklar“, sagte ein Schering-Mitarbeiter. Er wurde zunächst auf den Nachmittag vertröstet. Dann wollte der Konzern die einzelnen Abteilungen informieren. „Warum bin ich dann überhaupt hergekommen?“ fragte der Mann.

Er konnte im Anschluss wenigstens seinem Betriebsratschef Deutschmann zuhören, der den vorgesehenen Stellenabbau vor den Fernsehkameras als „inakzeptabel“ kritisierte. Deutschmann setzte dem Vorstand eine Frist bis zum 13. März, um eine Vereinbarung über die Eckpunkte der Verschmelzung von Schering und Bayer abzuschließen.

Vorerst ließen die „Scheringianer“, wie sie sich selbst früher voller Stolz nannten, ihren Frust in einem Protestmarsch ab. Nach der Betriebsversammlung zogen sie im Regen vom Admiralspalast durch die Friedrichstraße Richtung Firmenhauptsitz im Wedding. Dort ging die Demonstration gegen 14 Uhr zu Ende.

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