"Wir testen die elektronische Gesundheitsakte jetzt"

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Exklusiv Update
Ergo-Deutschland-Chef Achim Kassow : "Wir wollen Versicherungen verstärkt über Alexa verkaufen"


Wie weit sind Sie mit der elektronischen Gesundheitsakte?


Wir haben gemeinsam mit anderen Krankenversicherern ein Projekt mit IBM, das bei uns im Haus Ende des Monats in die Testphase geht. Wir wollen unseren Voll- und Ergänzungsversicherten damit einen persönlichen und digitalen Gesundheitsmanager an die Hand geben, der sie dabei unterstützt, ihre Gesundheit über alle Leistungserbringer hinweg – also Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Versicherer – sicher und komplett zu managen. Und die Schnittstellen sollen sowohl für die gesetzlichen Kassen als auch die privaten Krankenversicherer funktionieren.


Wer erfährt was?


Das entscheidet der Patient. Er kann sagen, wem er Zugriff auf welchen Teil der Akte gibt. Man kann zum Beispiel einer Zahnarztpraxis Zugang zu den Röntgenbildern einer anderen Praxis einräumen, um eine zweite Meinung zu hören. Der Patient hat Hoheit über seine Daten, aber wenn er den Austausch von Informationen billigt, wird dieser erleichtert und kostengünstiger.


Nach der jüngsten Statistik des Versicherungsombudsmanns beschweren sich die meisten Verbraucher über Rechtsschutzversicherungen, etwa weil Versicherer die Prozesse von Dieselfahrern gegen VW nichtbezahlen. Wie handhaben Sie das?


Wir haben uns entschieden, die Prozesse zu finanzieren, andere Versicherer nicht. Jedes Unternehmen entscheidet das für sich. Aus Kundensicht hilft, dass wir jetzt die Musterfeststellungsklage haben und ein Grundsatzurteil bekommen werden. Das gibt Orientierung.

Dieselgate: Die Ergo hat die Rechtsschutzkosten von VW-Dieselfahrern übernommen.
Dieselgate: Die Ergo hat die Rechtsschutzkosten von VW-Dieselfahrern übernommen.Foto: dpa


In Massenfällen wie Flugverspätungen oder Abfindungen bieten Internetplattformen ihre Dienste an. Nehmen Ihnen die Legal Techs Kundschaft weg?


Bislang nicht. Bei standardisierten Fragen haben wir ja auch ein Interesse daran, dass sich die Kunden informieren, bevor sie möglicherweise vergeblich zum Anwalt gehen. Bisher kosten uns die Legal Techs kein Geschäft, im Gegenteil. Die Menschen beschäftigen sich jetzt mehr mit ihren Rechten, die Verbraucher sind zunehmend sensibilisiert für rechtliche Risiken und wollen sich absichern. Rechtschutz ist deshalb ein Wachstumsmarkt. Genauso wie Schutz gegen Cyberrisiken. Die Menschen nehmen wahr, dass es Risiken im digitalen Bereich gibt und suchen nach Schutz. Zu recht. Ich habe selbst mal einen Hackerkurs besucht und mir angesehen, mit wie wenig Aufwand man Passwörter abgreifen kann.

Die Vergangenheit war düster: Die Lustreise von Ergo-Vertriebsmitarbeitern nach Budapest, fehlerhafte Riester-Formulare, Rechenfehler bei Lebensversicherungskunden, rote Zahlen, ein veraltetes Computersystem – bei der Ergo häuften sich die Skandale und Probleme. Der Konzernchef musste gehen, seit 2015 leitet der einstige Allianz-Deutschlandchef Markus Rieß den Ergo-Konzern, seit 2017 steht ihm Achim Kassow zur Seite. Stellen wurden abgebaut, Strukturen gestrafft, und es fließt noch immer viel Geld in die Modernisierung der IT. Inzwischen hat sich die Tochter des Rückversicherers Munich Re gefangen. Nach einem Verlust von 40 Millionen Euro im Jahr 2016 erzielte die Ergo 2017 einen Gewinn von 273 Millionen Euro, 2018 waren es dann sogar 412 Millionen Euro. Weltweit ist die Ergo-Gruppe in 30 Ländern vertreten und beschäftigt 40.000 Menschen.


Achim Kassow (52) ist ein Mann der Zahlen. Nach einer Banklehre hat der Hannoveraner Betriebswirtschaft studiert und promoviert. Rund zwanzig Jahre lang arbeitete er im Bankenbereich, er war unter anderem bei der Deutschen Bank, bei der Commerzbank saß er im Vorstand. 2011wechselte Kassow in den Allianz Konzern, im November 2016 ging er zur Ergo, zwei Monate später wurde er Deutschland-Chef.


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