Erinnerungskultur auf Twitter : Der Social-Media-Manager von Auschwitz und der Hass im Netz

Trotz sechsköpfigem Team postet Pawel Sawicki jeden Tweet selber. Zu sensibel ist sein Thema. Wie blickt er auf Hate Speech in den sozialen Medien?

Sara Walther
2,3 Millionen besuchen im Jahr die Gedenkstätte in Auschwitz. Deren Tweets werden im Monat 146 Millionen mal gesehen.
2,3 Millionen besuchen im Jahr die Gedenkstätte in Auschwitz. Deren Tweets werden im Monat 146 Millionen mal gesehen.Foto: AFP

Anfang des Jahres hat Pawel Sawicki auf Twitter eine Challenge gestartet. „Bitte helft @auschwitzmuseum, eine Million Follower für #Auschwitz75 am 27. Januar 2020 zu erreichen“, lautete sein Aufruf, der in der Timeline des Accounts an erster Stelle angeheftet ist. Das Ziel wurde erreicht. Für den Pressesprecher und Social-Media-Manager der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehören Twitter-Challenges ebenso zu einer modernen Erinnerungsarbeit wie Bilder auf Instagram und Live-Videos bei Facebook: „Unsere Mission ist Bildung. Wir wollen so viele Leute wie möglich erreichen. Auch über Social Media.“

Mit 2,3 Millionen Besuchern jährlich gehört die Gedenkstätte zu den meistbesuchten Museen Polens. „Das ist natürlich eine sehr hohe Zahl“, so Sawicki. „Auf Twitter werden unsere Tweets im Monat bis zu 146 Millionen Mal gesehen. Diese Chance müssen wir nutzen.“ Seit 2007 ist Sawicki Pressesprecher und Museumsführer in der Gedenkstätte. Er war dabei, als die Institution 2009 als erste ihrer Art bei Facebook und Twitter aktiv wurde, und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die virtuelle „Community of Remembrance“ stetig wächst.

„Wenn eine Pizzeria aus Mailand, ein Bach-Chor aus München, ein Fußball-Museum, kanadische Streitkräfte in den USA und ein berühmter Hollywood-Schauspieler wie Mark Hamill ihre Follower auffordern, unserem Account zu folgen, dann bringt das die unterschiedlichsten Leute für eine gemeinsame Sache zusammen.“ Trends und neue Medien scheinen den ehemaligen Radiojournalisten zu begeistern. Auch in seiner Freizeit beobachte er, was in den sozialen Netzwerken vor sich geht, worüber diskutiert wird und was andere Museen machen.

"Man kann schnell zusammenbrechen"

Sawickis eigentliches Anliegen ist es jedoch, das Andenken an die Opfer des Holocaust zu bewahren, ihre Geschichten zu erzählen und so vielfältig wie möglich dafür zu sorgen, dass sie nie vergessen werden. Regelmäßig postet Sawicki Archivbilder von ehemaligen Häftlingen und porträtiert sie. „Ich habe viele Überlebende getroffen, ihren Geschichten zugehört, mich mit ihnen angefreundet. Was ich tue, mache ich für sie. Ich kenne ihre Geschichten, sie sind Teil meines Lebens geworden.“

Auch in anderer Hinsicht ist Sawicki mit Auschwitz verbunden. In der Kleinstadt, an deren Rand die Nazis ab 1940 das Vernichtungslager errichteten, wohnten seine Großeltern. Die Geschichte des Ortes habe er erst später entdeckt und sich seitdem vor allem für die Gedenkstätte interessiert.

Aus Interesse wurde ein Hobby und aus dem Hobby schließlich eine Profession. Als Journalist arbeitete er für Dokumentationen zunächst eng mit der Gedenkstätte zusammen und entschied sich schließlich dafür, voll und ganz in die Museumsarbeit einzusteigen. Auch wenn er die Zeit beim Radio sehr vermisse, bereut er diese Entscheidung nicht. Besonders leicht falle es jedoch niemandem hier, jeden Tag vom Büro aus auf den Stacheldraht zu schauen und mehrmals täglich an den ehemaligen Gaskammern vorbei zu müssen.

„Man kann schnell zusammenbrechen, denn es geht um emotionale Themen. Aber ich sehe einen Sinn in dem, was ich tue. Wir haben eine wichtige Message: Die Leute lernen von uns, wir haben eine positive Wirkung auf sie – das begeistert mich.“

Er postet jedes Bild selbst

Obwohl er mittlerweile ein Team von sechs Mitarbeitern um sich hat, postet Sawicki noch jeden Tweet und jedes Bild auf Instagram selbst. Er habe damit eine enorme Verantwortung, weil die Institution nach außen vor allem an ihrer Sprache gemessen werde. Trotzdem versucht Sawicki, auch mit nur 280 Zeichen so kreativ wie möglich umzugehen.

Gerne regt er auch Diskussionen an. Im März 2019 etwa rief er Social-Media-Nutzer dazu auf, sich nicht mehr auf den Bahngleisen des Vernichtungslagers Birkenau zu inszenieren. „Es gibt bessere Orte, um balancieren zu lernen, als jenen Ort, der für die Deportation und den Tod von Hunderttausenden Menschen steht“, schrieb er in einem Tweet der Gedenkstätte.

Internettrolle bleiben ein Problem

Und dann ist da noch der Hass im Netz. Hate Speech, Internet-Trolle oder Fake News seien ein kontinuierliches, wenn auch kein stärker ansteigendes Problem. Die Community helfe sehr aktiv, gegen Respektlosigkeit vorzugehen, und melde eigenständig Posts, die unangenehm auffallen. Trotzdem wünscht sich Sawicki, dass Plattformen wie Twitter oder Facebook mehr Verantwortung für den Content übernehmen, den ihre User posten. „Die Dienste dieser Firmen haben Milliarden User. Sie sind wichtige Kommunikationsmittel. Wenn Leute darüber immer wieder ungehindert attackiert und beschimpft werden können, hat das schreckliche Folgen.“

Um den Menschen auf Augenhöhe begegnen zu können, sei die Gedenkstätte auf Facebook und Co. angewiesen. Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz steht das Museum im Fokus der Öffentlichkeit. Auf allen Social-Media-Plattformen soll es Livestreams von der offiziellen Gedenkfeier geben.

„Aber“, sagt Pawel Sawicki, „unser Ansatz ist, der Geschichte von Auschwitz nicht nur an großen Jubiläen zu gedenken. Jeder Tag ist ein Jahrestag, an dem etwas Schreckliches in Auschwitz passierte. Wir sollten uns das nicht nur einmal im Jahr in Erinnerung rufen, es sollte Teil unseres Lebens werden.“

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