Energiewende : Europa sucht den Super-Strom

Brüssel dringt auf die Energieunion. Deutsche Unternehmen müssen mit neuen Regeln rechnen, Verbraucher profitieren.

Tom Weingärtner
Auf der Satellitenkarte ist Europa ein Strommarkt ohne Grenzen – die Wirklichkeit sieht aber noch anders aus.
Auf der Satellitenkarte ist Europa ein Strommarkt ohne Grenzen – die Wirklichkeit sieht aber noch anders aus.Foto: Guillaume Le Bloas/stock.adobe

Die Energieunion gehört zu den wichtigsten politischen Projekten der EU-Kommission. Die engere Abstimmung soll eine sichere, preiswerte und klimaschonende Energieversorgung garantieren. „Dank dieser Politik haben wir weltweit die Führung im Bereich erneuerbare Energien übernommen“, sagte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im September vor dem Europäischen Parlament. „Europäische Unternehmen halten 40 Prozent der Patente für erneuerbare Energien und der rasche technologische Wandel schafft Möglichkeiten für den weltweiten Handel mit grünen Technologien.“

Schon bald muss sich die Energiewirtschaft auf neue EU-Vorschriften einstellen: Aktuell beraten der Ministerrat und das Parlament ein Gesetzespaket, um die ehrgeizigen Ansprüche zu untermauern. Damit die Kosten dafür nicht aus dem Ruder laufen, setzt die EU-Kommission auf mehr Wettbewerb. Für die Konsumenten eröffnen sich dadurch neue, vielfältige Möglichkeiten. So kann ein Haushalt Geld sparen, wenn er Waschmaschine und Trockner laufen lässt, wenn wenig Strom nachgefragt wird, etwa nachts. Ein Klick auf eine App könnte künftig genügen, um zu sehen, wie teuer der eigene Strom gerade ist.

Bei der Umsetzung hofft Brüssel auf Unterstützung aus Berlin. Die Öffnung des deutschen Elektrizitätsmarktes für den Wettbewerb ist zwar nicht gerade exemplarisch, gemessen an anderen EU-Staaten ist Deutschland aber Pionier. Auch deshalb sieht die Kommission die Bundesrepublik als Verbündeten in der Klimapolitik. Brüssel geht es darum, die Senkung der Treibhausgase international auf der Tagesordnung zu halten – ohne die Attraktivität Europas als Wirtschaftsstandort zu gefährden.

Deutschland kann seinen Klimaplan nicht mehr in Eigenregie aufstellen

Das treibt auch die Bundesregierung um. Als größtes Industrieland der EU hat Deutschland ein hohes Interesse daran, dass Energie erschwinglich bleibt. Stark steigende Energiekosten könnten die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen beeinträchtigen. In Brüssel ist man deshalb ebenso wie in Berlin bemüht um die richtige Balance zwischen klimapolitischen Ambitionen und Wirtschaftswachstum. Und zählt dabei auf die gleichen Instrumente: einen besseren Wettbewerb und Subventionen.

Mit ihrem Gesetzespaket „Saubere Energie“ versucht die Kommission, ein neues Gleichgewicht zu finden zwischen den Erfordernissen der Energieunion, die in einem Energiebinnenmarkt münden könnte und dem Verzicht auf fossile Energieträger. Darauf müssen sich auch die deutschen Energieerzeuger und -verbraucher genauso einrichten wie Netzbetreiber, Verbände und Behörden.

Bislang hatten die Mitgliedsstaaten für die Senkung ihrer Treibhausgase und den Ausbau der erneuerbaren Energien verbindliche Ziele. Für 2030 gibt es eine solche Vorgabe nur noch für den CO2-Ausstoß: minus 38 Prozent für Deutschland. Allerdings will die EU insgesamt auch ihren Energieverbrauch um einen festen Wert senken und den Anteil der erneuerbaren Energien auf einen festen Wert anheben. Von den Mitgliedsstaaten wird erwartet, dass sie dabei enger als bisher zusammenarbeiten. Deutschland kann seinen nationalen Klimaplan deswegen in Zukunft nicht mehr in Eigenregie aufstellen, sondern muss sich eng mit seinen Nachbarn und der EU-Kommission abstimmen. Um die Fördermittel nach dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) dürfen sich bald auch Anbieter aus anderen EU-Staaten bewerben.

