Entscheidend ist der Verbraucher : Wie sehr schadet ein weißes T-Shirt der Umwelt?

Forscher haben die Ökobilanz eines handelsüblichen T-Shirts errechnet. Entscheidend ist demnach nicht so sehr die Produktion.

Nicht nur die Produktion eines T-Shirts hat Auswirkungen auf die Umwelt.
Nicht nur die Produktion eines T-Shirts hat Auswirkungen auf die Umwelt.Getty Images/iStockphoto

Dass die Herstellung von Kleidungsstücken die Umwelt stark belasten kann, ist bekannt. Schon lange beklagen Umweltverbände und Verbraucherschützer, dass giftige Chemikalien sogar bei Textilien verwendet werden, die im Geschäft als nachhaltig angepriesen werden. Auch die Tatsache, dass ein T-Shirt in der Herstellung in häufig wasserarmen Regionen laut Angaben der Caritas im Schnitt 4100 Liter Wasser benötigt, nährt die Kritik an den Umweltauswirkungen der Textilindustrie.

Forscher der TU Berlin haben nun allerdings herausgefunden, dass ein großer Teil der Ökobilanz davon bestimmt wird, wie die Verbraucher mit ihren Kleidungsstücken umgehen. „Das 44-malige Waschen und Trocknen eines weißen Baumwoll-T-Shirts trägt genauso viel zum Treibhauspotenzial und zur potenziellen Wasserverknappung bei wie dessen Herstellung, Vertrieb und Entsorgung“, heißt es in der Studie, die in dieser Woche vorgestellt und im Auftrag des Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel e. V. (IKW) durchgeführt wurde.

Als Untersuchungsgegenstand wählten die Forscher ein weißes 150 Gramm schweres T-Shirt aus Baumwolle, das nicht in Europa hergestellt, aber in Deutschland gekauft und nach 44-maligem Waschen und Trocknen entsorgt wird. Bei der Bemessung der Ökobilanz betrachteten sie aber eben nicht nur die Herstellung, sondern den gesamten Lebensweg von der Produktion über den Transport bis hin zur Pflege durch Waschen und Trocknen und der Verwertung und Entsorgung des T-Shirts in Deutschland.

Energieverbrauch von Waschmaschinen und Trocknern

Das Ergebnis nimmt die Verbraucher in die Pflicht: Gut die Hälfte der potenziellen Auswirkungen in Hinblick auf Treibhauseffekt und Wasserknappheit geht demnach auf das Waschen und Trocknen zurück. „Die Wäschepflege trägt somit genauso viel zum ermittelten Treibhauspotenzial und potenziellen Wasserverknappung des T-Shirts bei wie dessen Herstellung, Vertrieb und Entsorgung“, sagt einer der beiden Studienautoren, Martin Roffeis. Auch bei den Fragen des Ressourcenverbrauchs und der umgangssprachlichen Vergiftung der Umwelt beeinflusst der Umgang der Verbraucher mit den Textilien die Ökobilanz anteilig mit 15 bis 24 Prozent.

Ausschlaggebend für die schlechte Umweltbilanz der Wäschepflege ist der Studie zufolge vor allem der Energieverbrauch der Waschmaschine und des Wäschetrockners. Dabei wurde berücksichtigt, dass fossilen Brennstoffe wie Braunkohle und Steinkohle in der deutschen Stromerzeugung eine wichtige Rolle zukommt, die wiederum erhebliche Mengen an Wasser etwa für den Betrieb von Turbinen oder zur Kühlung benötigt. Auch die Waschmittelherstellung trägt laut Studie knapp acht Prozent zum gesamten Ressourcenverbrauch bei.

Mit 30 statt mit 60 Grad waschen

Was können Verbraucher machen, um die Ökobilanz ihrer Kleidung zu verbessern? „Wer mit 30 Grad Celsius wäscht anstatt mit 60 Grad Celsius verringert das Treibhauspotenzial um etwa 37 Prozent“, heißt es dazu. „Und bei voller Beladung mit sieben Kilogramm Wäsche anstatt nur mit halber Beladung, also 3,5 Kilogramm, kann das Treibhauspotenzial um 45 Prozent reduziert werden.“

Allerdings könnten Menschen, die häufig den Trockner nutzen, sogar noch eine schlechtere Umweltbilanz aufweisen, denn in der Studie wurde davon ausgegangen, dass nur jede zehnte Wäsche im Trockner landet. „Die Ergebnisse unserer Studie machen deutlich, dass der Verbraucher bereits durch die Wäschepflege einen großen Einfluss auf die Umweltauswirkungen seiner Kleidung nehmen kann“, so Roffeis.

Mehr CO2 als Flug- und Schifffahrtssektor

Tatsächlich sind die Umweltauswirkungen der Textilindustrie wohl größer als gemeinhin angenommen. Einer Studie der Ellen McArthur Foundation aus dem Jahr 2017 zufolge produziert die Branche pro Jahr 1,2 Milliarden Tonnen CO2. Das sei mehr als der Flug- und Schifffahrtsverkehr zusammen ausstoßen. Als Ursache des Problems haben Aktivisten den Begriff „Fast Fashion“ ausgemacht; die schnelle Abfolge neuer Kollektionen im günstigen Preissegment, die eine immer kürzere Lebensdauer der Kleidung mit sich bringt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat deshalb im Jahr 2011 die Kampagne „Detox – Entgiftet unsere Kleidung“ ins Leben gerufen.

Die Modeindustrie gibt sich einsichtig. Laut Greenpeace haben 79 Unternehmen die Verpflichtung unterschrieben. Sie wollen demnach ab diesem Jahr keine Giftstoffe mehr in der Produktion einsetzen, darunter große Marken wie H&M, Zara, Adidas oder Levi’s. Auch mit der Wegwerfgesellschaft wollen die Modehändler nach eigenen Angaben brechen.

Viele Marken bieten an, ihre Produkte zu recyceln und führen Kollektionen aus wiederverwendeten Materialien. H&M etwa gibt an, 2018 weltweit 20 649 Tonnen Textilien zur Wiederverwertung eingesammelt zu haben. Das entspräche 103 Millionen T-Shirts. Wie die TU Berlin nun zeigt, liegt die Verantwortung aber nicht nur bei der Industrie, sondern auch bei den Verbrauchern. Der erste Schritt wäre wohl, ein T-Shirt nach 44 Waschgängen nicht wegzuwerfen, sondern weiterzunutzen.

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