Nachbarländer sollen bei Stromversorgung kooperieren

Um die Energieeffizienz zu verbessern, nimmt die EU vor allem die Behörden, die öffentlichen Körperschaften und die Energieversorger der Mitgliedsstaaten in die Pflicht. Letztere müssen den Energieverbrauch ihrer Kunden um ein bis eineinhalb Prozent pro Jahr senken. Über den genauen Wert müssen sich Ministerrat und Parlament noch einig werden. Von den öffentlichen Einrichtungen wird erwartet, dass sie ihre Immobilien schneller modernisieren als bislang, um den Energiebedarf von Schulen, Krankenhäusern oder Verwaltungsgebäuden zu reduzieren. Alleine in Deutschland sollten dafür nach dem Vorschlag der Kommission rund sieben Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben werden. Das von Brüssel verordnete Modernisierungsprogramm für öffentliche Gebäude, das wegen der hohen Kosten im Ministerrat und im Parlament auf Widerstand stößt, wird deshalb voraussichtlich etwas bescheidener ausfallen. In Brüssel erwartet man außerdem, dass die energetische Sanierung von Privathäusern durch Steuervergünstigungen oder andere Subventionen beschleunigt wird.

Ihre Versorgungssicherheit sollen die Mitgliedsstaaten nicht mehr national garantieren, sondern in Kooperation mit ihren Nachbarn. Reservekraftwerke für die „Dunkelflaute“, wenn weder Solar- noch Windstrom zur Verfügung stehen, sollen auch die Nachbarstaaten beliefern. Dadurch können Subventionen für die sogenannte Kapazitätsreserve eingespart werden. Allerdings müssen solche Subventionen dann auch an Kraftwerke in den Nachbarstaaten gezahlt werden.

Deutschland, das von allen EU-Staaten die meisten Nachbarn hat, soll dabei mit gutem Beispiel vorangehen. In Berlin tut man sich damit nicht immer leicht. So stoßen die Vorschläge der EU-Kommission zum Aufbau regionaler Operationszentren (ROC), in denen die Netzbetreiber (TSO) ganzer Regionen grenzüberschreitend zusammenarbeiten sollen, in Deutschland auf besonders nachhaltigen Widerstand. Die ROC sollen dafür sorgen, dass immer genug Kraftwerke am Netz sind. In Berlin möchte man, dass dafür die deutschen Netzbetreiber zuständig bleiben. Deshalb werden die Kompetenzen der bereits bestehenden Sicherheits-Koordinatoren (RSC) am Ende wohl nur gering ausgeweitet werden.

Die EU verlangt neue Regeln für den Handel mit Strom

Das bedeutet aber nicht, dass alles beim Alten bleibt. Dem Elektrizitätsmarkt von morgen will die Kommission ein neues Design verpassen. Weil Strom aus Wind und Sonne, der nur zeitweise zur Verfügung steht, größere Bedeutung bekommt, müssen die Regeln für den Handel mit Strom angepasst werden. Dazu gehören auch die sogenannten Kapazitätsmärkte, auf denen nicht mit elektrischer Leistung gehandelt wird, sondern mit der Bereitschaft, Kraftwerke am Netz zu halten, die man sonst nicht mehr betreiben würde. Es geht dabei um Flexibilität: Nicht nur die Stromanbieter passen sich der Nachfrage an, sondern auch umgekehrt – private Haushalte und Unternehmen tragen zum Lastenausgleich bei, indem sie ihren Stromverbrauch zeitlich verlagern. Die Versorger sollen ihnen dafür Anreize bieten.

In Brüssel erwartet man, dass die Kunden der Energieversorger durch „intelligente Stromzähler“ in die Lage versetzt werden, ihren Stromverbrauch zeitnah zu erheben und anzupassen. Die Gebühren sollen so gestaltet werden, dass es sich auch lohnt, das Netz zu entlasten, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Der Autor schreibt für das unabhängige Fachmedium "Energie & Management".

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